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„≈[Ungefähr gleich]“
Foto: Sebastian Hoppe

Erst kommt immer noch das Fressen

23. Februar 2017

Elias Perrig inszeniert „≈[UNGEFÄHR GLEICH]“ im Theater am Engelsgarten – Auftritt 03/17

Es wäre schön, wenn wenigstens die Illusion erhalten wäre, es ginge uns einigermaßen gut und alle wären irgendwie ungefähr gleich. Doch diese hypothetische Perspektive ist selbst längst ein unerreichbares Trugbild geworden. Kein Wunder also, dass im Stück des schwedischen Autors Jonas Hassen Kemiri die innere Stimme eine so große Bedeutung erlangen konnte und natürlich dramaturgisch auch muss. „≈[UNGEFÄHR GLEICH]“ heißt es und es erzählt von Menschen von heute, zwischen 20 und 45 Jahren, und es schauen sich auch Menschen an, die älter sind, viele sicher mit versteinertem Blick im Innern. Ihre Stimme dort sagt immerzu, ja klar, frei gewähltes Schicksal, was geht es mich an.

Frei gewählt ist an den Lebensumständen der Protagonisten im Wuppertaler Engelsgarten eigentlich nichts. Sie sind in der Welt des Prekariats gefangen, nicht als ausgebeutete Hilfskräfte, nicht als mittelmäßig gebildete Studienabbrecher, nein, als promovierte Professoren oder eben als professionalisierter Bettler. Das ist übrigens die Figur, die am Schluss den Jackpot gewinnt, weil sie als einzige die Mechanismen des Turbokapitalismus noch nutzen kann. Stefan Walz macht daraus einen Gitarre spielenden Hippie vor einer Lottobude, und er muss noch den Pfarrer, den Arbeitgeber und die hübsche Angelika übernehmen. Aber als Penner Peter ist er der Running Gag, aber auch die Szenenklammer, die das Stück zusammenhält, das Regisseur Elias Perrig im kleinen Theater inszeniert hat. Peter wandelt mit der Sammelbüchse durch die Zuschauer-Reihen und sackt tatsächlich ein paar Euros ein.

Elias Perrig
Foto: Wuppertaler Bühnen

Zur Person

Elias Perrig (*1965 in Hamburg) studierte in Basel Biochemie und war jeweils sechs Jahre Hausregisseur am Staatstheater Stuttgart und Schauspieldirektor am Theater Basel. Er ist freier Regisseur und seit 2013 Regie-Dozent am Mozarteum Salzburg.



Das alles spielt sich im Innern einer „Flotten Lotte“ ab. Wer den Ausdruck nicht kennt: Das ist ein handbetriebenes Küchengerät, das zum Passieren von Früchten, Gemüse oder anderen Lebensmitteln dient, in Wuppertal rührt es die einzelnen Leben zu Mus. Die rotierende Wand mit zwei Türen, auch für die hat der Schweizer Regisseur gezeichnet, ist ein einfaches, aber sehr wirksames Mittel, um Räume und Gegebenheiten umzudefinieren, ohne große Umbauten nötig zu haben. Auch die Bewegungsabläufe der Figuren werden dadurch interessant, bisweilen komisch, der Zuschauer denkt die Choreografie einfach mit, selbst wenn die Personen wechseln.

Im Kern geht es um Mani (Alexander Peiler) und Martina (Philippine Pachl). Mani ist Assistent an der Universität, er hofft auf die Festanstellung im akademischen Betrieb, Lebensgefährtin Martina hat diese Laufbahn früh aufgegeben, ist Mutter, jobbt in einer Lottobude, träumt vom Bio-Bauernhof und einem besseren, gesünderem Leben. Als die Träume platzen, die Festanstellung an einen anderen geht, die Zukunft immer düsterer wird, beginnt Martina sich immer öfter an der Kasse zu bedienen, ihre Sozialkompetenz löst sich in Luft auf, ihre fast permanent präsente Innere Stimme (Lena Vogt) zwingt sie auf den Weg der (unheiligen) Mammona, der Huldigung an den schnöden Besitz. Wer wollte es ihr verdenken? Als Entschuldigung dient Penner Peter, zu dem sie ein (sehr) inniges Verhältnis entwickelt. Der hat zwar eine gesellschaftlich geächtete Fassade, aber Geld. Die Realität des Mülleimers lügt nicht, versuchen sie mal an einem Montagvormittag drei Pfandflaschen zu entsorgen und erstarren dann vor den Schwerlastbeuteln vor den Automaten – *das* ist die neue Realität, das sind die Ergebnisse von Wirtschaftswachstum und dem Hartz 4-Drama, an dem unser neuer Bundespräsident handgreiflich beteiligt war. Auch ein Trump-Einschub fehlt natürlich nicht.

Der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri hat dafür viele Beispiele im Stück verwoben, Regisseur Perrig rührt sie gekonnt durch. Da ist Andrej, der Marketing-Mann mit Migrationshintergrund (Lukas Mundas), der endlich auf den Arbeitsmarkt drängen will, da ist sein kleiner Bruder (Julia Reznik) der nicht mehr auf die Zukunft warten will und da ist Freja (auch Julia Reznik) die wegen einer Jüngeren den Job verliert. Alle diese Biografien dürften sich in kleinen und großen Abwandlungen im Publikum befunden haben, und da wird es dann doch etwas schwierig, Klassenkampf und Gesellschaftsveränderung von denen zu fordern. Denn noch gewinnt Mammona. Geld macht doch glücklich.

„≈[Ungefähr gleich]“ | R: Elias Perrig | So 5.3. 18 Uhr, Sa 11.3., Do 30.3., Fr 31.3. 19.30 Uhr | Theater am Engelsgarten, Wuppertal | 0202 563 76 66

PETER ORTMANN

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