
„Was ist unser Daseinszweck? Was erfüllt unser Leben mit Sinn und unsere Herzen mit Licht und Wärme? Um uns daran zu erinnern, liebe Gemeinde, haben wir uns heute hier versammelt.“
„Ich hasse Montage“, flüstere ich zu Julia.
„Heute ist Mittwoch“, spricht sie aus dem Mundwinkel, ohne den Blick von dem Bildschirm abzuwenden.
„Die hasse ich genauso. Denn jeden Tag ist es eh derselbe Mist“, sage ich und gähne.
„Die Antwort ist nicht neu und sie ist einfach, liebe Gemeinde. Doch allzu oft vergessen wir sie in dieser heutigen chaotischen Zeit“, fährt der Mann in dem MS-Teams-Fenster auf dem Monitor in gewohnt einschläferndem Ton fort. „Liebe Gemeinde, wir sind hier, Sie sind hier für die nächsten acht vertraglich vereinbarten und zwei freiwilligen zusätzlichen Stunden an diesem Ort, damit Sie Ihren Dienst an unserem Herrn und Gott leisten können: der Arbeit. Wir leben, um zu arbeiten.“
Erst die Arbeit …
„Wir leben um zu arbeiten“, plappert Julia pflichtbewusst nach.
„Wir lehm umsuarbeitn“, nuschele ich und fange mir damit einen tadelnden Blick von Jürgen ein.
Der Chief Worshipping Executioner predigt weiter: „Wir danken unseren Arbeitgebern, dass wir diesen Dienst leisten dürfen.“
Julia und Jürgen danken unserem Arbeitgeber, während ich meinen Mund kaum noch aufkriege. Heute bin ich ganz besonders unausgeschlafen. Die Augen werden mir schwer.
„Und erlöse und von der Freizeit und Faulheit, und behüte uns vor der Sünde der Arbeitslosigkeit.“
„Jetzt und bis ins Rentenalter“, höre ich meine Kollegen noch sagen, bevor unser Büro von einem lila Dunst verschlungen wird. Mir ist, als würde ich mich einmal kopfüber im Kreis drehen, dann wird mir kurz schwarz vor Augen.
… und nur die Arbeit
Als ich meine Augen wieder öffne, bin ich nicht mehr umgeben von absurd futuristisch designten Bürostühlen, weißen Kabelblenden, die in TÜV-geprüften Sicherheitssteckdosen münden, und vollkommen überdimensionierten Curved-LCD-Monitoren, sondern von hölzernen Hockern, Stapeln von Reisig, Zunder und Holz, die ein offenes Kaminfeuer nähren sollen und einem großen, beweglichen Gestänge voller Fäden und Schnüre.
Die Frau, die an diesem Apparillo zugange ist, schaut mich an. „Willkommen, Fremder. Kannst du weben?“
„Äh, nein“, antworte ich wahrheitsgemäß.
„Das macht nichts. Ich bin ja schließlich Weberin. Dann kannst du sicher töpfern, oder?“
„Ähm, nein, auch nicht.“
„Was ist denn dein Handwerk?“, fragt die Frau.
Von wegen Krieger
Kurz bin ich versucht, „Ahu! Ahu!“ zu rufen, doch ein spartiatischer Krieger bin ich auch nicht. Stattdessen gebe ich Auskunft: „Ich bin äh gelernter Kaufmann für Groß- und Außenhandelsmanagement. Zurzeit arbeite ich als Key Account Synergy Analyst an der Schnittstelle zwischen dem Mergers-&-Acquisitions-Department und dem Internal R & D.“
Für einen Moment setzt das Klappern und Wischen des Webstuhls aus.
Der Webstuhl setzt sich wieder in Bewegung. „Und was machst du da?“
„Ich äh …“, setze ich an. Ich sehe mich im Raum um. Da stehen ein halbfertig geflochtener Korb, ein Spinnrad und ein Amboss. An der Wand hängen Sägen, Äxte und Messer in unterschiedlichen Größen.
„Ich erstelle Pivot-Tabellen. Die visualisiere ich und füge dies dann in Präsentationen ein“, führe ich aus.
