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Hart an der Grenze
Foto: Christopher Ludwig

Die Kunst des Illegalen

29. November 2018

Politische Aktion auf Bühne und Straße – THEMA 12/18 WORT ODER WAFFE

Kunstblut spritzt in die Menge. Flugblätter flattern durch den Saal. Darauf steht: „Multikulti tötet“. Innerhalb von sieben Minuten entrollen unbekannte AktivistInnen noch Transparente und Fahnen der Identitären Bewegung. Dann ist der Spuk vorbei. Doch die Aktion sitzt. In den Medien spricht kaum wer über die Theateraufführung. Die neofaschistischen Hipster haben die Inszenierung 2016 mit ihrer koordinierten Aktion in den Schatten gestellt. Geflüchtete aus Syrien, Irak oder Afghanistan standen für Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ auf der Bühne. In dem Dauerbrenner der linken Literaturnobelpreisträgerin sahen die Rechten ein Symptom für einen angeblichen Mainstream-Multikulti-Diskurs.

AnhängerInnen der Identitären Bewegung finden ihre Rhetorik sicher bestätigt, wenn sie in die „Erklärung der Vielen“ schauen, die jüngst weit über hundert Kultureinrichtungen unterzeichnet haben. KünstlerInnen und Theaterschaffende wollen sich damit gegen den Druck wehren, den sie von Rechts spüren. „Vielfalt“ soll rechter Demagogie entgegengesetzt werden. Und Johan Simons bediente sich bei der Spielzeit-Eröffnung des Bochumer Schauspielhauses ähnlicher Argumente: „Vielfalt statt Einfalt“, so der neue Intendant. Spult da ein Kulturestablishment immer wieder die gleichen Diskurs-Versatzstücke ab? Spenden Linke und Liberale warme Worte, während Rechte und Reaktionäre zum „zivilen Widerstand“ gegen eine verfremdete, globalisierte Welt blasen?

Zumindest erscheint auch 2018, im Jubiläumsjahr der 68er-Bewegung, vieles in dieser Hinsicht auf den Kopf gestellt: Klar, wer sich selbst als weltoffen und tolerant betrachtet, reserviert sich ein günstiges Flixbus-Ticket, um beim Konzert in Chemnitz dem eigenen Antirassismus zu huldigen. Oder schiebt den Kinderwagen beim Spaziergang durch den Hambacher Forst, um die eigene ökologische Haltung zu demonstrieren. Doch was hat diese Partizipation noch mit Zivilem Ungehorsam zu tun?

Dieser abstrakte Oberbegriff fasst viele Facetten des Protestes zusammen: Happenings, Flashmobs oder Sitzstreiks – was Bürgerrechtler wie Gandhi oder Martin Luther King einst vorgemacht haben, wurde in der 68er-Bewegung begeistert aufgegriffen. Ziviler Widerstand markierte für viele AktivistInnen eine bewusste Grenzüberschreitung, ob kreative Provokation oder gewaltfreier Rechtsbruch, ob Aktion oder Wort. Aus dieser Schwellenerfahrung zog Michel Foucault die Bilanz, in der er Kritik als Kunst definierte, sich nicht derart regieren zu lassen. Freiräume und damit Vielfalt sollten errungen, nicht (bloß) verteidigt werden.

Foucaults Schnittstelle zwischen Kritik und Diskurs, zwischen Aktion und Repräsentation scheint heute sehr umkämpft zu sein. Auf der einen Seite rezipieren (neu)rechte Figuren wie Götz Kubitschek oder Martin Sellner Klassiker wie den italienischen Marxisten Antonio Gramsci, um eine vermeintliche linke Hegemonie einzureißen. Neue Formen des Zivilen Widerstands finden sich jedoch bei NGOs, die mit Kampagnen indigene Völker unterstützen (siehe Interview auf der folgenden Seite). Auch das Berliner Peng!-Kollektiv überschritt zuletzt die Grenzen der Bühnenunterhaltung und stellte illegale Ausweise für Geflüchtete aus. Mehr als warme Worte.


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Benjamin Trilling

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