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Foto: Ava Weis

Kapitalismuskritik, schön tendenziös

04. Dezember 2019

Zwei Engels-Ausstellungen in der Zentralbibliothek – Spezial 12/19

Das Engelsjahr beginnt mit einem Lacher. Ursprünglich sollte wohl schon mit dieser Eröffnung das Festprogramm am 28. November starten, dem 199. Geburtstag von Friedrich Engels, was so nicht zur Umsetzung kam. Doch muss das „Ante festum“ ja nicht stören: Komisch war der Abend in der Stadtbibliothek – und doppelt obendrein.

Wie üblich bei den Ausstellungen in der Kolpingstraße, avancieren die Treppenhauswände zur Ausstellungsfläche. Bis hoch zum dritten Stock bieten sich auf den Revolutionär sehr verschiedene Sichten und Schlaglichter, denn das eine sind aktuelle Cartoons, das andere historische Zeugnisse: „Engels-Gesichter“ trifft auf „Mensch Engels“. Die Stadtbibliothek Wuppertal präsentiert unter letzterem Titel in sorgsamer Komposition grafische und schriftliche Zeugnisse, in denen der Revolutionär zu Wort kommt und zu sehen ist - im Kontext von Zeit und Zeitgenossen. Ihren witzigen Stempel drückten der Eröffnung aber Polo und sein Projekt auf: André „Polo“ Poloczek, Cartoonist auch im engels-Magazin, zeigt hier Teile des von ihm verantworteten Sammelbands „Engels-Gesichter“. Am Abend, eingeleitet von Bibliotheksleiterin und Gastgeberin Cordula Nötzelmann, lasen nicht zuletzt auch Kollegen aus dem Humorfach.

Als Beitrag zum Engelsjahr war gesetzt, dass die Bücherei eine Schau ausrichten würde. Man ging ans Konzept und erstellte sie auch aus Eigenbeständen. Dann kam hinzu, dass Polo sein Buch herausbrachte und zur Präsentation nach Orten suchte: Ein ganz besonderer Beitrag zum Engelsjahr, zu dem er namhafte Kollegen gewinnen konnte - um Altes und neu Gezeichnetes zusammenzutragen. Man wurde sich einig, fand im Haus zu vertrauter Zusammenarbeit. Und so geht die historische Schau nun über in Humor.

André „Polo“ Poloczek (r), mit Uwe Becker.  Foto: Ava Weis
 

„Mensch Engels“ bietet eine Fülle kleinteiliger Kompilationen, die historisches Material darbieten und zueinander in Bezug setzen. Engels‘ Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ etwa trifft auf ein zeitgenössisches Bild aus einer dortigen Fabrik. Erstaunlich, wie viele Zeichnungen aus Engels‘ Feder es gibt: Da sind Momente aus seinem Umfeld festgehalten, da malt er flüchtig sich selbst, versehen mit einem Briefzitat: „Lass dir seine Lebensgeschichte von ihm erzählen.“ Ganz anders ein Porträt im Sessel, wo der Intellektuelle aus dem Tal als Autorität erscheint. Zu dem Bild des sowjetischen Grafikers Nikolai N. Shukow „mit einem Schüler“ montiert die Collage sinnvoll Briefauszüge an seinen Neffen, die gleichfalls die lebenskluge Seite spiegeln: „Indes ist es euch jungen Leuten sehr nützlich, dass ihr schon früh in eine verantwortliche Stelle kommt, es [...] ist doch zur Entwicklung des Verstands wie namentlich des Charakters durchaus nötig.“ Fast zu sehr zum Weitergehen verleitet die Hängung im Treppenhaus.

Beim Aufstieg wechseln im zweiten Obergeschoss die Inhalte der Rahmen – hin zu bunten Zeichnungen in verschiedenen Stilen. Was außerdem wechselt, ist die Art des Bezugs: Ist bei „Mensch Engels“ klar, dass eben dieser im Fokus steht, dass er selbst Thema ist, Akteur, Urheber oder Briefpartner, so wird es nun deutlich indirekter; anders gesagt: politischer. Ein Gutteil des Cartoon-Teils schlägt den humorigen Bogen zum Heute und haut komisch in die Kerbe der Kapitalismuskritik. Null Engels ist etwa hier zu finden, sofern man nach einem Geschichtsbuch-Konterfei in Denkerpose sucht: Eine Luxuslady im Pool fragt die andere nach einer Geburtstagsüberraschung für einen Mann, der „Villen und Yachten besitzt, Rennpferde züchtet und moderne Kunst sammelt“. Vorschlag der anderen: „Eine unangemeldete Steuerprüfung.“ Eine exemplarisch skizzierte Einkaufsstraße unserer Tage ziert ein Transparent mit der Internationalen des Konsums: „Völker leert die Regale.“ Ein Sturm aus Bananenschalen umweht einen Marx mit Schirm – das ist einfach eine schöne Szene, aber man könnte mutmaßen: Sind es die sagenumwobenen Südfrüchte, die um die Wendezeit zum Symbol westlicher Verheißungen wurden, aber nun ja auch nicht gerade kompletten Wohlstand brachten? Mit der Willkür der Macht und dem Inbegriff des fiesen Konzernchefs konfrontiert uns Ari Plikat, der zur Eröffnung auch selbst anwesend war: Vorm Schreibtisch entschwindet gerade ein Bewerber im Untergrund, was der Chef kommentiert: „Exzellente Bewerbungsmappe, aber ich drücke so gerne diesen Knopf.“ Bei Tom, mit Touché taz-bekannt, erscheint der Geist von Karl Marx, weiß bis in den Bart, einem heutigen Paar im Bett, das sich vor schier unüberwindliche Technikprobleme gestellt sieht: „Klassenkampf! Klassenkampf! Ja, wie denn, ohne schnelles Internet?“ Der moderne Mensch, er will ja revoltieren, aber die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Fazit: Zur Einstimmung ins Engelsjahr lohnt der Gang zur Kolpingstraße. Dokumente in kluger Auswahl geben bei „Mensch Engels“ Einblick in Denken und Leben des historischen Mannes. Dass sein Denken links ist, führt dann die Humor-Schau für unsere Zeit aus. Bei all dem, was Engels2020 sonst noch an Facetten feiern wird, übersetzt „Engels-Gesichter“ kapitalkritischen Geist ins Heute – frech, gebührend plakativ und schön tendenziös. Gut so! Denn es braucht beides

„Mensch Engels“ und „Engels-Gesichter“ | 28.11.19 bis 30.01.20, 26.11.20 bis 12.01.21 | Stadtbibliothek Wuppertal | 0202 5630

 

Martin Hagemeyer

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