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Matthias Auer
Foto: Uniwunder GmbH

„Eine gewisse Unsicherheit und Versagensängste“

30. April 2026

Teil 1: Interview – Experte Matthias Auer über den Arbeitsmarkt für Jung-Akademiker

 

engels: Herr Auer, eine aktuelle Umfrage im Auftrag Ihres Unternehmens ergab, dass über die Hälfte der Studienabsolventen mehr als vier Monate nach einem Job suchen. Wie ordnen Sie die Ergebnisse ein?

Matthias Auer: Wir sehen gerade einen etwas abkühlenden Arbeitsmarkt, das trifft den Einsteiger-Bereich überproportional und führt dazu, dass Absolventen jetzt etwas länger brauchen, um einen Job zu finden. Dazu muss man allerdings auch sagen, dass wir aus einer eher extremen Marksituation kommen, in der unter Umständen sogar schon in weniger als vier Wochen nach dem Abschluss der Job eingetütet war. Das normalisiert sich gerade ein bisschen. Jetzt ist es auch durchaus normal, dass man mal zwei, drei Monate braucht. Die gute Nachricht ist, dass derzeit trotzdem weit über 90 Prozent der Absolventen einen Job finden. Es dauert nur einfach länger. Wir sehen aber auch eine Absolventengeneration, die eine gewisse Unsicherheit und Versagensängste mitbringt, sich vielleicht etwas schnell frustrieren lässt, wenn es nicht gleich klappt. Dazu kommt eine ganz andere Erwartungshaltung, weil man in den Jahren des Studiums immer gehört hat, danach ist der Job sicher. Aber am Ende des Tages ist die Situation aktuell nicht kritisch. Die Jobsuche ist nur einfach ein bisschen mühseliger geworden im Vergleich zu den letzten Jahren.

Kein Zeichen von Faulheit, sondern einer gewissen Vorstellung, das Leben zu gestalten

Speziell der Gen-Z – den 1995 bis 2000 Geborenen – wird gerne vorgeworfen, sie seien zu faul.

Ich glaube nicht, dass dieser pauschale Vorwurf der Faulheit begründet ist. Wir haben – gerade im akademischen Bereich – eine Generation, die wohlhabender aufgewachsen ist als die Generation davor. Sie ist deshalb nicht unbedingt auf sozialen Aufstieg und möglichst viel materiellen Zugewinn ausgerichtet, sondern überlegt sich, worauf man noch achten kann. Die Work-Life-Balance, die Flexibilität der Arbeit und all diese Themen, die mehr ins Privatleben reingehen, haben dort eine höhere Priorität gewonnen. Das ist aus meiner Sicht aber kein Zeichen von Faulheit, sondern einfach von einer gewissen Vorstellung, das Leben zu gestalten. Ihre Erwartungen resultieren auch aus dem, was die Arbeitgeber in den letzten Jahren im Kampf um Talente nach außen signalisiert haben. Insofern sind diese Erwartungen auch ein Produkt ihrer Umwelt. Gleichzeitig gehören für diese Generation eine persönliche wie auch berufliche Weiterentwicklung und die Vergütung zu den Topfaktoren bei der Arbeitgeber-Wahl. Das passt also nicht zur Unterstellung, dass jemand faul ist und nicht arbeiten will, sondern zeigt im Gegenteil eine gewisse Ambition, die die Leute mitbringen. Daneben gibt es Versagensängste. Sorgen, den Arbeitgeber oder das Team zu enttäuschen und den Aufgaben nicht gewachsen zu sein. Das passt nicht zu jemandem, der eine faule Einstellung hat.

Die Erwartungen der Gen Z sind auch ein Produkt ihrer Umwelt“

Arbeitslose Studienabgänger bekommen allenfalls Bürgergeld und manche müssen Bafög zurückzahlen. Erhöht das den Druck?

Aktuell finden die meisten Absolventen innerhalb von sechs Monaten einen Job. Das heißt, die Übergangszeit ist jetzt nicht schrecklich lang. Aber ich glaube, dass es wichtiger als vorher ist, sich schon im Studium darum zu kümmern. Einerseits natürlich Praxis-Erfahrungen zu sammeln, sich aber auch selbst zu orientieren, Arbeitgeber kennenzulernen. Dann kann man diese Übergangszeit so reduzieren, dass sie weniger problematisch ist. Wenn ich natürlich die Abschlussarbeit abgebe und mich dann erst damit beschäftige, verlängere ich diesen Zeitraum.

Ich glaube, dass gerade diese Generation sehr anpassungsfähig ist“

Wie wirkt sich KI auf den Bewerbungsprozess aus? Sind alle nun mit der perfekten Bewerbung quasi gleich gut?

Naja, die Rekrutierenden wissen natürlich auch, dass es jetzt KI gibt. Deshalb sollte man schon vorsichtig sein, wenn man Anschreiben und Lebenslauf von KI erstellen lässt. Es wird darauf geachtet und es kommt nicht unbedingt gut an, wenn man den KI-Einsatz bemerkt. Allenfalls hilft das auch nur in der Vorauswahl. Im Bewerbungsgespräch kann ich damit nicht mehr glänzen. Auf der anderen Seite sind aber durchaus KI-Fähigkeiten für Unternehmen wichtiger geworden.

Eine große Chance für Unternehmen“

Ist das also eine Art Alleinstellungsmerkmal dieser Generation?

Mit Sicherheit! Ich glaube, dass gerade junge Menschen dieser Generation sehr anpassungsfähig und flexibel sind. Diese Generation möchte etwas für sich schaffen, möchte etwas erreichen. Sie ist – vielleicht sogar mehr als ältere Generationen – in der Lage, sich anzupassen an die aktuellen technischen Entwicklungen und quasi schon nativ mit KI aufgewachsen. Darin liegt eine große Chance für Unternehmen, mitzuhalten. Ich glaube, dass das auch die Firmen zunehmend erkennen werden.

Interview: Daniela Prüter

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