
engels: Herr Leonhard, man kann den Eindruck haben, dass sich die deutsche Gesellschaft ihre Vergangenheitsbewältigung als schonungslose Konfrontation mit der NS-Diktatur zugutehält, vielleicht auch ein bisschen stolz darauf ist. Zu Recht?
Jörn Leonhard: Die Vorstellung, dass die Aufarbeitung „schonungslos“ gewesen sei, führt in die Irre und verzerrt das Bild. Die Idee, sich mit der NS-Zeit und dem Holocaust auseinanderzusetzen, war in der deutschen Gesellschaft über viele Jahrzehnte extrem umstritten, und dieser Prozess ist auch bis heute nicht beendet. Erst in den letzten Jahren ist etwa in den Bundesministerien, im Bundeskriminalamt und an den Gerichten, zuletzt für das Bundesverfassungsgericht, eine Aufarbeitung der NS-Geschichte geleistet worden. Erinnert sei auch an die Konflikte, die die Diskussion im Auswärtigen Amt ausgelöst hat, als Joschka Fischer die Rolle des Amtes und seiner Beamten im NS aufarbeiten ließ. Es ist ohne Zweifel viel geschehen, aber „schonungslos“ würde ich so verstehen, dass das von vornherein und mit großer Konsequenz geschehen ist, und davon kann sicher keine Rede sein. Zudem gibt es große Unterschiede zwischen staatlichen Institutionen und Wirtschaftsunternehmen. An der Zwangsarbeiterentschädigung beteiligten sich längst nicht alle Wirtschaftsunternehmen, und manche haben bis heute nicht angemessen in den Entschädigungsfonds eingezahlt. Zur zweiten Aussage, ob man darauf ein „bisschen stolz“ sein könne. Als Historiker würde ich argumentieren, dass es kann ja nicht darum gehen kann, uns als Deutsche selbst zu bestätigen, alles richtig gemacht zu haben. Das verweist auf ein grundsätzliches Problem mit dem Begriff der „Vergangenheitsbewältigung“. Denn Vergangenheit lässt sich ja nicht „bewältigen“ in dem Sinne, sie danach mit allen ihren Hypotheken hinter sich zu lassen. Das würde sich sehr stark der Idee des Schlussstrichs nähern. Man kann allenfalls versuchen, sie kritisch aufzuarbeiten und sich zu ihr zu verhalten.
„An der Zwangsarbeiterentschädigung beteiligten sich längst nicht alle Unternehmen“
Wie sieht man von außen auf die „Vergangenheitsbewältigung“?
Es gibt durchaus eine große Anerkennung dafür, dass die Deutschen die entsetzlichen und singulären Verbrechen über viele Jahrzehnte kritisch aufgearbeitet haben. Aber die Neigung mancher Akteure, aus dieser Perspektive anderen Gesellschaften erklären zu wollen, wie sie mit ihrer Vergangenheit umzugehen haben, grenzt an Selbstgerechtigkeit. Das wird in vielen anderen Ländern doch sehr kritisch beäugt. In einer Schulbuchkommission kann man als deutscher Historiker den französischen Kollegen nicht vorschreiben wollen, wie sie Vichy aufzuarbeiten haben. Kein noch so kritischer Umgang mit der eigenen Vergangenheit sollte zu moralischer Selbstgerechtigkeit führen. Das ist insbesondere gegenüber Gesellschaften wichtig, die vom nationalsozialistischen Terror und Kriegsverbrechen besonders betroffen waren, denken Sie nur an Griechenland, Frankreich, die Niederlande, Polen und an andere ost-, ostmittel- und südosteuropäische Länder. Andererseits ist es natürlich kein Zufall, dass sich Gesellschaften nach großen Umbrüchen, wie zum Beispiel Südafrika nach 1989, sehr dafür interessiert haben, wie die Deutschen mit den Verbrechen des Nationalsozialismus umgegangen sind. Ohne Selbstgerechtigkeit und arrogante Belehrung kann ein Dialog sehr konstruktiv sein. Zu den deutschen Erfahrungen nach 1945 zählte ja gerade, dass es sehr lange keinen gesellschaftlichen Konsens zum Umgang mit der eigenen Vergangenheit gab. Dieser Prozess ist bis heute nicht abgeschlossen, weil nach der Wende von 1989 neben die NS-Diktaturerfahrung auch eine eigene DDR-Vergangenheit mit eigenen geschichtspolitischen Prämissen rückte. Hinzu kommt, auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte stattfindet: Es ist ein Unterschied, ob man sich auf die historische Aufarbeitung eines Reichsministeriums oder Gedenkstättenarbeit konzentriert, oder mit der Frage von Kompensationen, Reparationen oder Restitutionen oder ob ich mir ansehe, wie künftige Schüler an diese Vergangenheit herangeführt werden, wenn keine Zeitzeugen mehr leben werden. Mit all diesen Themen haben die Deutschen über viele Jahrzehnte sehr viele Erfahrungen gemacht, die sie weitergeben können – nicht als eine Blaupause, aber als Anregung und Vergleichshorizont.