Marx im Blick
Das Befremden im Blick der Fremden macht mir bewusst, was Karl Marx mit Entfremdung von der Arbeit gemeint hat. Trotzdem sagt sie mit freundlicher Stimme: „Das klingt ja aufregend. Deine Familie muss stolz auf dich sein. Was für Werkzeuge benutzt du dafür?“
„Excel und PowerPoint vor allem“, sage ich.
„Sind die schwer? Kannst du sie mir zeigen?“
„Äh nein, das sind keine Werkzeuge im eigentlichen Sinn. Da, wo ich herkomme“, versuche ich zu erklären, „wird körperliche Arbeit von Maschinen erledigt.“
„Ach wirklich? Das ist ja toll!“
„Ja. Und die Berichte lasse ich auch von ChatGPT schreiben.“ In meine Stimme mischt sich ein stolzer Unterton, den ich mir selbst nicht erklären kann.
„Dann musst du gar nicht mehr arbeiten?“ Die Augen der Frau werden groß.
Im Vormerz
„Nun, äh, doch … Die Maschinen nehmen uns die meiste Arbeit ab, aber seit wir die Arbeit zur Staatsreligion erhoben haben, arbeiten wir wieder mehr als zuvor, mehr als im Vormerz auf jeden Fall.“
„Aber warum?“
„Weil jemand die Arbeit ja machen muss …“
„Ich webe diesen Stoff, weil ich neue Vorhänge brauche, bevor der Winter kommt. Wenn ich für heute genug gewoben habe, gehe ich an den Fluss und spiele etwas Flöte.“ Die Frau macht eine Pause. „Kannst du denn nähen?“, fragt sie.
Auch das muss ich verneinen.
„Ach, wir finden schon eine nützliche Arbeit für dich.“ Sie lächelt. Der Webstuhl setzt sich wieder in Bewegung.
Ketzer und Petze
Da springt auf einmal die Tür neben mir auf, dass die Blätter auf der Flipchart hochwehen.
„Schneider! Man hat mir mitgeteilt, dass Sie bei der morgendlichen Leistungsandacht wieder eingeschlafen sind!“ Der Chef hat einen knallroten Kopf. Jürgen steht hinter ihm.
„Und ketzerische Träume hat er auch. Er spricht im Schlaf!“ Den typischen Tonfall der Petze haben Menschen wie Jürgen seit der Grundschule perfektioniert.
Ich sehe den Chef an, dann Jürgen, dann die Flipchart, auf der in bemüht ordentlicher Schrift „Leistung statt Lifestyle“ steht. Und plötzlich muss ich kurz auflachen. Nicht laut, nur so ein kleines, schmutziges Schnauben. „Vielleicht“, sage ich, „war ich gar nicht eingeschlafen. Vielleicht war ich nur kurz frei.“
Stille.
Dann fällt irgendwo ein Stift. Und ich weiß: Das war kein Ausrutscher. Das war Blasphemie.
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Lohn der Angst
Intro – Nach der Arbeit
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Teil 1: Leitartikel – Politik und Wirtschaft lassen Arbeitslose oft im Stich
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Teil 1: Interview – Experte Matthias Auer über den Arbeitsmarkt für Jung-Akademiker
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Teil 1: Lokale Initiativen – Die GESA Gruppe in Wuppertal hilft bei der Rückkehr ins Arbeitsleben
Erst das Vergnügen
Teil 2: Leitartikel – Industriearbeit ist ein Auslaufmodell
„Das BGE würde eher schaden als nützen“
Teil 2: Interview – Philosoph und Ökonom Birger Priddat über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens
Mehr als Existenzsicherung
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Attac-AG „Genug für alle“ aus Bonn
Klassenkampf von oben
Teil 3: Leitartikel – CDU und SPD wenden sich gemeinsam gegen arbeitende Menschen
„Je länger ein Arbeitstag dauert, desto unproduktiver wird er“
Teil 3: Interview – Gewerkschafter Stephan Krull über kürzere Arbeitszeiten und gesellschaftliche Teilhabe
Geschenkte Freizeit
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Agentur Wake Up Communications Düsseldorf
Vertrauen durch Bildung
Was tatsächlich gegen Arbeitslosigkeit hilft – Europa-Vorbild Dänemark
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Durch uns die Sintflut
Der nächste Weltuntergang wird kein Mythos sein – Glosse
Der Marmeladen-Effekt
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Zwischen Selbstoptimierung und Abhängigkeit – Glosse
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