Mit nicht endend wollenden stehenden Ovationen wird das zehnte und letzte städtische Sinfoniekonzert dieser Spielzeit im ausverkauften Großen Saal der Historischen Stadthalle gefeiert. Grund dafür ist nicht nur die Aufführung der 6. Sinfonie von Gustav Mahler in a-Moll. Auch drei Personen werden verabschiedet und gelobt. Zum einen sind es Hikaru Moriyama und Matthias Neumann, die sich von der Bratschengruppe in den Ruhestand verabschieden. Zum anderen ist es Patrick Hahn, der nach fünf Jahren als Generalmusikdirektor (GMD) Wuppertal verlässt. Aufgrund der Beifallsstürme spielt man als Zugabe von Johann Sebastian Bach das Largo aus dem Concerto f-Moll für Cembalo und Orchester BWV 1056, arrangiert für Orchester von Leopold Stokowski, anrührend mit einem schönen romantischen Sound.
Drei Schicksalsschläge
Alma Mahler (1879-1964) bemerkte einmal zum Hauptwerk der Matinee: „Die Sechste ist sein allerpersönlichstes Werk und ein prophetisches obendrein.“ Damit meinte die Gattin Gustav Mahlers etwa die drei Schicksalsschläge, die ihn erst 1907, ein paar Jahre nach der Vollendung dieses monumentalen Werks, anheim suchten: der Tod seiner erst vierjährigen Tochter Maria, die Diagnose seiner unheilbar schweren Herzerkrankung und die Aufgabe seines Amts als Direktor der Wiener Hofoper nach Intrigen und künstlerischen Konflikten. Doch diese Aussage brachte sie erst im Nachhinein zu Papier. Der Musikforscher Hans Ferdinand Redlich (1903-1968) stellte fest, er habe mit der in den Jahren 1903/04 entstandenen 6. Sinfonie „die Schrecken dieses von zwei Weltkriegen zerpflügten Jahrhunderts prophezeit“. Kann hinter beide Statements mit voller Überzeugung ein „quod erat demonstrandum“ (was zu beweisen war) gesetzt werden? Fakt ist jedenfalls, dass es dem Komponisten zur Entstehungszeit dieses Opus gut ging. An der Wiener Hofoper war er als Dirigent und Direktor sehr erfolgreich, seine gesellschaftlichen und finanziellen Verhältnisse waren stabil, seine Ehe war unbeschwert. Er hatte große Freude an seinen Kindern. An Angelegenheiten abseits seiner beruflichen und privaten Verhältnisse hatte er nie großes Interesse. So ist nichts an Vor- und Anzeichen hinsichtlich des Kommenden im gerade beginnenden neuen Jahrhundert während der Entstehung der als „Tragische“ bekannten Sinfonie zu erkennen – dieser Titel stammt nicht von Mahler. Der Schluss liegt also sehr nahe, dass sich Mahler bei der Komposition nur in das eigene Ich verlor.
Alles zugleich
Entstanden ist ein Mammutwerk, dessen facettenreiches Mosaik sich aus vielen übereinander geschichteten Motiven und Themen zusammensetzt. Wichtige musikalische Gedanken finden streckenweise zeitgleich statt, laute und leise Motive überkreuzen sich. Sie ist voll an parallelen heterogenen Elementen, exaltierten wie farbenreichen Orchesterklängen, abrupt aufbrausend, aber auch intim. Unvermittelt wechseln Einzelstimmen vom Pianissimo ins dreifache Forte und zurück. Instrumente gehen schrill an die Grenze ihrer Frequenzbereiche und singen sodann kontemplative Melodien. Um diese Tonsprache mustergültig zum Ausdruck zu bringen, müssen die in der Partitur vermerkten Nuancen der Dynamik, des Tempos, der Deklamation und des Ausdrucks exakt befolgt werden.
