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Lieber General,

10. Juni 2020

engelszungen 06/20


Red Lion Square, London, W.C., 16. Juni 1895

Du bist nun jetzt eine Woche in Eastbourne, und da, wie wir zu unsrer Freude gehört haben, schon die ersten Tage Deines Aufenthalts Dir eine kleine Besserung in Deinem Befinden gebracht haben, so will ich hoffen, daß dieser Brief Dich ein ganz gehöriges Teil besser und vor allem in der Lage antrifft, nicht nur die frische Seeluft, sondern auch die Spaziergänge Eastbournes in jeder Weise auszunützen. Glücklicherweise läßt das Wetter im ganzen wenig zu wünschen übrig, und heute, wo es selbst hier, im Zentrum Londons, warm ist, ohne drückend zu sein, denke ich mir Eastbourne als ein kleines Paradies.

Aber das Denken und Hoffen ist doch nur etwas Halbes, und darum hätten wir doch recht gern direkte Nachricht, wie es Dir geht und wie Du und Frau Lafargue Euch dort behagt. Nachdem Avelings nach Orpington hinausgezogen, können wir ja nicht mehr zu ihnen gehen oder schicken und uns nach Dir erkundigen. Ich möchte Dich natürlich jetzt nicht veranlassen, resp. von Dir verlangen, an uns zu schreiben, außer Du seiest schon so gesund, wie wir Dich alle wünschen, aber vielleicht ist Frau Lafargue so freundlich, uns mit ein paar Zeilen zu erfreuen.

Von hier kann ich Dir nichts schreiben, als was Dir die Zeitungen mitteilen, denn was man so herumhört, ist nicht des Schreibens wert. Am Freitag habe ich mir einen Vortrag von Herbert Burrows über Socialism and Woman mit obligater Debatte geleistet und habe da so viel von der moralischen Beschaffenheit der zukünftigen Menschheit gehört, daß [ich] mich nicht dazu entschließen kann, nun auch heut abend Bax über Ease, Vice and Luxury in the further Society sprechen zu hören, zumal es in Kelmscott House geschieht. Es ist doch merkwürdig, wie sehr die hiesigen Sozialisten auf der einen Seite Utopismus pflegen, auf der andern in antiquierten Anschauungen leben.

[…]

Mit herzlichen Grüßen von uns allen an Dich und Frau Lafargue

Dein Ede

Ihnen, lieber General, u. Frau Lafargue herzlichen Gruß sendend, hoffen wir, bald recht gute Nachricht über Ihr Ergehen zu haben,

Ihre Gine

Der Sozialist Eduard Bernstein (1850-1932) und seine Frau Regina (1849-1923) lebten viele Jahre im Londoner Exil und hatten einen engen Kontakt zu Engels, der ebenfalls in der britischen Hauptstadt lebte. Im Sommer 1895 hielt sich Engels zusammen mit Laura Lafargue, einer Tochter von Karl und Jenny Marx, zur Kur im Seebad Eastbourne auf.

Quellenangabe: Eduard Bernsteins Briefwechsel mit Friedrich Engels, hg. von Helmut Hirsch, Assen 1970, S. 415-416.

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