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Illustration: Bettina Bexte

„Nachfolge ist weiblich“

25. Februar 2016

Iris Kronenbitter von der bga über Gründerinnen – Thema 03/16 Frauenleben

engels: Frau Kronenbitter, setzen Frauen andere Schwerpunkte, wenn sie ein Unternehmen gründen?
Iris Kronenbitter: Wenn Sie die Schwerpunkte auf die Branchenwahl beziehen, gibt es einen deutlichen Unterschied, der sich auf das Verhalten von Frauen bei der Berufswahl zurückführen lässt. Das fächert sich weit auf. Aus der Branchenwahl hat sich ergeben, dass wir bei der Gründerinnenagentur die Wachstumsmärkte der Senioren-, Gesundheits-, oder Kreativwirtschaft in den Blick genommen haben. Viele Frauen suchen dort ihr Betätigungsfeld. Einen deutlichen Anstieg gibt es auch bei den freiberuflichen Gründungen: Im Vergleich zu den 90er Jahren haben wir zum Beispiel eine wesentlich größere Zahl von Ärztinnen, da hat es sich fast verdoppelt, bei den Tierärztinnen hat es sich mehr als verdoppelt. Oder bei den Patentanwältinnen, dort gibt es einen Zuwachs um zwei Drittel.

Das liegt daran, dass sich solche Berufsfelder für Frauen öffnen?

Iris Kronenbitter
Foto: privat

Zur Person
Iris Kronenbitter (59) ist Leiterin der bundesweiten gründerinnenagentur (bga).

Ja, Frauen gehen vermehrt in solche Berufe. Im Vergleich zu früher wird Frauen aber auch der Zugang zu Bildung viel selbstverständlicher zugestanden. Bis in die 90er Jahre war es doch so, dass meinetwegen in einer Arztfamilie der Sohn Medizin studiert hat und die Tochter Krankenschwester wurde. Das findet so nicht mehr statt.

Weichen die Grenzen zwischen früher klar abgetrennten Frauen- und Männerberufen immer mehr auf?
Es verändert sich. Nicht zuletzt durch die Initiativen des Girls Day. Außerdem spielen Fähigkeiten und Neigungen bei der Berufswahl eine große Rolle. Nachholbedarf gibt es hingegen bei der Nachfolge in Unternehmen. Dort haben wir die Kampagne „Nachfolge ist weiblich“ initiiert, weil es noch zu wenige Betriebsnachfolgerinnen gibt. Ungeschminkt hören wir von Unternehmenseignern, dass die Tochter lieber Enkel gebären soll anstatt die Firma zu übernehmen. Solche Rollenbilder verhindern, dass beim unternehmerischen Generationswechsel eine Auswahl nach Qualität getroffen wird.

Ist es ein Vorurteil, dass Frauen nachhaltiger denken und ihr Unternehmen entsprechend thematisch ausrichten?
Unternehmerinnen gehen sehr verantwortlich mit den vorhandenen Ressourcen um – egal, ob das Betriebsmittel sind oder die Beschäftigten. Nach unserer Erfahrung ist es mehr Fakt als Vorurteil, dass Frauen in Unternehmen nachhaltiger denken. Das fängt bei der Gründung an, die oft viel solider ausgearbeitet ist. Sie beziehen ein Best-Case- und ein Worst-Case-Szenario mit ein und liegen am Ende tatsächlich irgendwo dazwischen. Es wird substanzieller geplant. Und: Es geht nicht ausschließlich um Gewinnmaximierung. Vielmehr müssen die Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen und damit die Kundenzufriedenheit stimmen.

Was machen weibliche Chefs denn anders?
Unternehmerinnen sind in den meisten Fällen stark darauf ausgerichtet, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die betrieblichen Prozesse einzubeziehen. Es wird ein kommunikativer Führungsstil praktiziert. Sie sind Vorreiterinnen bei der Einführung neuer Arbeitszeitmodelle. Dazu kommt, dass sie Verantwortung übernehmen. Bei der Nachfolge war es vielen Frauen wichtig, die Arbeitsplätze zu erhalten, auch wenn dies großes persönliches Risiko bedeutet hat. Die Gründerinnen achten darauf, ihre Unternehmen auf solide Beine zu stellen. Sie investieren die Gewinne und wachsen mit ihren Betrieben, so dass es zu ihnen selbst und zur Firma passt. Häufig unterstützen sie lokale Projekte ehrenamtlich oder pekuniär. Sie legen weniger Wert auf Statussymbole, sondern entscheiden zum Beispiel die Frage nach dem Firmenwagen pragmatisch.