„Die Deutschen fühlten sich gleich mehrfach als Opfer“
Das Beklagen eines „Schuldkults“, die Sehnsucht nach einem „Schlussstrich“ begleitet diesen Prozess ebenfalls praktisch seit Kriegsende. Wie hat sich das historisch entwickelt?
Zunächst entwickelte sich nach 1945 ein sehr breiter Diskurs in der Bundesrepublik, dessen Leitmotiv die Selbstentlastung der Deutschen war. Sie begriffen sich nicht als Täter, sondern als Opfer. Diese Perspektive wurde durch die Nürnberger Prozesse verstärkt, weil es schien als würden die eigentlich Schuldigen als führende Akteure des NS dort verurteilt. Die Personalisierung und Singularisierung der Schuld leistete der Exkulpation vieler Deutscher Vorschub, was die Frage nach der eigenen Verantwortung umging. Die Deutschen fühlten sich gleich mehrfach als Opfer: der Nationalsozialisten, des alliierten Bombenterrors und schließlich der sowjetischen Vertreibungen am Ende des Krieges. Diese Erzählung schien der Alltagserfahrung von Millionen von Deutschen zu entsprechen. Diese Entlastungserzählung aufzubrechen dauerte sehr lange. Aus der Rückschau wurde 1968 dafür ein wichtiger Moment, indem eine neue Generation Fragen nach der Rolle der Eltern im NS stellte, aber man darf diesen Effekt auch nicht überschätzen. Ein wichtiger Einschnitt waren sicher auch die Auschwitz-Prozesse, aber auch deren Rezeption erreichte sicher nicht alle Deutschen, sondern eher die Eliten. Wir wissen, dass die Auseinandersetzungen mit den eigenen Familienmitgliedern, als ganz normale Deutsche, die Täter wurden, nochmal deutlich später beginnt, etwa in den 70er Jahren. Als die Serie „Holocaust“ 1979 im deutschen Fernsehen lief, wurde in vielen deutschen Familien zum ersten Mal konkret die Frage gestellt, was die eigenen Familienmitglieder über die Verbrechen wussten oder ob sie sogar in sie involviert waren. Eine ähnliche Wirkung hatte die Auseinandersetzung um die Rolle der Wehrmacht durch die Wehrmachtsausstellung ab 1995. Durch sie wurde die lange dominierende Vorstellung dekonstruiert die Wehrmacht sei „sauber“ geblieben und allein die SS-Verbände hätten Verbrechen begangen. Die Erkenntnis, dass auch viele normale Soldaten und Offiziere in den Massenmord verwickelt waren, setzte sich allmählich durch. Einen der wichtigsten Wendepunkte markiert sicher die Rede von Richard von Weizsäcker von 1985, also 40 Jahre nach Kriegsende. Seine Aussage, der 8. Mai 1945 sei eine Befreiung gewesen, war zunächst hoch umstritten. Nicht nur Franz Josef Strauß und Alfred Dregger hielten dagegen, dass der Mai 1945 vor allem eine Niederlage markiere. Seit dem Historikerstreit der 1980er Jahre kommt dann ein neues Element hinzu, nämlich die Frage nach der Vergleichbarkeit und impliziten Relativierung der