Manchmal genügt für Gemeinsamkeit wohl schon, im Abweichen von einem Narrativ einig zu sein. Die zwei Akteure auf dem Podium in der Bandfabrik waren ein Russe mit dem Rufnamen „Make“ und der Ukrainer Andrej, und was sie in dem Langerfelder Kulturort verband, war: Beide sind Antikriegsaktivisten. Die Veranstaltung in Kooperation mit dem Wuppertaler Friedensforum war in ihrer Konstellation brisant und brachte zugleich eine Antithese zur verbreiteten Tendenz gen Eskalation.
Beide hatten vor Beginn des Ukrainekriegs ihre Heimat verlassen: Make, der Russe, zum Studieren im Ausland, Andrej, der Ukrainer, weil er gegen „Nazi-Kollaborateure“ aktiv gewesen sei. Beide zeigten sich kritisch gegenüber dem Gebaren ihrer jeweiligen Regierung: Make betonte, dass in seinem Land derzeit bereits eine Inhaftierung riskiere, wer die Legitimität der Kriegsführung „auch nur vorsichtig in Frage“ stelle. Andrej bestätigte daraufhin die berüchtigte Methode der „Busifizierung“, mit der laut Berichten die Regierung Selenskij auf offener Straße auf Menschen zugreift und sie gewaltsam zwangsrekrutiert und sprach von „Wanted-Lists, also Listen von Gesuchten. Er ergänzte: „Der Ukrainekrieg wird genutzt, um Russland größtmöglichen Schaden beizubringen.“ Auf die Frage der Moderation, ob er einen „Stellvertreterkrieg“ am Werk sehe, erwiderte der Ukrainer mit merklicher Selbstverständlichkeit: „Anders kann man es nicht wahrnehmen, denke ich.“
Keine innige Verbundenheit
Eine innige Verbundenheit zwischen den beiden konnte man dennoch nicht erkennen. Zwar saßen zwei Vertreter verfeindeter Kriegsparteien an einem Tisch, daneben ein als Übersetzerin fungierendes Mitglied des Friedensforums, doch Verständigung zwischen den beiden gab es kaum: keine Verbrüderungsgesten, wenig Adressen der Sympathie für die Position des anderen oder die Haltung der durch ihn vertretenen Nation.
Vielleicht war der Abend gerade deshalb so stark, weil er so nüchtern war. Zwei Aspekte nur, schien es, schufen die gemeinsame Basis: Man wünschte sich das Ende des Krieges. Und man teilte eine Lageanalyse auf Grund derselben Weltanschauung.
Beide gehören demselben Verbund, der „Union der postsowjetischen Linken“, an. Ein Blick auf deren Internetpräsenz hilft bei der Einordnung: „Unsere Werte sind der kompromisslose Kampf gegen Krieg, Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und alle Formen der Diskriminierung, Solidarität mit linken Bewegungen auf der ganzen Welt und die Vereinigung um ein politisches Programm statt um enge linke Identitäten.“ Und weiter: „Wir sind offen für alle, die unsere Ziele teilen und bereit sind für den gemeinsamen Kampf.“
Kapitalismuskritischer Ansatz
Dass Andrejs und Makes den Krieg ablehnen, liegt, mit Blick auf den politischen Hintergrund, letztlich auch in ihrem globalen, kapitalismuskritischen Ansatz. Beide sahen taktische Interessen aller Beteiligten am Werk: Man argumentierte mit dem Lauern auf Bodenschätze, etwa das Mineral Silicium. Make ließ keinen Zweifel an der Aggressivität des russischen Vorgehens, aber konstatierte auch: „Der Westen hegt imperiale Ambitionen, und wir widerstehen ihnen.“ Auch bezogen sich beide auf internationale, teils systemkritische Bewegungen: Eine Bemerkung wie „etwa auch für Bildung“ rekurrierte unschwer erkennbar auf die aktuellen Proteste in Frankreich, die sich an Schulthemen zumindest entzündet hatten.
Wiederholt hob Andrej auf eine Missachtung des Volkswillens in der Ukraine ab: Während laut einer Umfrage des Gallup-Instituts im Jahr 2022 noch 37 Prozent der Bevölkerung den Kampf befürwortet hätten, hätten sich 2025 69 Prozent für die Beendigung des Krieges ausgesprochen. Aber: „Selenskij zeigt darauf keine Reaktion. Er lässt das Image einer einheitlichen Front nicht sabotieren.“ Am (nur vermeintlich vereinten) Ja des Volks zum Weiterkämpfen lasse der ukrainische Präsident nicht rütteln. Für Russland hatte Make da schon Ähnliches moniert. Er sprach von einer doppelten „censorship“ – von der Regierung, aber auch von Liberalen, die sich einen Sieg der Ukraine wünschten. „Die Opposition repräsentiert nicht die Mehrheit“, die vielmehr „depolitisiert“ sei.
Widerspruch aus Publikum
Die andere Gemeinsamkeit beider Akteure war, wie erwähnt, der Wunsch nach Frieden. Das Primat des Nicht-Kriegs ist in gewissem Sinne wohl radikal, und es sorgt auch an dem Abend für Widerspruch: Aus dem ansonsten einhellig zustimmenden Publikum im prall gefüllten Saal meldete sich im offenen Teil laut Selbstauskunft eine Vertreterin eines Wuppertaler Verbands von Ukrainer:innen zu Wort und wandte sich merklich ungehalten an Landsmann Andrej und dessen Hinweis auf eine Mehrheit pro Kriegsstopp: „Aber zu welchen Kosten wäre das? Davon hast du gar nichts gesagt.“ Freilich mochte gerade dieser Publikumsbeitrag ungewollt zur Bestätigung des pazifistischen Ansatzes taugen: „Wir sind nicht bereit, jetzt aufzugeben - jetzt, da so viele Menschen gestorben sind.“ Passte das nicht im Grunde zu einer Äußerung Makes zuvor, als dieser die Attraktivität von Berufen im russischen Rüstungssektor benannt hatte? Die auf Kriegswirtschaft gepolte Ökonomie mache „zunehmend abhängig von einem Weiterführen des Krieges“.
Gefühlter Zugzwang überall - da mochte man sagen: Jeder Tag, den man Töten und Sterben verlängert, macht scheinbar plausibler, dass jede Seite einen Frieden als unerträgliches Nachgeben empfindet, als Verrat an den eigenen Toten. Der Krieg: Ein Übel, das für seinen eigenen Fortgang Argumente liefert – so täglich wie tödlich.
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