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The Laughing Man
Foto: Presse

„Wie die Stadt, so die Musik“

25. Oktober 2018

Stefan Neumann von The Laughing Man über spröden Charme – Interview 11/18

engels: Stefan, ihr seid echte Elberfelder Gewächse. Lebt ihr weiterhin dort?
Stefan Neumann: Zwei von uns. Ich bin bekennender Nordstädter. Das Viertel hat einen spröden Charme. Es ist sowohl von den Nationalitäten als auch von den sozialen Schichten her völlig gemischt. Ecke an Ecke liegen gentrifizierte Bereiche sowie Areale, die arabisch anmuten. Das Miteinander funktioniert.

Du hast Heimatgefühle. Dabei fürchte ich, dass die Elberfelder Nordstadt im Heimatministerium nicht gemeint ist.
Das fürchte ich ebenfalls. (lacht) Heimat bedeutet auch immer geistige Heimat. Sie lässt sich nicht allein nach der Schönheit oder Hässlichkeit der Bauten beurteilen.  Es sind die Leute, die Stimmung. Ich wohne an einer Stelle, da stehen sich eine alte Eckkneipe, ein gentrifizierter Neubau und ein türkischer Kramladen gegenüber. In der Eckkneipe treffen sich Männer nach Feierabend wie in den Sechzigerjahren. In dem Kramladen geht der türkische Gemüsehändler zum Schwatz ein und aus.

Ein wahres Idyll.
Wenn es hart auf hart kommt, hilft man einander. Natürlich nicht für nichts. Es ist nicht so, dass sich alle ständig in die Arme fallen. Das würde aber generell der Wuppertaler Mentalität widersprechen.

Stefan Neumann
Foto: Presse
Zur Person:
Stefan Neumann
spielte in den Neunzigern bei diversen Wuppertaler Post-Punk-Bands und hob 2003 The Laughing Man aus der Taufe. Die kleine Indie-Legende aus Elberfeld veröffentlichte seither drei Alben. Im Hauptberuf ist Neumann Germanistik-Dozent.

Nun entsteht in diesem Kiez Anfang der Nullerjahre aus eurer Hand nicht etwa Gangster Rap, sondern eine sehr gediegene Mischung aus Post-Punk, Wave und Indie. Gelingt das trotz Elberfeld oder wegen Elberfeld? Kann stilvolle Coolness diesen Gassen kausal entspringen?
Wuppertal hat eine lange Geschichte, was widerspenstige Musik angeht. Man bedenke allein, dass 1978 DAF hier gegründet wurden. Auch die halbe Besetzung der Fehlfarben stammt von hier. Zudem hat Wuppertal eine rege Free Jazz-Szene. Das ist zwar nicht meine Musik, aber ebenfalls sehr rebellisch. Hier entsteht Musik, die es einem nicht leicht macht, dann aber reich belohnt.

Wie die Stadt.
Genau. Bei ihr muss man sich auch darauf einlassen, die schönen Ecken entdecken zu wollen.

Die Recherche für dieses Gespräch hat meinen Schlaf beeinflusst. Ich träumte von dem alten R.E.M.-Song „Pretty Persuasion“ in Dauerschleife. Ein Kompliment?
Das sind sehr würdige Ahnen, mit denen ich mich gerne verbinden lasse.

Nun seid ihr nicht wie R.E.M. Multimillionäre geworden, sondern macht euer Ding nebenher. Drei Alben in 15 Jahren. 2013 drei Mitglieder verloren. Wäre es despektierlich, von Hobby zu sprechen?
Wir verdienen kein Geld damit, insofern ist es ein Hobby.

Ja, aber Hobby kann auch heißen, mit seiner Coverband auf dem Scheunenfest am Wochenende Liquido zu spielen. Ihr hingegen arbeitet hochqualitativ und gewissenhaft.
Es hängt immer davon ab, was einem eine Band bedeutet. Manche möchten sich dadurch ein paar Euro fünfzig dazu verdienen. Wir lieben es, in aller Ruhe neue Songs zu schreiben, mit Klängen zu experimentieren und uns zu überlegen, wie sich das auf der Bühne umsetzen lässt. Ferner ist man immer unter Freunden, streitet sich mal, zieht aber am gleichen Strang. Gerade, wenn man älter wird, ist es wichtig, sich so eine Zusammenarbeit zu erhalten.

