Dreimal pro Woche fährt Peter Krampen mit dem Medimobil der Wuppertaler Tafel durchs Land. Seit zehn Jahren macht der pensionierte Fernfahrer dies nun schon. „Meine Tochter ist Arzthelferin, und so kam ich in Kontakt mit der Tafel“, erklärt der Rentner. Der Tagesablauf ist bereits Routine. Peter Krampen sortiert die Medikamente und bereitet den mobilen Krankentransporter für die Fahrten vor. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht in großen Lettern im Inneren des Notfallrettungswagens. Dem Medimobil sieht man von innen die intensive Nutzung nicht an. Auch für die Ordnung und die Sauberkeit zeichnet Krampen verantwortlich. Je eine Tour pro Woche führt nach Wuppertal, Remscheid und Solingen. Heute steht Solingen auf dem Programm. Die Patienten des Medimobils kennen Peter Krampen, und er spricht ihre Sprache, versteht, wie sie ticken. Während die Ärzte einander abwechseln, ist er die Konstante im Medimobil. Er assistiert den Ärzten und unterstützt in Situationen, wenn es mal Probleme gibt. „Manchmal müssen wir auch Nein sagen, wenn die Patienten Beruhigungs- oder Schlafmittel einfordern. Diese haben wir nicht im Wagen.“ Solche Abweisungen sind manchmal für die Patienten des Medimobils schwer einzusehen. Dann kommt Krampen den Ärzten zu Hilfe und spricht Klartext.
Keine Krankenversicherungskarte oder sonstige Legitimationen sind nötig, um sich behandeln zu lassen
Wie alle Angebote der Wuppertaler Tafel bietet das Medimobil ein sogenanntes niederschwelliges Angebot. Das bedeutet, dass keine Krankenversicherungskarte oder sonstige Legitimationen nötig sind, um sich behandeln zu lassen. Wohl die allermeisten der Medimobil-Patienten sind krankenversichert. Dennoch gehen sie nicht zu niedergelassenen Ärzten. Zu einem Großteil scheitert es an den zehn Euro für die Praxisgebühr sowie an den Zuzahlungen für verschriebene Medikamente. Vielen ist auch die Verbindlichkeit, einen Termin Tage oder gar Wochen im Voraus vereinbaren zu müssen, eine unüberwindliche Hürde. Äußern wollte sich auf dieser Tour kein Patient. Zu hoch ist wohl die Schamgrenze. Armut ist immer noch ein Tabu, auch wenn die Tafeln bundesweit dafür sorgen, dass das Thema gesellschaftliche Beachtung findet. Etwa 40 Ärzte aus der Region bilden einen Pool, der das Medimobil ehrenamtlich unterstützt. Heute fährt Hermann Daun, ein pensionierter Internist aus Solingen-Gräfrath mit. Von 1974 bis 2005 führte er seine Praxis, bevor er sie an seine Tochter abgab. Ein Zeitungsinserat brachte ihn mit der Wuppertaler Tafel in Kontakt, und nachdem er einmal mitgefahren war, blieb er dabei. Warum er seine Freizeit für das Medimobil opfere? „Jeder Mensch ist wichtig, und es ist wichtig, dass die Menschen sich darauf verlassen können, dass wir für sie da sind.“ Nur das bergische Glatteis ließ in den vergangenen Jahren ein einziges Mal eine Medimobiltour ausfallen. Ansonsten heißt es, verlässlich Woche für Woche die bekannten Plätze anzufahren und Präsenz zu zeigen. Heute ist die Nachfrage in Solingen recht schwach. Zwei Patientinnen wurden bisher von Dr. Daun behandelt. Doch keine Fahrt ist vergeblich. Der Doktor verordnet zwei Salben, die er auch gleich mitgibt. Auch die Medikamente sind Spenden, wie auch das Medimobil. Nachdem die Firma Kiesling 1996 den ersten Notfallrettungswagen gespendet hatte, ist dieses Gefährt inzwischen in die Jahre gekommen. Heute nutzt ein Waisenhaus in Rumänien das erste Medimobil. Das neue Medimobil stellte die Remscheider Feuerwehr zur Verfügung. Der Bedarf ist in den vergangenen 14 Jahren in den drei bergischen Städten konstant gestiegen. Mit Abstand am größten ist er in Wuppertal. Dass Wuppertal trotz der großen Not vieler Menschen die niedrigste Kriminalitätsrate aller deutschen Großstädte hat, ist auch entscheidend mit auf die Arbeit der Wuppertaler Tafeln zurückzuführen.
