Der griechische Komponist Nikos Skalkottas (1904-1949) war lange nur in Fachkreisen bekannt. Zwar galt er während seiner Berliner Studienzeit in der Meisterklasse von Arnold Schönberg als erfolgversprechender Musiker. Doch nach seiner Rückkehr nach Athen im Jahr 1933 wurde er in seiner Heimat gemieden, sogar hart kritisiert. Denn er wollte sich der in seiner Heimat dominierenden folkloristischen Musik nicht anpassen. Neben seiner Tätigkeit als Geiger im Staatsorchester Athen komponierte er viel, veröffentlichte diese Werke aber nicht. Erst mit der Zeit kamen sie nach seinem Tod zum Vorschein. Und noch nicht alle sind ausgegraben. Erst jetzt steht er in Sachen früher musikalischer Moderne Griechenlands mit an erster Stelle. Im „Ort“ der Peter Kowald Gesellschaft tritt das 2018 in Heraklion, der Hauptstadt der Insel Kreta, gegründete New Cretan Quartet (NCQ) zum ersten Mal in Deutschland öffentlich in Erscheinung und demonstriert anhand von zwei Streichquartetten eindrucksvoll, dass die Werke Skalkottas hier zu Unrecht ein stiefmütterliches Dasein fristen.
Ausnahmen von der Tradition
Das junge Streichquartett, das aus den Reihen des Heraklion Municipal Youth Symphony Orchestra hervorging, beraten von Georgios Demertzis, Primgeiger und Gründer des renommierten New Hellenic Quartet, ist Teil der europäischen Merita-Platform, die vielversprechende Kammermusik-Ensembles Auftritte in historischen Kulturstätten verschafft. So konzertierte es bereits europaweit. Daneben traten die vier Musiker unter anderem in unterschiedlichen Besetzungen auf Kreta beim angesehenen Chamber Music Festival Chania auf. Neben der Pflege des traditionellen Repertoires hat es sich die Formation zur Aufgabe gemacht, selten gespielte Werke aus ihrer Heimat etwa von Aristeidis Antonakakis, Mikis Theodorakis und besagtem Skalkottas einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.
Mit im Gepäck hat das NCQ Skalkottas erstes und drittes Streichquartett, beide dreisätzig. Das Erste mit den Satzbezeichnungen Allegro giusto, Andante con variazioni und Allegro (ben ritmato) – Vivace, 1928 in Berlin während seiner Studienzeit bei Schönberg verfasst, ist eine bereits kontrapunktisch meisterhafte Komposition mit drei kurzen, kontrastierenden Abschnitten und einer atonal-seriellen Tonsprache. Basis des ersten Satzes im Allegro moderato mit seiner klassischen Sonatenform des 1935 in Athen geschrieben dritten Werks dieser Gattung ist eine Zwölftonreihe, deren Entwicklung in der ersten Geigenstimme gut nachvollzogen werden kann. In den sich anschließenden beiden Sätzen (Andante und Rondo – Allegro vivace) werden die Strukturen zwar wesentlich kniffliger. Aber tänzelnde Rhythmen, die latent an den griechischen Musikstil des Rembetiko gemahnen, bringen eingängige emotionale Elemente.
Knifflig, mit Energie
Diese beiden Werke spielen die beiden sich am ersten Pult abwechselnden Geiger Georgios Daskalakis und George Alexander Chliavoras, Bratschist Stefanos-Aristos Symeonidis und Cellist Kostis Spyridakis tief ausgelotet, dabei komplexe Musikformen brillant zu Gehör bringend. Neben der kompositorischen Strenge bringen sie den gefühlvollen Gehalt packend zum Ausdruck.
Hier wie auch beim zweiten Streichquartett in a-Moll von Johannes Brahms beeindruckt das NCQ mit einer satten Tongebung, festem Zugriff und einem nuancierten wie energetischen Zusammenspiel. Die kontrastierenden thematischen Charaktere in den Ecksätzen, das Liedhafte der A- und der dramatische Zuschnitt der B-Teile der beiden Binnensätze werden dank großer musikalischer Spannungsbögen erstklassig nachgezeichnet.
Das Publikum zeigt sich zu Recht begeistert und bedankt sich mit frenetischem Beifall.
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