deutschen Verbrechen. Und schließlich folgte die Debatte um das Holocaustdenkmal und die Kontroverse zwischen Ignaz Bubis und Martin Walser um die Angemessenheit der deutschen Erinnerungskultur und die Metapher des „Schlussstrichs“. Diese Debatte hatte in der Bundesrepublik meist eine rechtskonservative und nationalkonservative Schlagseite. Aber vergessen wir nicht, wie seit den 1960er Jahren, im Kontext der Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern, eine linke Kritik an der angeblichen bundesdeutschen Haltung zu Israel einsetzt, die die Opfer der israelischen Politik ausblende. Das reicht bis zu einem dezidiert linken Antisemitismus im Umfeld der RAF. Das nimmt keinen direkten Bezug zur Schlussstrichdebatte, aber es stellte eine Kritik an einer aus der deutschen Vergangenheit abgeleiteten besonderen Verantwortung für Israel dar.
„Gefahr, dass das Bewusstsein für die Singularität dieses Menschheitsverbrechens verloren geht“
Der zeitliche Abstand ist heute deutlich, wenige Zeitzeugen leben noch. Was bedeutet der Verlust unmittelbarer Erinnerungen und Begegnungen für die Erinnerungsarbeit?
Das ist sicher ein ganz tiefer Einschnitt, weil die Authentizität der Erzählung und der konkret vermittelbaren Opferperspektive wegfällt. Man hat in der Gedenkarbeit das Problem sicher schon vor vielen Jahren erkannt und versucht, auch mit neuen Medien, darauf zu reagieren, etwa durch die Aufzeichnung und Archivierung von Zeitzeugeninterviews. Aber den Besuch einer Schule durch einen Holocaust-Zeitzeugen wird das nicht kompensieren können, weil eine persönliche Begegnung eine ganz andere Qualität hat als ein digitalisiertes Interview. Zumal wir auch damit rechnen müssen, dass die Kritiker dieser Erinnerungskultur die Authentizität dieser Interviews in Frage stellen und Manipulation unterstellen. Der Generationswechsel, das Aussterben der unmittelbaren Zeitzeigen bedeutet auf jeden Fall eine Art eine qualitative Veränderung: Die Unmittelbarkeit der Vermittlung der Opferperspektive tritt zurück und für Gedenkstätten und Museen wird es eine große Aufgabe sein, darauf zu reagieren und zu verhindern, dass das Wissen um die Verbrechen antiquarisch und musealisiert wird, den Bezug zur Gegenwart verliert. Dann besteht die Gefahr, dass das Bewusstsein für die Singularität dieses Menschheitsverbrechens verloren geht und zu einem Kapitel unter vielen in der Geschichte von Verbrechen und Opfern wird.
„Die koloniale Vergangenheit muss in Deutschland erst mühsam freigelegt werden“
Erinnerungskultur verbinden wir fast ausschließlich mit der NS-Zeit. Versuche, die weiter zurückliegende Kolonialgeschichte aufzuarbeiten, sehen sich stärkerem Widerstand gegenüber. Spielt der zeitliche Abstand auch hier eine Rolle?
