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Hosam Azzouz
Foto: Evangelos Rodoulis

In einer neuen Sprache schreiben

26. Mai 2017

Autor Hosam Azzouz schrieb vor Kurzem noch auf Arabisch – Heimat Wuppertal 06/17

Ich bekam eine Mitteilung: Kannst du etwas schreiben? Ja, natürlich kann ich das, Schreiben ist meine Lieblingsaktivität, aber auf Arabisch. Es wäre besser auf Deutsch. Auf Deutsch… das wird schwierig! Versuch es, dann finden wir jemanden zum Korrigieren.

Ich würde gerne auf Deutsch schreiben. Deutschland ist meine neue Heimat und ich möchte hier gerne kommunizieren. Schreiben auf Deutsch ist mein Traum.

Ich saß vor meinem Laptop. Doch als ich starten wollte, stoppte mich etwas. Der Schüler hat viel Angst und Schüchternheit. Vielleicht macht er einen Fehler und dann verstehen die Leute ihn nicht, oder spotten über ihn. Ich fühle mich wie in einer anderen unbekannten Welt. Anders als die Welt, in der ich über 30 Jahre lebte. Das Schreiben dort ging wie von selbst. Wenn ich auf Arabisch schreibe, habe ich das volle Glück.

Im Arabischen kann ich meine Gefühle gut deuten und beschreiben, ich habe einen großen Wortschatz und kenne viele Methoden der Sprache. Aber auf Deutsch kenne ich leider nur wenige Wörter. Das genügt nicht zum Scheiben. Es reicht gerade aus, um etwas zu kaufen oder die Leute zu begrüßen. Das enttäuscht mich sehr und setzt mich unter Druck.

Ich erinnere mich: Als ich nach Deutschland kam, gab es eine schöne alte Frau. Sie hatte blaue Augen und blonde Haare und sie schmunzelte oft. Sie arbeitete in einer Küche und sagte immer zu allen: „Morgen“. Ich verstand nicht, was das bedeutet. Nach 20 Tagen merkte ich, dass ich ihrem netten Gruß nicht antwortete.

Hosam Azzouz
Foto: Evangelos Rodoulis

Zur Person

Hosam Azzouz studierte in Syrien arabische Literatur, schrieb zwei Romane und träumte von einer Karriere als Schriftsteller. Er floh vor dem Krieg nach Deutschland und lebt inzwischen mit seiner Familie in Elberfeld.


„Morgen“ war das erste Wort, das ich lernte. Das zweite Wort war länger und bis jetzt versuche ich, es richtig auszusprechen. Ich habe es auf einer Website gehört und ich benutze es, wenn ich etwas fragen möchte. Ich sage: „Enschuregum“ und spreche dann auf Englisch weiter. Nach vier Monaten wusste ich, das Wort ist: „Entschuldigung“. Ein kräftiges Wort ist das. Wenn man Deutsch lernen möchte, muss man einen starken Mund haben.

Aber am Schwersten war es, in die Behörden zu gehen. Dort wird kein Englisch gesprochen, nur Deutsch. Man muss also einen Dolmetscher mitbringen und ihm Geld bezahlen. Ich musste mir Geld leihen, um ihn zu bezahlen.

Ohne Deutsch zu können fühlt man sich schlecht. Man muss die Sprache also lernen. Das braucht aber zwei Jahre und in dieser Zeit muss man warten und Übersetzer bezahlen. Man verpasst Termine und verhält sich wie ein Sprachloser.

Jetzt lerne ich Tag für Tag meine geschlossenen Augen und Ohren aufzumachen. Ich höre die Leute und beginne zu verstehen. Vorher habe ich wie ein Tauber nichts gehört. Ich sehe die Schilder auf den Straßen und kann lesen. Vorher habe ich wie ein Blinder nichts gesehen.

Jetzt schreibe ich wirklich auf Deutsch. Ich schreibe selbst. Ich will nicht, dass ein Dolmetscher meine Texte übersetzt, weil die Texte für mich wie meine Kinder sind. In Syrien wird jetzt mein erstes Buch gedruckt. Ich habe dafür Geschichten gewählt, die ich geschrieben habe, als ich  18 bis 20 war. Sie sind etwas aus meinem Leben und Herzen. Bisher konnte ich sie nicht drucken, da der Krieg alle Träume tötete.

HOSAM AZZOUZ (MITARBEIT DAVID FLESCHEN)

Neue Kinofilme

Fack Ju Göhte 3

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