Die Songschreiber Moritz Krämer und Francesco Wilking, beide auch solo und in anderen Bandprojekten aktiv, haben ein Faible für Sperriges. So haben sie ihre allenthalben gelobte Band Die Höchste Eisenbahn genannt, und ihre Alben tragen die Titel „Schau in den Lauf, Hase“ (2013), „Wer bringt mich jetzt zu den anderen“ (2016), „Ich glaub dir alles“ (2020, ein Ausrutscher) und ganz neu: „Wenn wir uns wieder sehen, schreien wir uns wieder an“. 2017 sah ich sie schon mal auf dem New Fall Festival in Düsseldorf. Trotz Bestuhlung standen und tanzten schnell fast alle im Publikum. Wer die cleveren Texte kannte, sang mit.
Wie viele werden die neuen Texte kennen und mitsingen auf der anstehenden Tour, die DHE auch in die Essener Zeche Carl bringt? Den Albumtitel z.B., der gleich im ersten Lied des neuen Albums auftaucht: „Seit du weg bist“ heißt es – weder ein Trennungs- noch ein Versöhnungslied, sondern irgendwas dazwischen. Nichts ist klar, außer: „Seit du weg bist / bin ich ein Idiot“. Damit und mit dem Albumcover ist der Ton gesetzt für die Poesie von Wilking und Krämer, die Gefühle genau beschreibt, weniger genau benennt und Lösungen ausweicht. Das Coverfoto illustriert das mit einem hässlichen Hochhaus, welches fast das gesamte Bild einnimmt. Da will man weg. Oder? Das Wetter jedoch ist schön, der Himmel blau mit leichten Wolken, und auf einem der ansonsten toten Balkone sieht man Blumenkästen und rosa Sonnenschirme. Zwei sind es, und sie sind aufgeklappt. Ja was denn nun? Gute Frage – man sollte sich an sie gewöhnen. Sie überhaupt zuzulassen, rät immer wieder diese Band.
„Bürotage“ – der Erzähler kann an ihnen nicht, verspricht aber, immer da zu sein, „wenn du einen Freund brauchst“. Schon oft gehört, im Leben wie in Liedern. Doch „wenn dich ein Kind beleidigt hat / Und du den PIN vergessen hast / Und wenn die Welt einfach weitermacht / Und du dich fragst, wo ich da war", dann...Spoiler: DHE enden hier, lassen den Bedingungssatz hängen. Da stehen wir nun und können manchmal lange auf eine Antwort warten.
Musikalisch klingt das poppiger und direkter, als es sich liest, noch so ein nicht auflösbarer Widerspruch. Sonnenschirme auf, Blumen säen, tanzen. In der Zeche Carl ist eine Bestuhlung nicht vorgesehen.
Die Höchste Eisenbahn | Di 2.12. 20 Uhr | Zeche Carl, Essen | www.zechecarl.de
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