„Ich habe Wuppertaler Blut im Körper, und mir tut es weh, was da alles abgerissen wird“, bekennt Manfred Bröcker. Der 72Jährige hat es spürbar satt, dass in Wuppertal vieles abgerissen oder geschlossen wird. „Man hat uns schon eine Bergbahn genommen, die Straßenbahn, das Kurbad und das Thalia“, so der in Unterbarmen geborene Bröcker. Als es hieß, dass Wuppertals älteste Stahlbrücke – die denkmalgeschützte Adlerbrücke aus dem Jahre 1868 – abgerissen werden soll, weil das Geld für eine Sanierung fehlt, wurde Bröcker aktiv. Der rüstige Rentner gründete die Interessengemeinschaft Adlerbrücke und kämpft seitdem engagiert für deren Erhalt. Im August dieses Jahres wurde die Brücke gesperrt, weil man entdeckt hatte, dass der hölzerne Unterbau der 142 Jahre alten Brücke morsch und instabil geworden war. Die Stadt hatte die Kosten für eine Instandsetzung auf 580.000 Euro beziffert. Nach Meinung von Bröcker ist es aber nicht notwendig, dass die Brücke für Autos nutzbar ist. Diese könnten auch eine der weiteren Autobrücken über die Wupper nutzen. Und um die Brücke wieder für Fußgänger und Radfahrer nutzbar zu machen, müssten lediglich 170.000 Euro investiert werden.
DER ABRISS IM JAHR 2011 WIRD IN FRAGE GESTELLT, DOCH DER STADT FEHLT WEITERHIN DAS GELD
Mittlerweile unterstützen auch einige Parteien den kostengünstigeren Vorschlag der Interessengemeinschaft. Der Abriss im Jahr 2011 wird nun bereits in Frage gestellt, doch der Stadt fehlt weiterhin das Geld. Angesichts der millionenschweren Investitionen für die Sanierung des Wuppertaler Rathausneubaus hat Bröcker dafür wenig Verständnis. Nun wollen er und seine Mitstreiter Spenden sammeln und knüpfen bereits eifrig Kontakte zu lokalen Firmen. Sogar ehemalige Wuppertaler haben sich bereits nach einem Spendenkonto erkundigt und wollen zum Erhalt der Brücke beitragen. Die Adlerbrücke verbindet – trotz Sperrung. Die Interessengemeinschaft informiert sich auch über die technischen Möglichkeiten der Sanierung. „Denn wenn wir schon sagen, wir machen was,“, so Bröcker, „dann soll es auch länger halten als fünfzehn Jahre.“ Als ein Freund klarer Worte schreckt Bröcker nicht davor zurück, „anderen auch mal aufzutischen, was denen nicht schmeckt“. Bereits vor der Pensionierung war der frühere Landvermesser in der Gewerkschaft und im Personalrat aktiv, war als „kleiner Mann vorne dabei“, wie er von sich selbst sagt. Doch nun will es der 72Jährige noch einmal wissen: „Ich bin ein Fan von der 35-Stunden-Woche, und die mache ich in der Woche zweimal“, erzählt Bröcker lachend. Er ist zuversichtlich, dass sich das Engagement der Wuppertaler Bürger für die Adlerbrücke auszahlen wird: „Gemeinsam können wir unschlagbar werden.“ Für das kommende Jahr sind bereits einige größere Aktionen in Planung, und vielleicht haben Bröcker und seine Mitstreiter dann auch einen Grund zum Feiern.
www.adlerbruecke-wuppertal.de
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Mehr, mehr, mehr!
Intro – Eine eigene Geschichte
Unser gemeinsames Einwanderungsland
Teil 1: Leitartikel – Wie wir eine freiere Zukunft gestalten können
„Das politische Handlungsbewusstsein fehlt“
Teil 1: Interview – Amadeu-Antonio-Stiftung: Lorenz Blumenthaler über Fremdsein und Diskriminierung
Integration unter Druck
Teil 1: Lokale Initiativen – Der Jugendmigrationsdienst Wuppertal begleitet Menschen durch ein widersprüchliches System
Mehr als einem lieb sein kann
Teil 2: Leitartikel – NS-Erbe: Das Arbeitsrecht unterdrückt politischen Widerstand von Beschäftigten
„Im Augenblick sehe ich keine kritische Masse für eine breite Bewegung“
Teil 2: Interview – Politologe Alexander Gallas über Protest, Streik und Generalstreik
Bildung für die diverse Gesellschaft
Teil 2: Lokale Initiativen – Der Kölner Stadtverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Zweifel der Gesellschaft
Teil 3: Leitartikel – Erinnerungskultur muss sich von Ritualen verabschieden
„Verhindern, dass Wissen durch Geschichtspolitik ersetzt wird“
Teil 3: Interview – Historiker Jörn Leonhard über Angriffe auf die Erinnerungskultur
Gegen die Menschenverachtung
Teil 3: Lokale Initiativen – Das Fritz-Bauer-Forum in Bochum
Den Banken widersprechen
Island und das Gemeinwohl – Europa-Vorbild Island
Deutsche Angst
Geschichte und Gedächtnis – Glosse
Deckmantel Gefühl
Intro – Guter Umgang
Alles Lüge!
Teil 1: Leitartikel – Duz-Kultur und falsches Wir-Gefühl verschleiern Interessenkonflikte auf der Arbeit
„Das Gefühl, dass hier Nähe entsteht“
Teil 1: Interview – Psychologin Lara Luisa Eder über persönlichen Umgang auf der Arbeit
Nicht sprachlos in den Ruhestand
Teil 1: Lokale Initiativen – Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal
Benimm dich!
Teil 2: Leitartikel – Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn sich ihre Mitglieder an Regeln halten
„Heute sind die Menschen eher bei sich“
Teil 2: Interview – Kommunikationspsychologin Christine Flaßbeck über Sprache im Wandel
Entspannt unterwegs
Teil 2: Lokale Initiativen – Köln: KVB-Kampagne für mehr Freundlichkeit
Dubidu
Teil 3: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung
„Ein Stammtisch hat nicht nur negative Seiten“
Teil 3: Interview – Medienwissenschaftlerin Paula Nitschke über politische Influencer:innen
Gut erzählte Wahrheit
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Agentur Kugelfisch Kommunikation in Essen
Öffentlichkeit muss man lernen
Medienbildung als demokratische Aufgabe – Europa-Vorbild Frankreich
Kant war lowkey deep
Career Offboarding Experience: Abschied von der Komplexität – Glosse
Lohn der Angst
Intro – Nach der Arbeit