Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13

12.417 Beiträge zu
3.694 Filmen im Forum

Warnung aus dem Jenseits
Foto: Ralf Geithe / Adobe Stock

Mord im Dunkeln

01. November 2020

Lasst Tote sprechen – Glosse

Aus den Lautsprechern ertönt eine Stimme. An der Decke erspäht das Publikum einen zerstückelten Körper, dahinter ein grotesker Blutfleck. Ein monströses Fleischstück spricht nun zu ihm hinab: „Achtung! Mein Name ist Anna. Ich bin nur 28 Jahre jung geworden.“ Ein Gemurmel geht durch die Reihen. „Spielen wir heute Mord im Dunkeln?“ oder „Ist das Stephen Kings’ Carrie?“, fragen und witzeln die Zuschauer. „Nein, ich wünschte, es wäre ein Spiel. Eine Performance. Ich hatte auch keine Krankheit. Stattdessen bin ich in der Realität umgebracht worden“, antwortet Anna, über dem Publikum schwebend. „Aus Aggression. Nur, weil ich die Person nicht mehr lieben wollte, nicht mehr bereit war, ihr meinen Körper auszuliefern. Aus Wut.“

„Als nunmehr Tote spreche ich zu Euch Lebenden, weil mir dieses Thema am Herzen liegt, auch wenn meines nicht mehr schlägt. Falls die Verbindung schlecht wird, so liegt es nicht nur an der Distanz. Vielleicht ist der Grund auch der, dass Ihr mich nicht hören wollt. Wenn Ihr als Frau weiterleben wollt, dann hört mir besser gut zu: Im letzten Jahr wurde ich von meinem Ex-Freund auf gewaltsame, grausame Weise umgebracht. Mein Körper wurde zerstückelt. Passiert ist seither nicht viel. Totgeschwiegen wurde mein Tod, tabuisiert. Als Beziehungstat abgestempelt. Dabei impliziert das, dass man in der Liebe Besitzansprüche stellen darf.“

„Die Statistik gibt allerdings zu Denken: Immerhin bin ich eine von rund 120 Frauen, die jährlich in Deutschland von Intimpartnern ermordet werden. Alle drei Tage in einem vermeintlich modernen Land. Nicht etwa als ‚Hexe‘ im Mittelalter, auch wenn das ebenfalls schlimm wäre, sondern jetzt hier und heute“, antwortet Anna. „Seht Euch besser um, wer neben Euch sitzt. Ich wurde getötet, weil ich eine Frau bin. Sexistisch ist das, weshalb es in „Femizid“ umgetauft wurde.“

Totenstilles Publikum

„Bestimmt wieder ein lästiger Ehrenmord! Dieses patriarchale, zurückgebliebene Weltbild aus arabischen Kulturkreisen, das das Pack in unser freies, aufgeklärtes Land schleppt!“, raunzt AFD-Sympathisant Günther. „Da kann ich Sie als europäisches Mordopfer eines Anderen belehren: Mein einstiger Partner hieß Sascha und war Deutscher. Erst mimte er den netten Menschen von nebenan. Schließlich flogen bei einem Streit erst Worte, dann Gegenstände durch die Gegend, bevor er weitere Gewalt gegen mich ausübte. Als ich mit ihm Schluss machte, schlug mein damaliger Freund mit einer Axt auf mich ein. Traditionelle Rollenbilder, die Femizide begünstigen, existieren sehr wohl auch in Deutschland.“

„Ich kann nur sagen: Wenn Ihr als Frauen überleben wollt, seht hin! Sprecht darüber. Schweigt nicht! Geht nicht über weibliche Leichen!“, kontert die tote Anna, während sie nun Blut über den AFD-Sympathisanten ergießt, ihm zuflüsternd: „Möchtest Du spüren, wie es sich anfühlt, zerfleischt zu werden?“ Blutbesudelt und strauchelnd ertrinkt er beinahe, weshalb Günther nun wie ein Toter schweigt. Indessen formiert sich ein lauter werdender Totenchor. Darunter auch Barbara: „Ich wurde aus Eifersucht getötet, erschossen. Mein Mord wurde jedoch nicht mal als ein an einer weiblichen Person begangener vermerkt. Wisst Ihr auch, warum? Nur weil ich Transgender bin. Die Ungerechtigkeit ist mordsmäßig hoch.“ Das Publikum ist nun totenstill.


Femizid - Lesen Sie weitere Artikel
zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und choices.de/thema

Aktiv im Thema

frauenrat-nrw.de | Unabhängiges Netz aus rund 60 Frauenverbänden und –gruppen in NRW.
frauenberatungsstellen-nrw.de | m Dachverband der autonomen Frauenberatungsstellen NRW e. V. sind rund 50 Frauenberatungsstellen aus NRW versammelt.
www.unwomen.de | UN Women Deutschland ist eins von zwölf Komitees weltweit. Sie engagieren sich für Frauenrechte und in einem Schwerpunkt gegen Gewalt an Frauen.

Fragen der Zeit: Wie wollen wir leben?
Schreiben Sie uns unter meinung@engels-kultur.de

Rebecca Ramlow

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Lesen Sie dazu auch:

Weil sie Frauen sind!
Femizid als Straftatbestand – laut Bundesregierung eine unnötige Differenzierung

„Frauen werden teils als Besitz angesehen“
Die Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes über Gewalt an Frauen

Für ein selbständiges Leben
Der Wuppertaler Verein „Frauen helfen Frauen“

Was Frauen wirklich schützt
Politische Programme gegen männliche Gewalt sind zu wenig

„Trennungen sind der Hochrisikofaktor“
Sozialarbeiter zur Tötung von Frauen durch ihre Partner

Gewalt geht gar nicht!
Der Wendepunkt unterstützt Frauen in Krisensituationen

Doppelt unsichtbar
Strukturelle Gewalt gegen Frauen muss endlich beim Namen genannt werden

Glosse

Hier erscheint die Aufforderung!