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Auch ein Weg, zu sich selbst zu finden
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Gemeinsam einsam

26. September 2023

Die Kunst, nebeneinander zu sitzen und Welten entfernt zu sein – Glosse

„… und dann hat sie plötzlich das Messer aus der Schublade geholt! Kannst du dir das vorstellen? … Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“

„Ja, klar, erzähl weiter. Stefanie hat nur gerade gefragt, ob ich morgen auf ihren Hund aufpassen kann.“

Kommt Ihnen so eine Szene bekannt vor? Sie möchten eine Unterhaltung führen, aber Ihr Gegenüber hat ständig Vibrationen in der Hose? Und zwar nicht die der angenehmen Art. Sondern diejenigen, die es ständig nach dem Telefon greifen lassen. Ständig will jemand was von Ihrem Gesprächspartner. Und dieser jemand scheint auch noch wichtiger zu sein als Sie. Oder vielmehr scheint jeder wichtiger zu sein als Sie. Dabei wollen Sie doch die Geschichte mit dem Messer zu Ende erzählen. Oder was auch immer Ihnen auf dem Herzen liegt. Sie freuen sich für Ihren Gesprächspartner, dass er so viele soziale Kontakte hat. Doch jetzt in dem Moment möchten Sie gerne der wichtigste soziale Kontakt sein. Das ist schließlich der Zweck dieser Verabredung gewesen. Endlich wieder ein richtiges, tiefes Gespräch.

Zitrone auf der Wunde

„Ja also, sie nimmt also dieses Messer und …“

Sie schauen Ihr Gegenüber an. Es schaut sein Smartphone an.

„… und eine Zitrone und dann schlitzt sie sich mit dem Messer den Hals von Ohr zu Ohr auf und reibt dann mit der Zitrone über den Schnitt.“

„Oh. Und was hat sie dann gemacht? Sorry, muss mich mal kurz in die Diskussion in der Mütter-Whatsapp-Gruppe einmischen. Ist gerade wichtig.“

Sie sehen sich um in diesem Systemgastronomie-Franchise, das Sie als Treffpunkt auserkoren haben, weil es mit 4,3 Sternen auf der Google-Maps-App anscheinend beliebt bei vielen Menschen ist. Die Musik ist viel zu laut für normale Gespräche, bemerken Sie. Vielleicht soll man tanzen. Dafür ist aber kein Platz. Es ist auch zu dunkel. Diskobeleuchtung gibt es keine, gelbes Licht glimmt aus LED-Kerzen auf den Tischen. Im krassen Gegensatz dazu bestrahlt das kalte, blaue Licht dutzender Smartphones die Gesichter ihrer Besitzer aus einem ungünstigen Winkel von unten.

Kussmunden und duckfacen

Immerhin sind Sie anscheinend nicht der Einzige, der mit Freunden ausgeht, nur damit diese auf ihr Gerät glotzen. Also nicht auf das der aufregenden Sorte. Um Sie herum haben sich Grüppchen junger und mittelalter Menschen in Einheitslook versammelt. Am Nebentisch sitzen sechs Frauen, Studentinnen bestimmt, jeder einzelnen erleuchtet der blaue Schimmer den leeren Blick. Auf einmal Bewegung, eine von ihnen hebt das Telefon am ausgestreckten Arm empor. Ihre fünf Freundinnen (Freundinnen? Eher Tischgesellinnen. Oder ist das Freundschaft?) greifen nach ihren überteuerten Cocktails und lächeln, grinsen, kussmunden und duckfacen in die Kamera. Ein Leuchten, ein Blitzen, zurück ans Posten. Es war die kürzeste Party der Welt. Sie wird sich an diesem Tisch heute noch fünf Mal wiederholen. Und in der gesamten Bar noch sehr oft. Auf Instagram finden sich unter dem Hashtag mit dem Namen der Lokalkette dann tausende von Menschen, die wundervolle Abende hier verbracht haben müssen.

Der verlassene Cocktail

Eine kommunikationswissenschaftliche Arbeit der Uni Hamburg hat den Versuch unternommen, die positiven Seiten der Handynutzung während Vis-à-vis-Gesprächen zu benennen. Man könne damit die Zeiten mangelnder Wertschätzung überbrücken. Etwa wenn der Gesprächspartner auf‘m Klo ist. Oder auf sein Handy guckt. Das Perpetuum mobile der Nichtbeachtung. Achselzuckend, handyzückend bestätigen Sie die Hamburger Studie.

Ihr Gesprächspartner sagt: „Augenblick, antworte noch kurz auf diese eine Nachricht von … dir?“

Er blickt auf. Und sieht einen angefangenen Cocktail vor einem leeren Stuhl. Blickt wieder auf sein Telefon und liest:

„Danke für den tollen Abend. Sollten wir unbedingt wieder machen. Schreib mir bei Whatsapp, wenn du mal wieder Zeit hast. Zwinkersmiley.“

 

DIGITAL UNVERBUNDEN - Aktiv im Thema

dji.de | Das staatlich finanzierte Deutsche Jugendinstitut untersucht „die Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und Familien sowie die damit zusammenhängenden sozialstaatlichen Angebote und Maßnahmen“.
iat.eu | Das in Gelsenkirchen ansässige Institut Arbeit und Technik forscht zu Arbeit und Wirtschaft, um einen Beitrag zu leisten für „nachhaltigen Wohlstand und Lebensqualität“.
igza.org | Das Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit forscht zu Technik, Kommunikation sowie wirtschaftlicher und politischer Macht, um die Ergebnisse „für die Gestaltung zukünftiger Arbeitswelten nutzbar zu machen“.

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Marek Firlej

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