Wie viele Frauen haben im letzten Jahr gegründet?
Die Zahlen unterscheiden sich je nach Datenquelle: Die Gewerbeanzeigenstatistik erfasst nur gewerbliche Gründungen, aber keine freiberuflichen. Aber gerade bei den freien Berufen steigt der Frauenanteil kontinuierlich an. Der KfW-Gründungsmonitor befragt 50.000 Personen zur Gründung. Und der Mikrozensus beziffert aus 830.000 Personen die Anzahl der Erwerbstätigen und den Anteil der unternehmerisch selbständigen Personen. In der Gründerinnenagentur arbeiten wir überwiegend mit dem Mikrozensus, da dieser die größte Grundgesamtheit aufweist und auch die Freiberuflerinnen enthält. Im Jahr 2014 – die Zahlen für 2015 werden erst Mitte des Jahres verfügbar sein – waren danach 32,4 Prozent der beruflich Selbstständigen weiblich – rund 1,36 Millionen Frauen. Laut KfW-Gründungsmonitor 2015 betrug der Frauenanteil 43 Prozent bei den Neugründungen.

Wie viele Frauen berät die Gründerinnenagentur?
Wir kamen in unserer Stuttgarter Zentrale und unseren Regionalverantwortlichen in den Bundesländern zuletzt auf über 1.000 Beratungen. Bei der Beratung für Gründerinnen gibt es aber nicht nur unser Angebot, sondern deutschlandweit rund 500 Beratungseinrichtungen, die Erst- und Orientierungsberatung machen. Zu allen können wir vermitteln.

Gibt es Schemen, die Ihnen bei der Beratung von Frauen immer wieder auffallen?
Die Ausgangsfrage lautet meist: Welche Förderprogramme gibt es? Im Detail geht es dann um das Marketing, die Rechtsform, Versicherungen, steuerliche Ausgestaltung, Vernetzungsmöglichkeiten, den Zugang zu Expertinnen/Experten, etc. Ein Unternehmen zu gründen, ist ein vielfältiger und komplexer Prozess. Für Neulinge bieten wir einen Online-Kurs an, den die Gründerinnen durcharbeiten können und der ihnen hilft, die Gründungsschritte und ihr Vorhaben zu strukturieren. Die beste Beratung knüpft daher individuell an den tatsächlichen Fragen der Gründerinnen an.

Das hört sich nicht so an, als gäbe es einen großen Unterschied zu einem Mann, der gründet. Haben Frauen überhaupt andere Probleme?
Selbstverständlich gelten die Gesetze der Betriebswirtschaft für Frauen und Männer. Aber: Gründerinnen bringen andere Fragen mit. Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat inzwischen festgestellt, dass Frauen besser vorbereitet in die Beratung kommen. Die Gespräche sind anspruchsvoller. Frauen hinterfragen die angebotenen Möglichkeiten gründlich, denn sie möchten sich mit dem eigenen Unternehmen einen maßgeschneiderten Arbeitsplatz schaffen, der zu ihrer Lebensplanung, zu ihren Wertvorstellung und zu ihrer Unternehmensstrategie passt. Da sehe ich einen großen Unterschied in der Beratung.

Ist die Selbstständigkeit ein gutes Mittel, um Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen?
Es gibt Zahlen, die belegen, dass Unternehmerinnen mehr Kinder haben als Frauen in abhängiger Beschäftigung. Von Seiten der Gründerinnen und Unternehmerinnen hören wir immer wieder, dass sie als Selbständige ihre Arbeitszeiten viel flexibler gestalten können. Viele Unternehmerinnen, die Kinder bekommen, sind nach zwei Wochen schon wieder in der Firma und schmeißen den Laden. Und nehmen, wenn es nicht anders geht, das Kind auch mal mit ins Büro.

Das dürfte als Chefin auch einfacher sein, als als Angestellte.
Einfacher nicht unbedingt, aber sie haben größere Gestaltungsspielräume. Es ist ein weiteres wichtiges Motiv, die eigene Chefin zu sein: selbst die Entscheidungen zu treffen und den Rahmen für die eigene Arbeit abzustecken. Neulich habe ich mich mit einer Gründerin unterhalten, die lange gewartet hat, bis sie den Schritt gewagt hat. Heute sagt sie, dass sie nicht versteht, warum sie so lange gezögert hat. Heute verdiene sie mehr, arbeite weniger, und – für sie am wichtigsten – könne sich die Kunden aussuchen.


Aktiv im Thema

www.existenzgruenderinnen.de | Webseite der bundesweiten Gründerinnenagentur
www.weiberwirtschaft.de | Genossenschaft für Gründerinnen in Berlin
www.bmfsfj.de | Ministerium Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und choices.de/thema

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