Die deutsche Wirtschaft steckt in einer Wachstumskrise, mal wieder. Aus der Union kommt der Vorwurf, in Deutschland werde zu wenig und zu ineffizient gearbeitet. Abhilfe soll eine erneute Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes schaffen: Dahinter stehen Vorstöße aus der Politik zur Erhöhung der Arbeitszeit – gleichbedeutend mit einer Absage an viele Menschen, die sich nach mehr Entlastung und Freizeit im Berufsalltag sehnen. Besonders das Modell der 4-Tage-Woche steht in der Kritik: Es sei wirtschaftlich kaum tragbar und bedeute ein Risiko für den wirtschaftlichen Wohlstand. Der Arbeitsalltag der Wake Up Communications, einer PR- und Social-Media-Agentur mit Sitz in Düsseldorf, zeichnet allerdings ein anderes Bild.
„Wir sind eine kleine mittelständische, sehr familiäre Agentur, die zehn Mitarbeitende beschäftigt“, sagt Geschäftsführerin Nadja Amireh. Ihre Agentur ist in der strategischen Markenkommunikation tätig. Seit vier Jahren wird dort ein 4-Tage-Woche-Modell umgesetzt: Nur jeder zweite Freitag zählt zu den Arbeitstagen, bei reduzierter Wochenarbeitszeit und vollem Urlaubs- und Lohnausgleich. Da der Freitag aufgrund der Kundenstruktur schon immer ein kurzer Arbeitstag war, bot es sich an, ihn für Freistellungen zu nutzen, erklärt Amireh. Allerdings müsse auch dann zumindest halbtags jemand vor Ort sein, damit Kundenanfragen beantwortet werden können.
Keine Verluste
Ob die 4-Tage-Woche die bessere Alternative ist, sei allerdings nur schwer messbar, so Amireh. Nachteile ergäben sich aus dem Modell aber bislang nicht. „Alle machen ihren Job gut, es gibt keine dramatischen Abgründe, keinen Abfall, es bleibt nicht mehr liegen.“ Zwar traten die in Studien zur 4-Tage-Woche beschriebenen Vorteile rasch ein – hielten aber nicht lang: Im ersten Jahr sei die Anzahl der Bewerbenden und ihre Qualität spürbar gestiegen, die Mitarbeitenden seien sichtlich motivierter und zufriedener gewesen, erklärt Amireh. Doch mittlerweile sei die 4-Tage-Woche normal geworden und die zuvor beobachteten Positiv-Entwicklungen pendelten sich wieder auf das gewohnte Niveau ein.
Obwohl die 4-Tage-Woche für Amireh positive Folgen hat, sei sie kein Garant für Erfolg. Schließlich verbuche die Agentur durch sie nicht automatisch mehr Umsatz. „Die 4-Tage-Woche ist ein Geschenk“, so Amireh, das nur gemacht werden könne, wenn es die wirtschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen erlaubten. Insofern sei das Konzept mit bestimmten Erwartungen an die Mitarbeitenden verknüpft, etwa die anfallende Arbeit an den vier Tagen zu erledigen und im Ernstfall einzuspringen, wenn es aufgrund eines personellen Engpasses kritisch werden sollte, erklärt Amireh. „Bisher bin ich da noch nicht enttäuscht worden, das ist eine schöne Erfahrung.“
Zu wenig politische Offenheit
Bei aller Sympathie für die 4-Tage-Woche solle man mit Blick auf die wirtschaftliche Wachstumskrise aber nicht allein auf verkürzte Arbeitszeiten bauen, erwidert Amireh. „Ich denke, dass wir mehr tun müssen, um die deutsche Wirtschaft anzukurbeln.“ Allerdings setze der politische Diskurs zu wenig Anreize für viele Arbeitnehmer:innen, die sich mehr Ausgewogenheit zwischen Beruf und Privatleben wünschen. Mehr Offenheit gegenüber verkürzten Arbeitszeitmodellen von Seiten der Politik, könne ein sehr positives Zeichen an viele junge Menschen senden, so Amireh. Denn ohne sie kann der Ausstieg aus der wirtschaftlichen misslichen Lage nicht bewältigt werden.
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Lohn der Angst
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Teil 1: Lokale Initiativen – Solidarisch und unbeirrbar: Wuppertals Frauenverband Courage
Rauf mit der Hemmschwelle
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Teil 1: Lokale Initiativen – Gut aufgestellt in Wuppertal: Pro Familia berät zu Schwangerschaft, Identität und Lebensplanung
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Teil 3: Lokale Initiativen – Saegge klärt in Bochum über Populismus auf