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Julio Rondo, Ausstellungsansicht Grölle Pass Projects, 2018, © Julio Rondo
Foto: Jürgen Grölle

Abstraktion und ihre Farben

25. Oktober 2018

Julio Rondo in der Galerie von Jürgen Grölle – kunst & gut 11/18

Eine bemerkenswerte Ausstellung! Die Malerei ist ungegenständlich, sämtliche Bilder sind gerahmt, hinter Glas. Aber die Glasscheiben sind nicht Schutz der Bilder, sondern als Träger der Farbe und mit ihren Reflexionen Teil von diesen. – Es kann also sein, dass es länger dauert, bis das Verstehen einsetzt und die Begeisterung überspringt. Von Mal zu Mal spielt das Tageslicht eine Rolle und bringt die Farben zum Leuchten, dann wieder spiegelt sich zum Beispiel die Schwebebahn in den Bildkästen. Die Wirkung hat natürlich damit zu tun, wie man vor den Farbflächen, breiten Pinselbahnen und Stauchungen der Farbränder steht. Wie man sich ihnen annähert und ob man beachtet, welche Farbschicht vor welcher liegt und ob nicht vielleicht die vordere als farbiger Schatten auf die hintere fällt und die hintere die Farbwirkung der vorderen beeinflusst. Zur Erkenntnis gehört auch, dass es sich um Hinterglasmalerei handelt und die vordere und die hintere Farbschicht auf Abstand zueinander stehen. Und dann wird auch der Farbauftrag – als Materie tatsächlich rückseitig zu sehen – zum Ereignis, das sich mit der Zeit und folglich in der Vergangenheit ereignet hat. Der Blick folgt dem breiten Pinselstrich, der die Farben in faserigen Blöcken auf der Fläche hinterlassen hat. Also, warum die abstrakten Formen und Farben mit ihrer Temperierung nicht als visuelles Konzentrat der Erinnerung verstehen, wenn ihr Auftrag doch die Spuren der Entstehung erkennen lässt?

„Was macht die Zeit? Mit uns? Mit der Erinnerung? Verschärfte sie unseren Blick auf die Dinge?“, hat Thomas Locher in einem Interview 2014 gefragt und von Julio Rondo als Antwort erhalten: „Sie lässt Referenzen wachsen! Und wieder schrumpfen, sogar verschwinden. Ununterbrochen schichtet sie unser immenses Archiv um … und baut Gifte ab.“ Seine Bilder vermitteln zwischen verschiedenen Erfahrungsebenen, indem sie diese aufeinander beziehen und zusammenwirken lassen, ohne dass hierfür eine Geschichte oder illustrierende Referenzen erforderlich sind. Die Farbformen treten stattdessen in einen Dialog, partiell lässt sich hinter den abgedeckten Bereich blicken und damit weiter auf die hintere Schicht. Neben scharfkantig umrissenen Farbformen finden sich dort weiche, wolkige, an den Rändern fein diffuse Verläufe, die Rondo mit Airbrush gesprayed hat. Ursprünglich habe er diese Technik verwendet, um Folgen von kreisförmigen Linien auf der Glasscheibe zu ziehen, berichtet Rondo in Wuppertal: Auch davon finden sich Beispiele in der Ausstellung.

Die Formate seiner Bilder sind verhältnismäßig groß. Mit ihren Vorhängen aus Farbe, zwischen denen man auf die tieferen Schichten sehen kann, werden sie zu Resonanzräumen der Vergegenwärtigung. Was lösen Farben in uns aus? Hinzu kommen die (durchgehend englischen) Titel, die mitunter Hinweise auf die Popkultur enthalten, was auch für einzelne der Formen und ihre Farben gilt. Sie appellieren an das kollektive Gedächtnis im Zusammenwirken mit individuellen Erlebnissen. Julio Rondos besondere Leistung ist die der Übersetzung von Geschehenem oder Empfundenem ins Abstrakte, so dass dieses für den Betrachter wiederum in eigene Vorstellungswelten zu übertragen ist. Im Gespräch mit Thomas Locher weist Julio Rondo übrigens auf Parallelen zu seinen Spracherfahrungen hin, wenn er auch heute noch bestimmte Dinge erst in seiner Muttersprache Spanisch durchdenkt.

Julio Rondo wurde 1952 in Sontrondio geboren, heute lebt er in Berlin. Er hat in Stuttgart an der Kunstakademie studiert, in der Klasse von K.R.H. Sonderborg. Das Stuttgarter Klima war für Rondos Verständnis vom Bild und dessen Potential in Zeiten wichtig, in denen etwa die Appropriation Art angesagt war. Er selbst hatte zunächst weniger Interesse an Malerei als an Objekten. Aber dem verknappt linearen, in kürzester Zeit ausgeführtem Duktus von K.R.H. Sonderborg, den er heute mehr denn je schätzt, lag ein ausgiebiges Nachdenken zugrunde: um Gesehenes in wenigen, fast grafischen Strichen – oft in Schwarz-Weiß – zu verdichten. Julio Rondo hingegen malt, und zwar mit Farben, und nutzt die Malerei als Schleier ins Bewusstsein von Gegenwart und Vergangenheit: auf einer Meta-Ebene also, dreidimensional und ganz erstaunlich.

Julio Rondo – O.K.., Let's Panic Later | bis 30.11. | Grölle Pass Projects | 0173 261 11 15

Thomas Hirsch

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