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Karsten Schwanke
Foto (Ausschnitt): Jürgen Gundelsweiler

„Nicht versuchen, die Industrie des 19. Jahrhunderts zu retten“

29. Januar 2026

Teil 3: Interview – Meteorologe Karsten Schwanke über Klimaschutz und wirtschaftliche Chancen

engels: Herr Schwanke, während wir dieses Interview führen, legt Sturmtief Elli weite Teile Norddeutschlands lahm. War das unvermeidlich?

Karsten Schwanke: Unsere Infrastruktur ist nicht gut genug vorbereitet. Wir sehen es jetzt wieder beim Schienenverkehr. Es ist doch kein Naturgesetz, dass eine Bahn bei Schnee nicht funktioniert. In der Schweiz fahren die Züge. Um in den CO2-freien Verkehr zu kommen, braucht es wesentlich bessere Angebote als das, was wir aktuell haben.

Sehen Sie mangelnde Voraussicht auch anderswo, wenn es um die Vorbereitung auf Wetterextreme geht?

Das ist ein generelles Problem. Ein Beispiel von Anfang September 2025: Da stand in Bedburg im Rheinland plötzlich eine ganze Neubau-Siedlung unter Wasser, nachdem es Starkregen gegeben hatte. Dabei war sie explizit als klimaresiliente Anlage geplant worden, hätte eigentlich ausreichend Versickerflächehaben müssen. Doch dieser Starkregen hat die bisherigen Rekordwerte für Niederschlagsmengen noch mal um den Faktor Zwei bis Drei übertroffen. Das war der Fehler. Und so etwas sehe ich landauf landab. Es genügt nicht mehr, auf die Rekordwerte der letzten 100 Jahre zu blicken. Da haben die Verantwortlichen den Klimawandel nicht verstanden. Sie blicken zurück und bauen etwas. Dabei müssen wir die Zukunftabschätzen und dann versuchen, uns daran anzupassen.

Warum ist das so schwer?

Weil es keinen neuen statischen Zustand gibt, auf den wir uns vorbereiten können. Alles ist dauerhaft in der Entwicklung, teilweise sogar beschleunigt. Dementsprechend ist die Frage, worauf wir uns vorbereiten sollen, eben nicht leicht zu beantworten. Man kann aber auf jeden Fall sagen, wir sollten nicht rückblickend auf die letzten 30 oder 40 Jahre planen, sondern müssen einen höheren Faktor oben draufsetzen, damit wir uns vorbereiten können. In den meisten Orten wird der Hochwasserschutz immer noch nach veralteten Statistiken geplant, finanziert und gebaut. Denken Sie mal ans Ahrtal: Das letzte 100-jährliche Hochwasser vor 2021 kam 2016, fünf Jahre davor. In Bayern gibt es dahingehend schon gute Ansätze, bei der Planung berücksichtigt man inzwischen einen Klimazuschlag. Der ist aber eben oft noch zu gering.

Haben Sie den Eindruck, politisch wird der Klimawandel ernst genug genommen?

Was mich ärgert, ist der Populismus, den wir immer wieder erleben – nicht von allen, aber von vielen Politikern, gerade auch im Wahlkampf. Im Grunde genommen wird sehr oft immer noch versprochen: Ihr müsst euer Leben nicht ändern. Sie möchten ihren Wählern nicht wehtun, ihnen nichts zumuten. Positiv ist aber, dass gerade die Europäische Union immer wieder auch Antreiber gewesen ist, bei den durchaus nicht geringen Vorgaben für Unternehmen. Allerdings ist der Druck von den jeweiligen nationalen Regierungen in Richtung Brüssel so groß, dass gerade in den letzten Jahren viele Vorgaben abgeschwächt wurden. Zum Beispiel wird die Berichtspflicht jetzt nur für die ganz großen Konzerne aufrechterhalten, für viele mittelgroße Firmen wurde sie erst mal wieder ausgesetzt. Trotzdem, wenn ich mir anschaue, wie sich in den einzelnen Sektoren der CO2-Ausstoß verändert hat, dann ist er am stärksten in der Industrie zurückgegangen. Ich bin überzeugt davon, dass die Unternehmen, die sich heute darum kümmern oder CO2-neutrale Lösungen im Markt anbieten, im internationalen Wettbewerb auch morgen erfolgreich sein werden. Also müssen wir aufpassen, dass wir nicht mit den falschen Subventionsunterstützungen versuchen, die Industrie des 19. Jahrhunderts noch ins 21. Jahrhundert rüber zu retten, sondern dass wir eher die Fördermittel dort ausgeben, wo wir die neuen Ideen auf dem Weg in die CO2-neutrale Wirtschaft unterstützen.