Im Bewusstsein vieler Deutscher endete der Kolonialismus spätestens 1918 mit dem Ende des Kaiserreichs und der im Versailler Vertrag verfügten Aufgabe der Kolonien. Die NS-Vergangenheit mit ihren Verbrechen hat dann in der Erinnerung eine viel größere Bedeutung erhalten als diese koloniale Vergangenheit. Für die meisten Deutschen ist der Kolonialismus eine Art von Vorvergangenheit. Das ist in Großbritannien, Frankreich, Belgien oder den Niederlanden ganz anders, weil alle diese Gesellschaften auch am Ende des Zweiten Weltkriegs noch Kolonialmächte sind und diesen Abschied von ihren Kolonien erst vor sich haben. Die Dekolonialisierung prägt diese Gesellschaften auch als Einwanderungsgesellschaften, während weder in der Bundesrepublik noch in der DDR die koloniale Vergangenheit Deutschlands ein Thema ist. Aber diese Vergangenheit kommt zurück, etwa in der Aufarbeitung universitärer Sammlungen und der Museen mit dem Raubgut aus den Kolonien wie den Benin-Bronzen. Auch in der kontroversen Diskussion um die Kontinuität von Gewaltkulturen „von Windhoeck nach Auschwitz“ kommt die koloniale Geschichte wieder hervor. Diese Vergangenheit muss aber in Deutschland erst mühsam wieder freigelegt werden, um sie ins Bewusstsein der Deutschen zurückzubringen, etwa in der Debatte um das Bismarck-Denkmal in Hamburg. Zudem fällt diese Debatte, die wir jetzt in Deutschland erleben, in den Kontext eines globalen Kulturkampfs. Diejenigen, die diese Aufarbeitung ablehnen, verdächtigen sie häufig der „Wokeness“ wie in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien oder Frankreich und verbinden damit den Vorwurf, die eigene Geschichte schlechtzureden. Gerade im Umkreis der AfD erscheint das Kaiserreich daher häufig als idealisierte Phase der deutschen Geschichte, mit wirtschaftlichen Erfolgen, den Sozialversicherungen und dem Rechtsstaat – und gegenüber diesen Errungenschaften wird die koloniale Gewalt dann verharmlost. Die Diskussion, die wir jetzt erleben, ist eine deutsche Variante eines globalen Phänomens, so wie in den Vereinigten Staaten die Kontroversen um die Aufarbeitung der Sklaverei oder in Großbritannien die Debatte um die dunklen Seiten des Britischen Empires.
„Wirkungsgrenze der politischen Bildungsarbeit“
Rechte Positionen und Parteien haben derzeit viel Erfolg. Wie passt das mit der Erinnerungskultur zusammen?
Wir haben in der Bundesrepublik lange Zeit gedacht, dass eine intensive Aufarbeitung und eine moderne Bildungsarbeit, etwa über die Bundeszentrale und die Landeszentralen für politische Bildung, über schulische Lehrpläne, über Museen und Gedenkstätten gegen das Aufkommen eines Rechtsextremismus immunisiere. Aber diese Anstrengungen der Aufarbeitung und Vermittlung haben offensichtlich nur eine begrenzte Wirkung, und viele junge Menschen sind damit nicht erreicht worden. Das Aufkommen rechtspopulistischer und -extremer Parteien kann man nicht allein damit erklären, dass an den Schulen kein guter Geschichtsunterricht angeboten wird. Diese Entwicklung hat ganz viele unterschiedliche Ursachen. Dazu zählt etwa die Erfahrung des Umbruchs von 1989/90, das Gefühl der ungleichen Startchancen und ebenso der Eindruck, dass die Globalisierung vielleicht wenige Gewinner, aber umso mehr Verlierer hervorgebracht hat – auch dies eine Entwicklung, die wir nicht nur in Deutschland sehen. Der Umbruch der Parteiensysteme, das Aufkommen populistischer, rechtsnationaler, nationalkonservativer und dann eben auch völkischer und rechtsextremistischer Parteien beobachten wir in unterschiedlichen Varianten in praktisch allen europäischen Gesellschaften, in westeuropäischen wie in osteuropäischen. Wir beobachten es jetzt sogar in Großbritannien – also einer Gesellschaft ohne eine faschistische Vergangenheit. Gegenüber diesen strukturellen Entwicklungen fällt die Wirkungsgrenze der politischen Bildungsarbeit und der wissenschaftlichen Aufarbeitung umso deutlicher auf.
