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Mohammed Kharsa, Syrien
Foto: Thomas Hendrich

Alptraum auf See

31. August 2017

Mohammed Kharsai steckt der Schrecken seiner Flucht noch immer in den Knochen – Heimat Wuppertal 09/17

Mein Leben war vor dem Krieg ganz normal. Ich bin in Damaskus aufgewachsen, dort habe ich  die Schule besucht und 2011 Abitur gemacht. Meine Mitschüler, deren Eltern zur Machtelite gehörten, durften machen, was sie wollten. Kein Lehrer oder sogar der Schuldirektor selbst konnte ihnen widersprechen, alle hatten vor diesen Schülern Angst. Ich habe hier die Diktatur zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren. Meine Eltern hatten vor der Regierung ständig Angst, deswegen haben sie ihr immer zugestimmt. Zu dieser Zeit entstand in der ganzen arabischen Welt ein Wendepunkt. Ich war auch entschlossen, an den Demonstrationen teilzunehmen und froh, dass es die Möglichkeit gab, gegen Ungerechtigkeit zu protestieren. Nach dem ersten Versuch hat die Geheimpolizei mich verfolgt. Wenn sie mich festgenommen hätte, dann wäre ich vielleicht zu Tode gefoltert worden.

Am 22.09.2014 um 5 Uhr morgens habe ich mich mit Tränen in den Augen und voller Angst vor der Zukunft von meiner Mutter verabschiedet. Ich glaube, dass diese Reise auf meinem Körper und in meiner Seele sichtbare Spuren hinterlassen hat, aber ich hatte keine andere Wahl. Mit einem gefälschten Personalausweis fuhr ich 300 Kilometer Richtung Türkei. Glücklicherweise hat keiner an den 50 Militärkontrollpunkten, die ich passieren musste, etwas bemerkt. Als ich zwei Tage später türkischen Boden betrat, hatte ich das Gefühl, dass ich wiedergeboren wurde und aus dem großen Gefängnis entflohen bin.

In Izmir habe ich bei einem Schleuser auf die nächste Gelegenheit gewartet, das Mittelmeer zu überqueren. Am 1. Oktober war es so weit und ich wurde zusammen mit anderen Menschen in einem kleinen LKW zum Mittelmeer gefahren. Es war so eng, dass wir kaum atmen und uns bewegen konnten. Als wir den Strand erreicht haben, war es ziemlich düster und sehr kalt. Wir waren insgesamt 53 Personen, darunter 3 Familien mit Babys und Kleinkindern. Von 20 Uhr abends bis 5 Uhr morgens warteten wir auf ein Gummiboot, das 6 Meter lang war und nur 10 bis 15 Personen befördern konnte. Ein junger Mann aus unserer Gruppe wurde zum Bootsführer ernannt. Nach einer Einweisung ging es raus aufs Meer. Obwohl es kaum Platz für so viele Menschen im Boot gab, hat der Schleuser uns gezwungen, einzusteigen. Als ich den nassen kalten Boden betrat, wurde mir klar, dass es nicht seetüchtig war. Wir wurden mit vorgehaltener Waffe gezwungen, im Boot zu bleiben. Unser Horror Trip hatte begonnen. Nach kurzer Zeit lief das Boot bereits voll mit Wasser, die Frauen und die Kinder schrien, wir waren mitten im Meer in der Dunkelheit, es war ein Alptraum. Zum Glück waren wir nicht weit weg von einer griechischen Insel und wurden von den griechischen Grenzsoldaten bemerkt. Es war wie ein Wunder, wir haben überlebt.

Ich war drei Monate unterwegs, um mein Ziel zu erreichen. Während meiner Reise habe ich sehr viel Negatives erlebt, insgesamt 6500 € Schulden gemacht, aber jetzt blicke ich positiv in die Zukunft. In Wuppertal habe ich eine Ausbildung als Elektroniker in Energie- und Gebäudetechnik begonnen. Nach der Ausbildung würde ich gerne als Techniker oder Meister weiterarbeiten. Ich habe neue Freunde gefunden, mein Leben ist sinnvoll geworden, ich fühle mich hier zu Hause. 

Zur Person:
Mohammed Kharsa machte in Damaskus während des Arabischen Frühlings 2011 Abitur. Weil er gegen das Regime protestierte, sich aber nicht den Rebellen anschließen wollte, weil er dann Menschen hätte töten müssen, sah er in der Flucht nach Europa die einzig mögliche Zukunftsperspektive.

MOHAMMED KHARSA (MITARBEIT MARINA KILLIKH)

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