Was macht Ihnen Hoffnung? Ist es entscheidend, für Klimaschutz positiver zu werben?

Wenn ich in ganz Deutschland unterwegs bin und Vorträge halte, sehe ich ein ganz großes Interesse an diesem Thema. Und das, obwohl das Thema in der politischen Diskussion im letzten Jahr deutlich kleiner geworden ist, vermutlich aus Angst, den Wählerinnen und Wählern auf die Füße zu treten. Dabei gibt es doch auch positive Geschichten zu erzählen. Unsere Transformation des Energiesektors ist so eine. Wir haben heute über 60 Prozent erneuerbaren Strom im Netz. Das hätte vor 30 Jahren kein Mensch gedacht. Übrigens belegen auch Umfragen, dass ein Bewusstsein für den Klimawandel bei einer breiten Bevölkerung angekommen ist. Allerdings sind oft die Stimmen der Gegner und Leugner einfach lauter, dadurch entsteht ein verzerrtes Bild. Doch das täuscht glücklicherweise.

Sie haben einmal gesagt, bis Ende dieses Jahrhunderts hätten wir keinen deutschen Wald mehr. Klimaschutzgegner mögen erwidern, dass wir dann Palmen und Pinien hätten, was doch auch schön wäre. Ist da was dran?

Natürlich können sich viele Lebewesen ganz gut an Veränderungen anpassen, indem sie einfach weiterwandern. Das gilt aber nicht für Bäume. Unsere Wälder haben sich seit dem Ende der letzten Eiszeit in Europa mit der Erderwärmung immer mehr angepasst. Damals war der Norden Europas nicht bewaldet, sondern eine kalte Wüsten- oder Steppenlandschaft. Das heißt, die Wälder sind im Verlauf der letzten zehn- bis zwölftausend Jahre langsam nach Norden gewandert. Ein einzelner Baum kann aber nicht wandern. Die Wälder haben Stück für Stück mit dem Wind ihre Samen weiter nach Norden verteilen lassen, es sind neue Bäume gewachsen. Gerade erleben wir aber tiefe Veränderungen nicht in zehntausend Jahren, sondern in hundert Jahren, also im Lebensalter eines Baumes. Ein Großteil des Baumbestandes in den deutschen Wäldern ist heute schon tot oder krank. Genau diese Frage, ob wir Bäume hierher holen können, die trockene, heiße Sommer und sehr kalte Winter aushalten, habe ich Experten des forstwissenschaftlichen Instituts der TU Dresden gestellt, einem der ältesten forstwissenschaftlichen Institute der Welt. Antwort: Das ist nicht so einfach. Wenn wir jetzt den Baum, der auf dem Papier auch für zukünftige Klimaänderungen bei uns gewappnet sein müsste, hier einpflanzen, wird er sich in seinen Kinder- und Jugendjahren an das jetzt hier herrschende Klima anpassen. Wenn sich aber dann in seinem Erwachsenenalter das Klima weiter verändert – und davon müssen wir ausgehen – wird auch dieser Baum Probleme haben. Weil er diese starken Veränderungen innerhalb seines Lebens mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mitmachen kann. Die Forscher arbeiten schon seit vielen Jahrzehnten an dieser Frage, haben aber noch keine Lösung gefunden. Auch aus diesem Grund führt kein Weg daran vorbei, den CO2-Ausstoß deutlich zu reduzieren.

Interview: Daniela Prüter

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