In eurer Vita sprecht ihr von einem „unerschütterlichen Glauben an die Popmusik“.  Ist der angesichts der modernen Entwicklungen erschüttert?
Nein, das ist nur eine Umbruchphase. Im Moment ist Pop keine Subkultur mehr, aber ich glaube, dass das wiederkommt. Pop bedeutete ja immer, sich Instrumente zu schnappen und damit etwas zu tun, wofür sie eigentlich nicht gedacht sind. Die Kinks haben die Lautsprecherbox aufgeschnitten und schon klang „You Really Got Me“ unfassbar offensiv und schepprig. Früher oder später kommt eine Generation, die die neuen Möglichkeiten auf unerwartete Weise nutzt und zum Beispiel auf subversive Weise mit Playlists experimentiert.

Ihr selbst zeigt null Bemühen um Social Media. Euer YouTube-Kanal, wenn man ihn überhaupt findet, hat sechs Follower.
Unsere Präferenz liegt darin, Musik zu machen und aufzuführen. Für uns und alle, denen es wichtig ist. Für den Rest reichen unsere Kraft und unsere Medienkompetenz nicht aus. (lacht) Das ist keine coole Verweigerung, kein Programm. Wir hätten nichts dagegen, wenn jemand käme und sagt: Komm, ich bringe euch eure Sachen in Ordnung.

Ich stelle mir den Typen gerade vor. Hipster-Bart. Alle alten Post-Punk-Platten auf Vinyl, weil’s cool ist. Eine Espressobar. Der nimmt euch auseinander. „Was ist denn das?“, tobt er, „ein YouTube-Kanal namens lachendermann? Mit sechs Followern?“ Er würde euch zwingen, euch umzubenennen, weil es eine US-Band gibt, die Laughing Man heißt. All das käme auf euch zu.
Das könnte Auseinandersetzungen geben.

Ja, der Typ fliegt hochkant aus Elberfeld und ihr ruft ihm noch nach: „Geh zurück nach Prenzlberg!“
Möglicherweise (lacht).

Man liest, ihr seid im Ausland am populärsten?
Es gab zwei, drei Jahre lang in Australien und Neuseeland einen regelrechten Hype um uns. Irgendjemand dort hatte unsere Coverversion von „Wide Open Road“ entdeckt, einem Hit der australischen Band The Triffids. Daraufhin luden sich die Leute auch die anderen Songs herunter und das in erstaunlichen Mengen.

Ihr seid aber nicht zum Spielen rübergeflogen?
Um das zu finanzieren hat es nicht gereicht.

Was treibt ihr zum Broterwerb?
Unsere Sängerin ist Krankenschwester, ich bin Germanistik-Dozent an der Uni Wuppertal und unser Gitarrist ist bei der Versicherung.

Am 7. Dezember spielt ihr in der Wuppertaler Bandfabrik eine Weihnachtsgala. Was passiert da?
Wir bieten ein sehr intimes, langes und wohlgeplantes Konzert, auf dem das Publikum seit Langem mal wieder komplett neues Material erleben kann, das bislang weder auf einem Album noch im Netz verfügbar gewesen ist. Selbstverständlich gibt es auch weihnachtliche Verpflegung wie selbstgemachte Plätzchen.

Die solltet ihr gemäß unseres herausgearbeiteten Leitmotivs etwas spröde gestalten, so dass man sich zum süßen Kern hart durchbeißen muss. Oder ihr macht drei Sorten: Knallharte Post-Punk-Kekse, süßwürzige Indie-Kekse und die Wave-Kekse eher cool, mit Minze.
Oder einem sehr abwegigen, unerwarteten Geschmack. Sehr schöne Idee, danke dir, das versuchen wir umzusetzen. Kommt gerne vorbei zum Probieren.

The Laughing Man Weihnachtsgala | Fr 7.12. 20 Uhr | Bandfabrik | thelaughingmansmusic.bandcamp.com

Interview: Oliver Uschmann

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