Nicht mit einem Paukenschlag, sondern zwei Hammerschlägen im Finale hört Patrick Hahn damit als GMD auf. Diese Sinfonie führte Hahn ähnlich wie Mahlers 2. Sinfonie am 20. November 2023 auf: effektvoll klanggewaltig, mit bombastischer Orchesterwucht im lauten Tutti. So kommen in diesen Passagen die vielschichtigen komplexen Strukturen kaum zur Geltung. Zu dominant sind die Blechbläserklänge, wenn sie eigentlich nur die Funktion als Füllstimmen einnehmen. Die Schlagzeuger dürfen sich so richtig ins Zeug legen. Auch die grotesken Züge im Scherzo hätten verständlicher herausgearbeitet werden können. Wie damals entspricht auch diesmal die Orchestergröße nicht Mahlers Vorschriften: eine Streicherbesetzung mit 16 ersten Violinen, 14 zweiten Violinen, 12 Bratschen, 10 Celli und 8 Kontrabässe. Statt dieser 16er-Besetzung spielt das Orchester in 14er-Besetzung, also pro Gruppe zwei Instrumente weniger. Dieser kleinere Streicherapparat ist folglich dann zu leise, wenn der Komponist ihm an lauten Stellen eine Hauptrolle zugedacht hat. So mangelt es an diesem Vormittag an einer tiefen Auslotung der vielschichtigen wie aussagekräftigen Musiksprache des Komponisten. Es gibt aber auch schöne Stellen. So kommt etwa der Andante-Satz wie ein Atemholen bis auf die dramatischen Ausbrüche in der Mitte als idyllische Oase daher. Das Alma-Thema im Kopfsatz kommt klar von der Bühne, wie das unerbittliche Marschthema gleich zu Beginn.
Intention und Interpretation
Nicht unerwähnt darf ein Fauxpas im Programmflyer bleiben. Im Ablaufplan steht, wie an diesem Vormittag gespielt, das Scherzo vor dem Andante, dagegen im Programmtext das Andante vor dem Scherzo. Das kann zu Irritationen führen. Bestimmt hätte ein kurzer erklärender Satz ausgereicht, dass über die korrekte Reihenfolge der beiden Binnensätze bis heute heiß diskutiert wird.
Auch viele andere Sinfoniekonzerte waren unter Hahns Stabführung klanglich nicht immer ausgewogen beziehungsweise im Sinne des Komponisten. Etwa machte sein Antrittskonzert am 1. September 2021 nicht wunschlos glücklich – damals erst 26 Jahre alt und der jüngste GMD im deutschsprachigen Raum. Es haperte an einem ausgewogenen Orchesterklangbild bei den „Vier letzten Liedern“ und der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss. Außerdem kamen Anton Weberns „Sechs Stücke für Orchester“ op. 6 durchweg mit einem orchestralen Pomp daher, obwohl laut Partitur kammermusikalische und eben keine wuchtigen Töne gefragt sind. Im Juni 2024 war das städtische Orchester zum ersten Mal an dem Klavierfestival Ruhr beteiligt. Auf dem Programm stand Ferruccio Busonis Konzert für Klavier und Orchester mit Männerchor in C-Dur. Weltweit nur etwa eine Handvoll Pianisten haben den hochgradig schweren Solopart im Repertoire. Marc-André Hamelin ist solch eine Ausnahmeerscheinung, der pianistisch und musikalisch auf höchstem Niveau spielte. Nur schien Hahn überfordert. Denn unter seinem Dirigat gelang keine ausgewogene Balance zwischen Schlagzeug, Blech- und Holzbläsern, Streichern, Klavier und Chor. Tempobeschleunigungen von Klavier und Orchester waren disparat, weil Hahn nicht auf Hamelin achtgab. Die ausgewogenen und profunden Männerstimmen des Jugendkonzertchors der Chorakademie Dortmund mussten im Finalsatz ihre Gesänge notgedrungen unschön dann forcieren, wenn es laut wurde, um sich zumindest einigermaßen gegenüber dem Orchester behaupten zu können. Auch hatte er wohl nicht bedacht, dass es sich bei dem Werk um eine Sinfonie mit obligatem Klavier und obligatem Chor handelt, folglich das Soloinstrument beziehungsweise der Vokalpart gleichwertige kommunikative Bestandteile des Orchesters sind. Auch diese musikalische Form kam nicht hörbar von der Bühne. Vielmehr wurde der Eindruck erweckt, als gehe es um eine Sinfonie mit drei voneinander unabhängigen Gruppen. Der städtische Klangkörper dominierte sogar bei lauten Passagen. Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ war in dieser Spielzeit das Mammutprojekt der Stadt, das zusätzlich zum normalen Etat eine gute sechsstellige Summe verschlang und ohne Gelder von Sponsoren, Förderern und Stiftungen nicht hätte realisiert werden können. Bei diesen vier ausverkauften Veranstaltungen heimste Hahn die meisten Beifallsbekundungen ein. Man sollte aber nicht außer Acht lassen, dass bei diesen konzertanten Aufführungen die daran beteiligten international renommierten Wagner-Sänger einen großen Anteil daran hatten wie auch das Orchester. Es verpflichtete sogar bei der Götterdämmerung statt den zwei fest angestellten Konzertmeistern Hartmut Schill, ein mit allen Wassern gewaschener alter Hase in Sachen Wagner-Musik. Er spielt seit 1999 im Bayreuther Festspielorchester, wo er seit 2012 die Position des stellvertretenden Konzertmeisters einnimmt. Er dürfte wahrscheinlich mit daran beteiligt gewesen sein, dass das Sinfonieorchester Wuppertal mit einem homogenen emotionalen Klang glänzte. Und trotz aller berechtigten Jubelstürme des Publikums sollte nicht unerwähnt bleiben, dass ab dem Forte aufwärts die Klangbilder zu undifferenziert und gegenüber den tragfähigen Gesängen über weite Strecken zu laut waren. Dem Wuppertaler Opernhaus hat Hahn bereits im Dezember letzten Jahres tschüss gesagt. Auch bei seinem Dirigat von Bühnenwerken wie zuletzt bei Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ waren seine Tempi und Dynamiken nicht unbedingt sängerfeundlich, wenn Gesangssolisten und Opernchor ihre Stimmen forcieren mussten, um sich hörbar zu machen oder zu hektisch Sprechgesänge daherkommen mussten.
Musik-CEO
Fünf Jahre ist Hahn, der im Juli 31 Jahre alt wird, für die musikalischen Geschicke der Stadt verantwortlich gewesen. Zu einem GMD – musikalischer CEO einer Stadt oder Region – gehört viel mehr als nur Konzerte und Opern aufzuführen. Nicht umsonst hieß es in der Stellenausschreibung, auf die er sich beworben hatte: „Der/Dem Generalmusikdirektor/in obliegt die künstlerische Leitung und Spielplanung der Sinfoniekonzerte und im Benehmen mit der Opernintendanz die musikalische Leitung des Opernbetriebes. Dies bedingt eine umfassende Präsenz vor Ort. (…) Sie prägen das kulturelle Leben der Region mit. Erwartet wird daher ein überdurchschnittliches Maß an Eigeninitiative und Engagement bei der Vertretung von Orchester- und Operninteressen.“ Das heißt, eine Präsenzpflicht mit Hauptwohnsitz in Wuppertal bzw. näherer Umgebung wird erwartet. Doch vor seinem Amtsantritt bis heute steht im Impressum auf seiner Homepage eine Adresse in der Nähe von bei Graz in Österreich, wo er aufgewachsen ist. Administrative und repräsentative Aufgaben sind weiterhin Pflichten eines Musikchefs, die viel Zeit vor Ort in Anspruch nehmen. Stattdessen war er laut seinem im Internet einsehbaren und regelmäßig aktualisierten Terminkalender überwiegend nur während seiner städtischen Dirigate inklusive den dazu gehörenden Probenterminen hier anwesend. Davor und danach zog es ihn in die große weite Welt, um mit anderen Orchestern zusammenzuarbeiten. Weltweit werden solche Dirigenten, die regelmäßig an einem Ort Veranstaltungen leiten, als „Conductor in Residence“ bezeichnet.
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