
Der Klimawandel ist Realität – messbar, zerstörerisch, teuer. In den letzten fünf Jahren verursachten Unwetterkatastrophen infolge des Klimawandels allein in Deutschland Schäden von über 12 Milliarden Euro; zwischen 1980 und 2024 waren es insgesamt rund 180 Milliarden Euro, so ein Bericht der Rückversicherung München Re. Der Klimawandel zeigt sich jedoch nicht nur dramatisch in Überschwemmungen oder Waldbränden, sondern auch schleichend: 2024 schätzte die Welternährungsorganisation FAO, dass bereits rund 10 Prozent der globalen Landflächen von Versalzung betroffen sind – mit der Gefahr, dass es infolge der Klimakrise 32 Prozent werden. Zudem warnten Wissenschaftler im April 2025, dass steigende Temperaturen die Ausbreitung von Schädlingen fördern und damit massive Ernteverluste bei Weizen, Reis und Mais drohen: Bei einer Erderwärmung von zwei Grad könnten sie um bis zu 46 Prozent zunehmen.
Viel Profit, viel Klimawandel
Trotz dieser konkreten Bedrohungen bleiben Regierungen untätig. Auch auf der COP in Belém setzte sich erneut wirtschaftliches Eigeninteresse gegen globale Verantwortung durch. Deshalb protestieren zivilgesellschaftliche Gruppen, sie organisieren Sitzblockaden, ketten sich an und kleben sich fest. Das ist illegal. Doch sind sie deshalb Kriminelle? Oder nicht vielmehr Menschen, die aus Sorge um das Gemeinwohl handeln, während andere in großem Stil Steuern hinterziehen oder ihre Gewinne maximieren?
Elitäre Fantasien
Superreiche wiegen sich in der Illusion, ihr Vermögen werde sie vor den Folgen der Klimakatastrophe bewahren. Vielleicht funktioniert das eine Zeit lang. Für den Großteil der Menschheit gilt das nicht. Millionen leiden schon heute unter Hitze, Dürren, Hunger und Überschwemmungen. Dennoch verharren viele Gesellschaften in trügerischer Normalität – wie der sprichwörtliche Frosch im langsam erhitzten Wasser. Wissenschaft und Aktivist:innen reißen uns aus dieser Lethargie. Dafür werden sie kriminalisiert.
Steuerhinterziehung vs Sitzdemo
In Münster wurden im November 2025 Aktivist:innen der Letzten Generation zu Geldstrafen verurteilt, nachdem sie sich im Januar 2024 auf eine Straße gesetzt und teils festgeklebt hatten. Ein 15-minütiger Stau war die Folge. Weit gravierender waren die juristischen Konsequenzen einer Aktion am Hamburger Flughafen im Juli 2023: Zehn Aktivist:innen wurden dafür im November 2025 zu über 400.000 Euro Schadensersatz verurteilt, weil sie „zielgerichtet und rechtswidrig“ in den Betrieb der Luftfahrtunternehmen eingegriffen hätten, so die Richter. In Berlin erhielt 2024 ein Klimaaktivist wegen Teilnahme an einer Sitzblockade fast zwei Jahre Haft ohne Bewährung. Zum Vergleich: Uli Hoeneß wurde wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe zu 3,5 Jahren verurteilt und nach rund 21 Monaten entlassen.
Illegale Industrie
Wann werden Gerichte feststellen, dass auch bestimmte Industriesektoren „zielgerichtet und rechtswidrig“ in das Menschenrecht auf Unversehrtheit eingreifen? Und dass Staaten stärker zum Klimaschutz verpflichtet sind? Schweizer Klimaseniorinnen gewannen im April 2024 vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eine Klage gegen ihre Regierung. Menschenrechte werden verletzt, wenn Staaten zu wenig im Kampf gegen den Klimawandel tun, urteilte das Gericht. Doch was bewirken solche Urteile, wenn Regierungen sie ignorieren?
Wer bleibt übrig?
„Ich würde mich heute nicht mehr aus Protest auf die Straße setzen. Ich habe die Hoffnung verloren, das Klima retten zu können“, sagte eine der in Münster Verurteilten. Wenn selbst die Letzte Generation aufgibt – wer kämpft dann noch für unsere gemeinsame Zukunft?
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Perfektes Versagen
Intro – Systemstörung
„Weit von einer erheblichen Gefahr für die öffentliche Sicherheit entfernt“
Teil 1: Interview – Die Rechtswissenschaftlerin Lisa Kadel über die Kriminalisierung von Klimaaktivist:innen
Klimaprotest im Wandel
Teil 1: Lokale Initiativen – Extinction Rebellion in Wuppertal
Drehtür in den Klimakollaps
Teil 2: Leitartikel – Hinter mächtigen Industrieinteressen wird die Klimakrise zum Hintergrundrauschen
„Kernziel der Klimaleugner: weltweite Zusammenarbeit zerstören“
Teil 2: Interview – Politologe Dieter Plehwe über die Anti-Klimaschutz-Bewegung
Dem Klima verpflichtet
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Initative Klimawende Köln
Welt statt Wahl
Teil 3: Leitartikel – Klimaschutz geht vom Volke aus
„Nicht versuchen, die Industrie des 19. Jahrhunderts zu retten“
Teil 3: Interview – Meteorologe Karsten Schwanke über Klimaschutz und wirtschaftliche Chancen
Klimaschutz braucht (dein) Engagement
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Bochumer Initiative BoKlima
Klimaschutz als Bürgerrecht
Norwegen stärkt Engagement für Klimaschutz – Europa-Vorbild: Norwegen
Durch uns die Sintflut
Der nächste Weltuntergang wird kein Mythos sein – Glosse
Noch einmal schlafen
Teil 1: Leitartikel – Ab wann ist man Entscheider:in?
Worüber sich (nicht) streiten lässt
Teil 2: Leitartikel – Wissenschaft in Zeiten alternativer Fakten
Mieter aller Länder, vereinigt euch!
Teil 3: Leitartikel – Der Kampf für bezahlbares Wohnen eint unterschiedlichste Milieus
Die Mär vom Kostenhammer
Teil 1: Leitartikel – Das Rentensystem wackelt, weil sich ganze Gruppen der solidarischen Vorsorge entziehen
Gerechtigkeit wäre machbar
Teil 2: Leitartikel – Die Kluft zwischen Arm und Reich ließe sich leicht verringern – wenn die Politik wollte
Gleiches Recht für alle!
Teil 3: Leitartikel – Aufruhr von oben im Sozialstaat
Unser höchstes Gut
Teil 1: Leitartikel – Von Kindheit an: besser friedensfähig als kriegstüchtig
Herren des Krieges
Teil 2: Leitartikel – Warum Frieden eine Nebensache ist
Streiken statt schießen
Teil 3: Leitartikel – Das im Kalten Krieg entwickelte Konzept der Sozialen Verteidigung ist aktueller denn je.
Der Kulturkampfminister
Teil 1: Leitartikel – Wie Wolfram Weimer sein Amt versteht
Inspiration für alle
Teil 2: Leitartikel – Wer Kunst und Kultur beschneidet, raubt der Gesellschaft entscheidende Entwicklungschancen
Unbezahlbare Autonomie
Teil 3: Leitartikel – Die freie Theaterszene ist wirtschaftlich und ideologisch bedroht