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Christine Flaßbeck
Foto: © Mina Esfandiari

„Heute sind die Menschen eher bei sich“

28. Mai 2026

Teil 2: Interview – Kommunikationspsychologin Christine Flaßbeck über Sprache im Wandel

engels: Frau Flaßbeck, junge Leute „bekämen kaum noch die Zähne auseinander“, sagen manche. Ist das Handy schuld?

Christine Flaßbeck: Das mit dem Handy ist natürlich ein ganz großer Punkt. Man kann das sehr gut in den öffentlichen Verkehrsmitteln beobachten, wo früher vielleicht häufiger noch mal ein kleiner Schnack stattfand oder ein Sitzplatz angeboten wurde. Heute sind die Menschen eher ganz bei sich. Sie sind zugestöpselt mit Kopfhörern, haben den Blick auf ihrem Handy oder irgendwo in der weiten Ferne und schauen ins Nichts. Allein dadurch kommt ja schon viel weniger Kommunikation zustande in unserem Alltag. Auch im Supermarkt haben viele Leute Ohrstöpsel drin und sind mit dem Handy beschäftigt. Das bedeutet, die Menschen stehen in irgendeiner Kommunikation mit anderen, die physisch nicht präsent sind. Somit wird unsere Kommunikation mit denen, die sich direkt um uns befinden, durchaus weniger.

Menschen kommunizieren mit anderen, die physisch nicht präsent sind“

Hat sich Kommunikation also verändert?

Wir können fortlaufend beobachten, dass sich die Sprache verändert. Kurznachrichtendienste haben ihren Beitrag geleistet, solche Begrenzungen wie, ich glaube 140 Zeichen waren es nur bei Twitter, die man nutzen konnte. Dadurch hat sich auch Sprache verändert. Man drückt sich kürzer aus, man hat so irgendwelche Shortcuts, die man verwendet. Das ist aber nicht unbedingt die Sprache – oder eigentlich gar nicht – die die älteren Generationen gelernt haben. Diese Umgangsformen von früher, die lernen junge Leute ja nicht. So was wie „Gestatten Sie“, das ist vielleicht in bestimmten Kreisen noch üblich oder bei einer sehr streng traditionellen Erziehung möglicherweise, aber nicht der Usus. Ich glaube aber nicht, dass junge Leute per se nichts sagen könnten. Ich gehöre zu der Fraktion Mensch, die andere auch einfach anspricht. Wenn ich bei jemandem in der Bahn gegenüber ein verzerrtes Gesicht wahrnehme, die Person fasst sich an den unteren Rücken, dann sage ich: „Oh, Rückenschmerzen?“ Weil ich das ja wahrnehme. Und meine Erfahrung ist eher positiv, wenn man jüngere Leute anspricht. Sie können sehr wohl den Mund aufmachen, wenn sie direkt angesprochen werden. Kommunikation funktioniert in beide Richtungen! Man muss also fragen: Was tun die anderen denn dazu? Sprechen die Älteren die Jüngeren denn auch an? Traut man sich auch wirklich, in diesen Kontakt zu gehen?

Sprechen die Älteren die Jüngeren denn auch an?“

Könnte Künstliche Intelligenz (KI) helfen, das Gespräch wieder anzukurbeln?

Sicher ist es legitim, auch KI als Sparringspartner zu nutzen, um sich Ideen zu holen. Problematisch wird es dort, wo vielleicht das, was eingegeben wird, als Anfrage vielleicht nicht präzise genug ist. Die KI arbeitet im Grunde mit Wahrscheinlichkeiten: Welche Wörter kommen wahrscheinlich gemeinsam vor? Was die KI aber nicht weiß, ist: Wer bin ich eigentlich? Wie spreche ich normalerweise? Und plötzlich komme ich mit so roboter-vorgefertigten, vielleicht auch idealtypischen Sätzen, wie man sie irgendwo liest, beispielsweise aus „Gewaltfreie Kommunikation“ nach Rosenberg. Dann spreche ich wie ein Roboter diese Sätze runter und das wirkt überhaupt nicht mehr authentisch.

Dann spreche ich wie ein Roboter“

Wie steht es um Konflikte? Manchmal erzeugt es schon Wut, wenn jemand gendert.

Sprache ist nichts Statisches, sondern Sprache entwickelt sich fortlaufend weiter. Wir nehmen Begriffe neu auf in unseren Wortschatz, irgendwann stehen sie im Duden. Andere sterben auch aus, wie zum Beispiel „Schreibmaschine“, weil es die Geräte nicht mehr gibt und die Nutzung des Worts sich über die Zeit verringert hat. So ändert sich auch unsere Sprache genauso wie das Konzept von Gender. Wir leben in einer Gesellschaft, wo wir hauptsächlich binär denken. Auf dem Steuerbogen und auf vielen Formularen wird heute neben Frau und Mann auch Divers angeboten. Und doch reicht das nicht, weil sich viele Menschen nirgendwo einordnen wollen. Wenn Innovationen passieren, dann gehen diese in der Regel von einer Minderheit, von Einzelnen oder von einer kleinen Gruppe aus. Und wenn diese Minorität dabei bleibt, das kontinuierlich weiterzuverfolgen – das ist so diese Euphorie der Innovation – dann wird sich das auch durchsetzen und die breite Masse wird das irgendwann annehmen. Aber dieser Prozess kann sich über Jahrzehnte hinziehen, vielleicht ist er auch nie abgeschlossen. Die große Vielfalt an Begriffen widerspricht dem Bedürfnis der Menschen nach vermeintlich klarer Orientierung. Lange galten einfache Einteilungen wie „männlich“ und „weiblich“ als selbstverständlich. Wenn gesellschaftliche Wirklichkeiten komplexer sichtbar werden, kann das manche zunächst verunsichern oder schlichtweg überfordern.

Interview: Daniela Prüter

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