engels: Herr Krull, Bundeskanzler Merz und sein Unionskollege Markus Söder werben für eine Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit. Was antworten Sie den beiden?
Der Acht-Stunden-Tag wurde vor mehr als hundert Jahren im Zuge der Novemberrevolution erkämpft. Dem ging ein jahrzehntelanger Kampf voraus, damit Arbeiterinnen und Arbeiter Mensch sein und an gesellschaftlichen Themen und Projekten mitwirken können. Außerdem haben wir aktuell so viel Erwerbsarbeit wie noch nie in Deutschland: Rund 60 Milliarden Stunden werden jährlich geleistet. Die Wirtschaft leidet nicht grundsätzlich, sie wächst lediglich langsamer als in früheren Jahrzehnten. Das hängt auch mit der Verlagerung von Unternehmen in Billiglohnländer zusammen. Das würde ich den beiden sagen.
„Die Wirtschaft leidet nicht grundsätzlich, sie wächst lediglich langsamer als früher“
Wie wirkt sich eine Vier-Tage-Woche aus?
Es gibt kleinere und größere Pilotversuche und entsprechend belastbare Erkenntnisse. Eine Reduzierung der Arbeitszeit steigert die Zufriedenheit der Beschäftigten deutlich. Produktivität und Arbeitsqualität verbessern sich, und es passieren weniger Fehler. Denn je länger ein Arbeitstag dauert, desto unproduktiver wird er. Die Produktivitätssteigerung ist allerdings nicht das eigentliche Ziel der Gewerkschaften.
„Eine Reduzierung der Arbeitszeit steigert die Zufriedenheit der Beschäftigten deutlich“
Ist mit einer Vier-Tage-Woche der Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen?
Es gibt ein starkes Bedürfnis vieler Menschen, nicht fünf oder sechs Tage in der Woche zu arbeiten. Entsprechend erhöht eine Vier-Tage-Woche die Attraktivität von Arbeitgebern. Gleichzeitig gibt es in Deutschland rund drei Millionen junge Menschen unter 35 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Wenn über Fachkräftemangel gesprochen wird, sehe ich darin auch eine mangelnde Bereitschaft vieler Unternehmen, ausreichend in Ausbildung zu investieren.
„Wir haben große Lohnunterschiede in der Arbeitswelt“
Wie abhängig sind Teilzeitmodelle von einzelnen Branchen?
Wir haben große Lohnunterschiede in der Arbeitswelt. Es gibt Bereiche mit relativ hohen Löhnen, etwa in der Automobilindustrie und anderen Industriebetrieben. Daneben stehen Branchen mit deutlich niedrigeren Löhnen, etwa im Handwerk oder im Dienstleistungsbereich. Eine Arbeitszeitverkürzung mit teilweisem Lohnausgleich für mittlere und obere Entgeltgruppen sowie vollem Lohnausgleich für untere Entgeltgruppen ist in gut bezahlten Bereichen durchaus möglich. Ich kenne viele hochqualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Führungskräfte, die nicht mehr Geld wollen, sondern sich über mehr freie Zeit freuen würden. In anderen Bereichen, etwa im Handwerk oder im Gesundheitswesen, ist es hingegen kaum möglich,die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleichzu verkürzen.
„Die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren, ist größer, je kürzer die Erwerbsarbeitszeit ist“
Welche anderen Arbeitszeitmodelle berücksichtigen die Bedürfnisse von Beschäftigten?
Ich denke, dass es auch möglich sein sollte, so etwas wie Projektarbeit zu definieren. Das bedeutet beispielsweise, dass Beschäftigte über einen bestimmten Zeitraum intensiv an einem Projekt arbeiten, bei dem eine kontinuierliche Bearbeitung erforderlich ist. Nach Abschluss könnte eine längere Phase der Freizeit folgen. Ein weiteres Beispiel sind Bildungszeiten oder Sabbatjahre, in denen Menschen frei über ihre Zeit verfügen. Solche Modelle sollten auf tariflicher oder gesetzlicher Grundlage geregelt sein.
„Arbeitszeitverkürzung ist immer auch mit Hilfe gesellschaftlicher Bewegungen erkämpft worden“
Sie sind Mitbegründer der Attac-Arbeitsgruppe Arbeit-Fair-Teilen. Worum geht es dabei?
Der Arbeitsgruppe geht es darum, mit Bündnispartnern, Veranstaltungen und Beiträgen Impulse für eine gesellschaftliche Debatte zu setzen, auch um Merz und Söder argumentativ etwas entgegenzusetzen. Wir wollen auch gewerkschaftliche Kämpfe um Arbeitszeitverkürzung unterstützen und begleiten, denn diese sind ungleich härter als Kämpfe um Lohnerhöhung. Schritte zur Arbeitszeitverkürzung finden in sehr viel größeren Zeiträumen statt und die Auseinandersetzungen darum werden auch viel härter geführt. Die Tatsache, dass die Bundesregierung den Arbeitgebern den Rücken stärkt in Richtung Arbeitszeitverlängerung ist Ausdruck dessen. Arbeitszeitverkürzung ist immer auch mit Hilfe gesellschaftlicher Bewegungen erkämpft worden.
„Ich bin optimistisch, dass sich die Vernunft gegenüber rein ökonomischen Interessen durchsetzt“
In welche Richtung entwickelt sich die Arbeitswelt?
Viele Menschen wollen weniger arbeiten, auch um kulturellen oder politischen Interessen nachzugehen und gesund zu bleiben. Die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren, ist größer, je kürzer die Erwerbsarbeitszeit ist. Ich bin optimistisch, dass sich die Vernunft langfristig gegenüber rein ökonomischen Interessen durchsetzt. Das ist jedoch kein Selbstläufer, wir müssen dafür ein Alltagsbewusstsein bei den Menschen schaffen.
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Lohn der Angst
Intro – Nach der Arbeit
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Teil 1: Lokale Initiativen – Die GESA Gruppe in Wuppertal hilft bei der Rückkehr ins Arbeitsleben
Erst das Vergnügen
Teil 2: Leitartikel – Industriearbeit ist ein Auslaufmodell
„Das BGE würde eher schaden als nützen“
Teil 2: Interview – Philosoph und Ökonom Birger Priddat über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens
Mehr als Existenzsicherung
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Attac-AG „Genug für alle“ aus Bonn
Klassenkampf von oben
Teil 3: Leitartikel – CDU und SPD wenden sich gemeinsam gegen arbeitende Menschen
Geschenkte Freizeit
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Agentur Wake Up Communications Düsseldorf
Vertrauen durch Bildung
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„Wirklich Interesse zeigen“
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Teil 1: Interview – Medizinerin Alicia Baier zum Streit über Schwangerschaftsabbrüche
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Teil 1: Interview – Die Rechtswissenschaftlerin Lisa Kadel über die Kriminalisierung von Klimaaktivist:innen
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