Majestätisch, aber auch gleichsam unbeholfen reckt sich das Viadukt über die Straßen im Stadtteil Wichlinghausen-Süd einem mit grauen Wolken verhangenen Sonntagshimmel entgegen. Von Weitem erinnert es an ein großes Säugetier, das sich seinen Weg durch die aus seiner Perspektive mäusegroßen Gassen bahnt, bemüht, nichts zu zertrampeln und mit spitzen Zehen nur da aufzutreten, wo die niemals endende Städtebebauung ein wenig Luft gelassen hat. Nähert man sich dem denkmalgeschützten Bauwerk, schwindet der Anteil seiner faszinierenden Anmutung, als habe es aufgegeben, zufällige Passanten beeindrucken zu wollen: Verwaschen wirkt die Oberfläche der einst wohl leuchtend roten Ziegelsteine, die sich von der Straße in die Höhe türmen und dem Viadukt seine charakteristische Form geben. Von Graffiti überraschend stark verschont sammeln sich Schicht um Schicht Kalk und wetterbedingte Schwärze an den Steinen. Ein hässlicher Kontrast.
Betreten verboten – auch, wenn es an gleichlautenden Schildern fehlt
Das Viadukt ist eigensinnig, fast widerspenstig. Aus der Froschperspektive lässt es sich begutachten, doch wer sich auf Augenhöhe mit ihm begeben möchte, muss lange nach Wegen suchen. Kein Schild, kein Pfad, keine Treppe führt an die einstige Bahnstrecke heran. Wer dennoch sein Ziel im Auge behält, muss sich an hoch gebauten Mietshäusern vorbei durch Büsche schlagen und eine halbherzig aufrecht erhaltene Absperrung hinter sich lassen. Dann ist man oben, späht durch ein übermannshohes Metallgitter mit spitzen Zacken, die hoch hinauf ragen, auf die Nordbahntrasse. Näher soll man nicht kommen. Betreten verboten – auch, wenn es an gleichlautenden Schildern fehlt. Zur Rechten ringelt sich Stacheldraht, bar einer konkreten Aufgabe. Regentropfen klatschen auf das hüfthohe Geländer, bilden Pfützen, fließen mit Rost verkrustetes Eisen hinunter. Versickern im Boden, auf dem sich blätterbewachsene Zweige und Halme durch die Steinbrocken drücken. Wie war es, als vor weniger als 20 Jahren noch Schienen über das Viadukt führten, Personen zwischen Vohwinkel und Wichlinghausen unterwegs waren? Was ging alles mit verloren, als Ende 1999 auch der Güterverkehr endgültig eingestellt wurde?
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