Am Abend steuert das Medimobil wieder seinen Heimatstandort Wuppertal an. Dort wartet bereits Wolfgang Nielsen. Am Morgen bereits, erzählt der Vorsitzende der Wuppertaler Tafel seinem ehrenamtlichen Mitarbeiter Peter Krampen, kam die Nachricht, dass er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wird. Schon in den nächsten Tagen solle Wolfgang Nielsen den Orden im Rathaus verliehen bekommen. „Es geht nicht um mich“, sagt Nielsen und fügt, auf Peter Krampen deutend hinzu: „Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer könnte unser Angebot nicht funktionieren.“ Die Nachricht vom Bundesverdienstkreuz hatte am Vormittag bei den Mitarbeitern der Wuppertaler Tafel noch für Aufregung gesorgt. Jetzt planen die beiden Männer jedoch schon wieder die nächste Medimobilfahrt nach Remscheid.
Der Leitspruch der Tafel lautet: „Einem Anderen geben, was er braucht. Ein Stück Brot, ein Lächeln, ein offenes Ohr. Jetzt – nicht irgendwann.“ Ein anderer Slogan könnte auch passen: Es gibt viel zu tun – packen wir es an.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Mehr, mehr, mehr!
Intro – Eine eigene Geschichte
Unser gemeinsames Einwanderungsland
Teil 1: Leitartikel – Wie wir eine freiere Zukunft gestalten können
„Das politische Handlungsbewusstsein fehlt“
Teil 1: Interview – Amadeu-Antonio-Stiftung: Lorenz Blumenthaler über Fremdsein und Diskriminierung
Integration unter Druck
Teil 1: Lokale Initiativen – Der Jugendmigrationsdienst Wuppertal begleitet Menschen durch ein widersprüchliches System
Mehr als einem lieb sein kann
Teil 2: Leitartikel – NS-Erbe: Das Arbeitsrecht unterdrückt politischen Widerstand von Beschäftigten
„Im Augenblick sehe ich keine kritische Masse für eine breite Bewegung“
Teil 2: Interview – Politologe Alexander Gallas über Protest, Streik und Generalstreik
Bildung für die diverse Gesellschaft
Teil 2: Lokale Initiativen – Der Kölner Stadtverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Zweifel der Gesellschaft
Teil 3: Leitartikel – Erinnerungskultur muss sich von Ritualen verabschieden
„Verhindern, dass Wissen durch Geschichtspolitik ersetzt wird“
Teil 3: Interview – Historiker Jörn Leonhard über Angriffe auf die Erinnerungskultur
Gegen die Menschenverachtung
Teil 3: Lokale Initiativen – Das Fritz-Bauer-Forum in Bochum
Den Banken widersprechen
Island und das Gemeinwohl – Europa-Vorbild Island
Deutsche Angst
Geschichte und Gedächtnis – Glosse
Deckmantel Gefühl
Intro – Guter Umgang
Alles Lüge!
Teil 1: Leitartikel – Duz-Kultur und falsches Wir-Gefühl verschleiern Interessenkonflikte auf der Arbeit
„Das Gefühl, dass hier Nähe entsteht“
Teil 1: Interview – Psychologin Lara Luisa Eder über persönlichen Umgang auf der Arbeit
Nicht sprachlos in den Ruhestand
Teil 1: Lokale Initiativen – Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal
Benimm dich!
Teil 2: Leitartikel – Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn sich ihre Mitglieder an Regeln halten
„Heute sind die Menschen eher bei sich“
Teil 2: Interview – Kommunikationspsychologin Christine Flaßbeck über Sprache im Wandel
Entspannt unterwegs
Teil 2: Lokale Initiativen – Köln: KVB-Kampagne für mehr Freundlichkeit
Dubidu
Teil 3: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung
„Ein Stammtisch hat nicht nur negative Seiten“
Teil 3: Interview – Medienwissenschaftlerin Paula Nitschke über politische Influencer:innen
Gut erzählte Wahrheit
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Agentur Kugelfisch Kommunikation in Essen
Öffentlichkeit muss man lernen
Medienbildung als demokratische Aufgabe – Europa-Vorbild Frankreich
Kant war lowkey deep
Career Offboarding Experience: Abschied von der Komplexität – Glosse
Lohn der Angst
Intro – Nach der Arbeit