„Schule muss darauf achten, dass das Wissen über den Nationalsozialismus nicht abstrakt bleibt“
Gerade unter Jugendlichen gibt es eine auffällige Tendenz nach rechts. Wie kann Schulunterricht darauf reagieren?
Natürlich müssen die Schulen immer wieder dagegenhalten, aber es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Den Lehrerinnen und Lehrern vorzuwerfen, ein schlechter Geschichtsunterricht führe zu den Wahlerfolgen der AfD, greift viel zu kurz. Ich schließe nicht aus, dass Jugendliche einen hervorragenden Geschichtsunterricht erhalten, und nach der Schule konsumieren sie soziale Medien oder gehen in ihre Vereine und hören dort etwas ganz anderes – das wird der Geschichtsunterricht allein, egal wie gut er ist, nicht kompensieren können. Was kann die Schule dann leisten? Sie muss meiner Meinung nach darauf achten, dass das Wissen über den Nationalsozialismus nicht abstrakt bleibt oder sich im Auswendiglernen von Informationen erschöpft. Eine Möglichkeit besteht darin, das Thema viel stärker in die aktuelle und lokale Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern zu übersetzen, etwa mit ihnen ins Archiv zu gehen, um festzustellen, was in ihrer Stadt, ihrem Dorf nach 1933 passiert ist. Hier in Freiburg hatten wir zum Beispiel eine Kooperation zwischen Universität und sehr engagierten Geschichtslehrerinnen und -lehrern, bei der wir mit Schülerinnen und Schülern ins Tagebucharchiv nach Emmendingen gegangen sind und dort Tagebücher von damals gleichaltrigen Schülerinnen und Schülern zwischen 1933 und 1945 gelesen und ausgewertet haben. So wurde aus einem abstrakten und vagen Thema des Geschichtsunterrichts etwas sehr Konkretes, das die Schülerinnen und Schüler direkt und persönlich ansprach, weil sie den Aussagen von damals Gleichaltrigen konfrontiert waren. Es hat sie wirklich gefesselt und an ihren Präsentationen, die sie später als Ergebnis vorlegten, konnte man spüren, dass sie wirklich etwas verstanden hatten. Eine zweite Möglichkeit sind gut vorbereitete Exkursionen. Ich würde jetzt nicht so weit gehen wollen, dass jeder deutsche Schüler und jede Schülerin eine KZ-Gedenkstätte besucht haben sollte, auch wenn das im Prinzip sehr zu wünschen wäre. Aber es gibt eine Vielzahl wirklich sehr guter Gedenkstätten mit eigenen pädagogischen und didaktischen Angeboten, die man intensiver nutzen sollte. Das setzt voraus, dass man so eine Exkursion auch finanzieren kann und dass es überhaupt noch einen Geschichtsunterricht gibt, der den Namen verdient und einen festen Stellenwert im Curriculum hat. Da sind die Schulen gefordert, die Curricularkommissionen, aber ebenso die Universitäten, an denen wir die Lehrerinnen und Lehrer ausbilden, damit sie mit modernen didaktischen Methoden das, was wir über diese Vergangenheit wissen, auch gut vermitteln können.
„In der Kulturpolitik könnte eine AfD-Regierung versuchen, schnell Tatsachen zu schaffen“
Erstmals seit Kriegsende könnten gesichert rechtsextremistische Kräfte, die von einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ fabulieren, in diesem Jahr auf Landesebene in Regierungsverantwortung kommen. Welche Gefahren drohen der Erinnerungsarbeit und ihren Institutionen?
