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Die Messenger-Falle

26. September 2023

Teil 3: Leitartikel – Zwischen asynchronem Chat und sozialem Druck

Instant Messaging, das umgehende Antworten per App – oder: Wie man 20 Minuten über Dinge diskutiert, die man mit einem einminütigen Telefonat klären könnte, und sie dann doch nicht gebacken kriegt. Dennoch ist Instant Messaging aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Wir verschicken Witzebilder, Geburtstagsgrüße, erotische Selbstportraits, Essensfotos, Krankmeldungen, Projektinfos, Kundenanfragen und -angebote, offizielle Beschwerden und intime Liebesbekundungen per WhatsApp, Telegram, Messenger und sogar Instagram. Und obwohl die Idee dahinter doch die asynchrone Kommunikation ist – sie bindet eben nicht beide Gesprächsteilnehmer gleichzeitig! – erwarten wir doch oft eine rasche Antwort. Wer nicht immer gesprächsbereit ist, disqualifiziert sich als soziales Wesen. 

Die Zeitzeugen unter uns

Wie haben es die Menschen denn früher ausgehalten, tage- oder wochenlang auf einen Brief zu warten? Dabei war oft nicht mal die Post schuld, denn einen Brief zu lesen und eine Antwort zu verfassen, brauchte Zeit. Aber was heißt: „die Menschen früher“? Zeitzeugen weilen doch unter uns, und das nicht zu knapp! Sie wissen, in dringenden Fällen benutzt man eben das Telefon. Dringlichkeit erfordert synchrone Kommunikation. Wer rangeht, kriegt die Information und muss reagieren. Basta!

Heute wird die Reaktion auf Textnachrichten genauso gefordert. Es wird erwartet, dass man zwei bis vier Messenger-Dienste auf dem Telefon hat und diese auch ständig abruft. Jedes Brummen oder Klingeln kann wichtig sein. Wer eine Nachricht liest, sie aber nicht beantwortet, macht sich sozial straffällig. Die zwei blauen Haken sind Zeugen dieser Untat – und sie werden vor Gericht aussagen. Aber aufs Telefon gucken wir ohnehin ständig. Im Schnitt 80 Mal am Tag, also alle zwölf Minuten. Wir wollen nichts verpassen. FOMO – Fear of missing out, die Angst, etwas zu verpassen, nennt sich dieses Phänomen. Die Messengerdienste wissen schon, wie sie die psychologischen und sozialen Mechanismen nutzen können, um ihre Nutzer zu binden. Wer mehr aufs Smartphone guckt, sendet ihnen mehr Daten und bringt ihnen mehr Geld.

Verantwortung weiterreichen

Nun bedeutet ständige Erreichbarkeit auch, dass wir flexibler sein müssen. Und unverbindlicher sein können. Komme 15 Minuten später, sorry. Wird heute leider nix, tut mir leid. Kannst du unterwegs noch Eier mitbringen? Paradoxerweise scheint es so, dass nicht der Verspätete, der Absagende, der Vergessliche für seine „Vergehen“ zur Verantwortung gezogen wird. Mit der Mitteilung wird die Verantwortung nämlich an den Empfänger abgegeben. Wieso bist du denn sauer? Habe dir doch geschrieben, dass ich später komme. Und wo sind die Eier? Ich habe dir doch geschrieben, du sollst welche mitbringen.

Schlimmer wird es, wenn wichtige Gespräche über Messenger geführt werden. Mal abgesehen davon, dass der Versuch, Konflikte so zu lösen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, weil einfach so viel nonverbale Kommunikation fehlt, kann insbesondere die Nichtbeantwortung einer Nachricht geradezu fatal für Friedensbemühungen sein. Da steht man vor der Wahl: Streite ich mich nun noch eine halbe Stunde schriftlich mit meinem Partner, während ich vor dem Bäcker stehe, oder schreibe ich die nächsten vier Stunden nicht zurück, weil ich auch mal zur Arbeit muss und in der Mittagspause anrufen kann? Im Prä-Smartphone-Zeitalter war klar, dass solche Gespräche warten müssen. Heute sollte die Wahl auch klar sein. Aber ist sie das auch für den Partner? Er sieht immerhin die blauen Haken …

 

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dji.de | Das staatlich finanzierte Deutsche Jugendinstitut untersucht „die Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und Familien sowie die damit zusammenhängenden sozialstaatlichen Angebote und Maßnahmen“.
iat.eu | Das in Gelsenkirchen ansässige Institut Arbeit und Technik forscht zu Arbeit und Wirtschaft, um einen Beitrag zu leisten für „nachhaltigen Wohlstand und Lebensqualität“.
igza.org | Das Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit forscht zu Technik, Kommunikation sowie wirtschaftlicher und politischer Macht, um die Ergebnisse „für die Gestaltung zukünftiger Arbeitswelten nutzbar zu machen“.

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Marek Firlej

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