Die Niederlande zeigen, wie es gehen kann: Schon lange werden dort Konzepte erprobt und umgesetzt, um dem „Grijze Druk“ zu begegnen, dem Grauen Druck, anhand dessen die Altersentwicklung der Gesellschaft diskutiert wird. Das Pflegeheim als letztes Abstellgleis für den vermeintlich untätigen Lebensabend soll so bald der Vergangenheit angehören. So ist es beispielsweise für niederländische Kommunen seit 2007 verpflichtend, aktive Hilfestellung und Beratung für ältere Menschen zu leisten – von Fahrdiensten über Wohnungsanpassungen bis hin zur Unterstützung im Haushalt.
Bereits seit den 70er Jahren setzen die Niederländer verstärkt auf Betreutes Wohnen. Nach dem „Stedelijk Beheer“, dem Quartierskonzept, müssen pro Wohnzone von 5.000 bis 10.000 Einwohnern ausreichend barrierefreie Wohnungen, ein zentrales Versorgungszentrum sowie dezentrale, mobile Pflegeangebote geschaffen und unterhalten werden. Die Versorgungszentren sollen in Wohnviertel integriert und für alle Anwohner fußläufig erreichbar sein – ähnlich dem Nachbarschaftsprinzip in Kopenhagen. Außerdem werden Nachbarschaftstreffs mit weiteren Aktivitäts- und Beratungsangeboten eingerichtet. In vielen selbstverwalteten Wohnprojekten leben Senioren zudem mit gleichaltrigen oder jüngeren Mitbewohnern. Im Vergleich zu Deutschland erhalten die Wohngemeinschaften mehr Unterstützung von den Kommunen, da letztere Mitspracherecht im Wohnungsbau haben.
In der niederländischen Stadt Deventer läuft seit mehreren Jahren ein europaweit einmaliges Generationen-Experiment. Hier wohnen Studenten kostenlos im Altenheim Humanitas, unterstützen die Pflege und verbringen qualitative Zeit mit den Senioren, mindestens 30 Stunden im Monat. So werden gleich mehrere Probleme gelöst: Die Studenten sind untergebracht, die Pfleger erhalten Unterstützung bei ihrer täglich harten Arbeit und die Senioren kommen in einen Dialog mit jungen Menschen, die Leben ins Haus bringen und gleichzeitig selbst für ihr Leben lernen. „Unsere Kinder (…) haben nicht gelernt, sich um ältere Menschen zu kümmern. Doch wir müssen unsere Sicht auf die Alten ändern. Dass sie sehr wohl einen großen Nutzen für unsere Gesellschaft haben. Und das die Beziehung zu ihnen wertvoll ist. Das sehen wir jeden Tag bei uns“, sagte Gea Sijpkes, Direktorin des Altenheims, in einem ARD-Beitrag vom Juli letzten Jahres. Versicherungen kommen in den Niederlanden außerdem für 85 % der Kosten im Alter auf, für die Pflege, aber auch für Elektroroller, die das Stadtbild der Niederlande bereits prägen und den Senioren große Mobilität verschaffen.
All dies sind Puzzlesteine die den Grundstein legen für ein selbstbestimmtes Leben im Alter und für Begegnungen und Wertschätzung zwischen den Generationen. Für einen Blick in die Zukunft lohnt also ein Blick über die Grenze.
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Aktiv im Thema
zwar-wuppertal.info | ZWAR – Zwischen Arbeit und Beruf, das sind diverse lose organisierte Gruppen und offen für alle Menschen 50+, aktiv Zeit miteinander zu verbringen.
seniorenaktiv.net | Der PHW Paritätische Hilfe e.V. bietet für ältere Menschen im Raum Wuppertal Unterstützung und Angebote zur Freizeitgestaltung, Wohnraumberatung, Haus- und Krankenpflege.
bpb.de/politik/innenpolitik/demografischer-wandel/196911/fertilitaet-mortalitaet-migration | Guter Überblicksartikel der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema demografischer Wandel.
Die neuen Alten: Demografischer Wandel als Chance
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