Da drohen sehr konkrete Gefahren. Das fängt bei den Museen und Gedenkstätten an, die sich in der institutionellen Aufsicht der Bundesländer befinden und von diesen wesentlich finanziert werden – man muss nur nachlesen, was AfD-Vertreter vor kurzem über die Kultur des „Bauhauses“ gesagt haben. Gefahren drohen auch für die Landeszentralen für politische Bildung, für die Schulen, denn die Kultushoheit ist Ländersache. Hier gibt es Möglichkeiten, die Curricula zu verändern. Und es reicht bis zur Besetzung wichtiger Professuren an den Landesuniversitäten, denn auch diese Entscheidungen fallen auf Länderebene. In all diesen Bereichen könnte eine AfD-Regierung oder eine Regierung unter AfD-Beteiligung also sehr schnell sehr konkrete Maßnahmen treffen, etwa indem man die Finanzierung einer Institution reduziert oder einstellt oder darauf drängt, eine missliebige Museumsdirektorin oder einen Direktor loszuwerden – alles Entwicklungen, die wir in Ungarn oder Polen unter der PiS-Regierung andauernd gesehen haben. Nun ist die Bundesrepublik ein föderales System, so dass man auch auf einen abschreckenden Effekt der Entwicklung in einem Bundesland setzen kann; und einen Zentralstaat, in dem man diese Dinge allein von Berlin aus verändern kann, haben wir nicht. Wir könnten aber erleben, dass es in einem Bundesland wie Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern oder irgendwann Thüringen oder Sachsen geschieht. Die Möglichkeiten, dem in der Kulturpolitik wirksam etwas entgegenzusetzen, sind gar nicht so groß. In anderen Bereichen, etwa im Verfassungsschutz, den Gerichten oder bei der Polizei, gibt es viel mehr Möglichkeiten der Absicherung, aber in der Kulturpolitik oder der Gedenkstättenarbeit könnte eine AfD-Regierung versuchen, sehr schnell Tatsachen zu schaffen. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen gerade in Sachsen-Anhalt blicken mit einem sehr mulmigen Gefühl auf den Herbst.
„Reaktion der deutschen Zivilgesellschaft gefordert“
Angesichts dessen wirken Rufe, man möge die AfD doch in Regierungsverantwortung einbinden und „entzaubern“ doch sehr riskant …
Solche Zähmungskonzepte können eben auch fundamental schief gehen, wie sich unter ganz anderen Umständen auch am Ende der Weimarer Republik zeigte, als die Rechtskonservativen auf die Zähmung und Entzauberung Adolf Hitlers setzten. Auch wenn man diese Analogie nicht zu weit treiben darf, könnte eine AfD-Regierung unabsehbare Dynamiken entwickeln. Das könnte im Herbst dieses Jahres Realität werden.
„Trotz allen Problemen: Wir haben ein hohes Niveau an historischem Bewusstsein“
Welche Gegenmaßnahmen wären möglich?
Da ist wirklich eine Reaktion der deutschen Zivilgesellschaft gefordert, und ich bin zuversichtlich, dass es die auch geben wird. Wir haben es an den Reaktionen gesehen, als Friedrich Merz es im Bundestag auf eine Mehrheit mit der AfD hat ankommen lassen. Bei Vorträgen und Podiumsdiskussionen bin ich als Historiker immer wieder davon beeindruckt, wie viele Menschen sich für diese Themen wirklich interessieren, gerade auch außerhalb der Universitäten, in Vereinen, an den Volkshochschulen, und dass es ein großes Interesse an gesichertem Wissen gibt, das etwas anderes ist als Verschwörungserzählungen oder Geschichtsmanipulationen in Social-Media-Kanälen. Trotz aller Sorge und allen erwähnten Problemen haben wir immer noch ein hohes Niveau an historischer Bildung und historischem Bewusstsein. Aber die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen auch, dass ein angemessener Umgang mit der eigenen Vergangenheit alles andere als selbstverständlich ist, und dass man für diesen Umgang konkret einstehen muss, um zu verhindern, dass andere abgesichertes Wissen durch manipulative Geschichtspolitik ersetzen. Diese Gefahr gab es immer, aber sie ist in der Gegenwart enorm angewachsen.
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