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Windräder auf Fosen
Foto: Lars / Adobe Stock

Indigenes Recht vs. erneuerbare Energien

27. September 2022

Der Kampf der norwegischen Samen gegen Energieparks – Europa-Vorbild: Norwegen

„Grüner Kolonialismus“ ist das Schlagwort, unter dem sich die Protestbewegung der Samen gegen die Zerstörung ihres Lebensraumes formiert. Im letzten Jahr feierte sie einen Teilerfolg: Der Windkraftpark Fosen Vind, sechs Onshore-Windkraftanlagen, zum Teil auf den Rentier-Winterweiden der Samen errichtet,wurde mit Verweis auf völkerrechtlichen Garantien vom höchsten norwegischen Gericht für rechtswidrig erklärt. Der aus Dortmund stammende Dokumentarfotograf Tobias Gottschaldtbeschäftigt sich seit längerem mit dieser Frage und bereist hierfür immer wieder den Norden Europas. Gegenüber trailererklärt er, warum ein Rückschlag für die erneuerbaren Energien trotzdem einen positiven Wandel bedeutenkann. Gottschaldt beschäftigt sich sich seit längerem mit dieser Frage und dafür bereist hierfür immer wieder den Norden Europas.

Eine Bewegung entsteht

Gottschaldtdatiert die Anfänge des Interessenkonflikts zurück in die 1970er Jahre, als sich auf den als Alta Case bekanntgewordenen Fall einer geplanten Wasserkraftanlage samt Staudamm erstmals große Proteste und Aktionen zivilen Ungehorsams folgten. „Das war das erste Mal, dass die Samen sich erhoben haben“, sagt Gottschaldt. Mittlerweile geht es in diesem Streit vor allem um Windkraft. Das Problem: Durch die benötigte Infrastruktur wird massiv in die Tundra eingegriffen. In der Diskussion stehen die Anlagen in Fosen bei Trondheim, Kvitfjellet bei Tromsø und das Davvi-Projekt in der Ost-Finnmark. Die Erstere wurde bereits für rechtswidrig erklärt, ein voller Erfolg ist die Entscheidung des Gerichts jedoch nicht: die Anlagen sind in Betrieb, ein Rückbau ist nicht in Aussicht.

Grüner Kolonialismus

Eigentlich hat sich der norwegische Staat dem Schutz der Samen nominell besonders angenommen. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich über Teile Schwedens, Norwegens, Finnlands und Russlands. Nur Norwegen stellt sie unter den Schutz der ILO-Konvention 169, dem „Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern“. Artikel 15 der Konvention sichert unter anderem die Rechte der indigenen Völker an den natürlichen Ressourcen. Deren Erhalt ist es, was den Samen neben der Gefährdung ihrer Weidegründe und Rentierherden, Sorge bereitet: Runar Myrnes Balto, Abgeordneter im samischen Parlament Norwegens, nennt gegenüber dem Spiegel eine geplante CO2-neutrale Kupfermine am Repparfjord „Greenwashing“, unter dem nicht nur die traditionell nachhaltige Lebensweise der Samen, sondern auch die Umwelt der Arktis schwer zu leiden habe: Norwegen ist eines der wenigen Länder, welches die Abfuhr des quecksilberhaltigen Klärschlamms in den als Lachsschutzgebiet ausgewiesenen Fjord erlaubt. Laut ihm fühlen sich die Samen doppelt bedroht: durch die Auswirkungen des Klimawandels, die in der Arktis deutlicher zu spüren sind als sonstwo, aber auch dadurch, dass diese Tatsache häufig als Grund vorgeschoben werde, um ihre Rechte zu übergehen.

Ein Umdenken?

Nach Diskussionen mit Samen-Vertreter:innen zog sich das Hamburger Unternehmen Aurubis als Hauptabnehmer der Kupfermine mit Hinweis auf „soziale Aspekte“ zurück. Übrig bleibt die Frage, wieso eine derart heikle Entscheidung gewinnorientierten Unternehmen überlassen wird und Gerichtsurteile zugunsten der Samen nicht die Suche nach neuen Modellen einer Vereinbarkeit von indigenen Rechten und Energiewende auf Regierungsebene anstoßen – unter Einbezug aller, die der Erhalt ihres Lebensraumes dringend angeht.

 

FREMDE BRÄUCHE - Aktiv im Thema

experiment-ev.de | Deutschlands älteste gemeinnützige Organisation für interkulturellen Austausch“ vermittelt Gastfamilienaufenthalte für Schüler, Studenten und Erwachsene.
via-bund.de | Der Verband für interkulturelle Arbeit e.V. versammelt bundesweit über 100 Organisationen, die in der Migrations- und Flüchtlingsarbeit aktiv sind.
ifa.de/foerderungen/elisabeth-selbert-initiative/ | Die 2020 gegründete Elisabeth-Selbert-Initiative, benannt nach einer der „Mütter“ des Grundgesetzes „bietet gefährdeten Menschenrechtsverteidigerinnen und Menschenrechtsverteidigern einen sicheren Ort“.

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Miriam Brost

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