Das Theaterstück von Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann mit Musik von Kurt Weill zeigt einen Überlebenskampf in der Londoner Unterwelt im Viktorianischen Zeitalter. Ein Gespräch mit der Intendantin des Dortmunder Schauspiels, Julia Wissert.
engels: Frau Wissert, die Realität hat die negative Darstellung der Gesellschaft in der „Dreigroschenoper“ (1928) längst überholt. Wieso verweigert sich eigentlich niemand dem System?
Julia Wissert: Sie fangen ja direkt mit den leichten Fragen an: Wieso ist der Kapitalismus immer noch hier? Ich kann dazu natürlich keine endgültige Antwort geben, aber am Ende des Tages müssen wir ja alle Miete bezahlen, und alle müssen die Kinder irgendwie durchbringen und alle versuchen, zu überleben. In eine Verweigerung zu gehen, würde bedeuten, man müsste sich so organisieren, dass wirklich eine Mehrzahl von Menschen in eine Verweigerung geht. Und in dieser individualisierten Gesellschaft, in der wir gerade leben, ist das nicht so leicht herzustellen. Weil wir merken, dass wir eigentlich eher in einen noch überdrehteren Kapitalismus geraten mit dieser Turboindividualisierung, in der wir alle unter Einsamkeit leiden und trotzdem nicht den Schlusspunkt setzen.
Ist nicht zum Beispiel auch das Aufflackern einer neuen bürgerlichen Moral heute das Problem?
Dinge, die man früher schon als abgelegt betrachtet hat, die tauchen plötzlich wieder auf. Diese konservativeren jungen Männer zum Beispiel …
… oder ein Teil der Frauenbewegung, die plötzlich wieder in den Haushalt abgleitet.
Ja, das stimmt, aber gleichzeitig würde ich sagen, dass wir da genauer hinschauen müssen. In einer immer komplexer werdenden Welt ist esnatürlich angenehm, einfache Lösungen zu finden und sich einfachen Lösungen anzuschließen. Und auch bei den „Tradwives“ (Trend, der für das Frauenbild der50er-Jahre wirbt, d. Red.)ist es ja ganz interessant zu schauen, was wir über sie über die sozialen Medien erfahren. Da existiert ja ein inhärenter Fehler, denn was die betreiben ist ja an und für sich ein Businessmodell. Die Frage ist, ob die traditionellen Werte, dass sie kein Geld verdienen darf und zu Hause für Mann und Kinder zuständig ist, wirklich so stimmen. Oder ob wir am Endeeiner Erzählung auf den Leim gehen, die etwas behauptet, was gar nicht stimmt. Die Ehe ist ein „Business-Case“(Arbeitspapier zur Bewertung einer Investition oder eines Projekts, d. Red.) und nicht die Wiederherstellung traditioneller Werte, sondern es ist das Verkaufen traditioneller Werte an andere. So würde ich das wahrnehmen.
Im Salzlager auf der Kokerei Hansa bekommt die „Dreigroschenoper“ zwangsläufig eine neue Ebene. Werden da aus vermeintlichen Bettlern jetzt Malocher für die „Shareholder“ (Anteilseigner, d. Red.)?
Sehr interessant, dass Sie das sagen. Es gibt ja diese Stelle im Stück, in der Filch zu Peachum kommt und in einen Konflikt mit dem Bettlerköniggerät. Er erhält seinen neuen Bettler-Arbeitsanzug, und beschwert sich, dass dieser ja viel ordentlicher sei, als das, was er gerade trage. Und Peachum erklärt ihm, dass das der Anzug des einfachen Bankangestellten sei und dass man für den heute mehr Mitleid haben müsse als für einen Bettler. Deswegen würde ich nicht sagen, dass es bei uns die Shareholder werden, sondern wir fragen, wie wir es universeller und weniger historisch hinkriegen. Gleichzeitig merkt man relativ schnell, dass bestimmte Dinge wie diese Frage einfach nicht zu umgehen sind. Brecht hat selbst die Texte der Bettler mehrmals bearbeitet, das letzte Mal nach dem Zweiten Weltkrieg, als er gemerkt hat, dass er nicht mehr über „Krüppel“ und „versehrt“ auf der Bühne sprechen kann, weil zu viele davon im Publikum sitzen. Das wird auf jeden Fall ein Thema sein in unserer Bearbeitung. Aber wir werden nicht einfach sagen, alle Aktionär:innen sind doof und die Wurzel allen Übels. Das ist mir zu einfach.
Wie opulent kann man die „Dreigroschenoper“ heute noch inszenieren – und wie modern?
Die Modernisierung von Brecht und Weill und Elisabeth Hauptmann ist immer eine Annäherung, weil da im Hintergrund Stiftungen und Verlage sind, die verlangen, dass immer so werktreu wie möglich inszeniert wird. Trotzdem gibt es Hebel, wie beispielsweise die Musik, wie schnell, wie langsam die gesungen und gespielt wird. Und es gibt die Möglichkeit, in den Texten zu arbeiten, weil Brecht, Weill und Hauptmann selbst die Texte immer wieder bearbeitet haben.
Ich hoffe, alle Schauspieler:innen können adäquat singen. Die Ballade „Seeräuber-Jenny“ ist ja z.B. nicht so einfach, oder?
Wir haben jetzt unterschiedliche Probenphasen hinter uns. Zuerst Stimmtraining, damit die Spieler:innen überhaupt durch das Stück durchkommen, dann gab es Gesangsstunden und jetzt sind Bandproben. Es ist wirklich ein intensiver und langer Probenprozess. Und währenddessen habe ich immer wieder Nachrichten vom Musikalischen Leiter Yotam Schlezinger und der Gesangslehrerin Isabelle Pabst bekommen, die zwischendurch meinten, die singt so toll oder der singt so toll, das hätte ich gar nicht gedacht. Wo man dann merkt, okay, alle dachten, die können schon gut singen. Und jetzt in der Bearbeitung merkt man, da sind wirklich tolle Sänger:innen – wie Rose Lohmann, die die „Seeräuber-Jenny“ singt.
Auch die auf den Kanonen lebenden Soldaten sind ja immer noch da.
Ja, die sind natürlich weiterhin dabei. Die dürfen ja heute auch nicht fehlen.
Kurt Weills geniale Musik zum Stück ist quasi schon Pop geworden – verwischt sie nicht schnell auch die Inhalte?
Eine tolle Frage, denn das ist wirklich etwas, was Yotam Schlezinger und ich gerade sehr intensiv miteinander bearbeiten, weil man merkt, dass es da ja unterschiedliche Aufnahmen der Oper gibt, so auch eine mit Nina Hagen und Max Raabe. Das war für uns Ausgangsmaterial, denn ich habe manchmal das Gefühl, dass die Musik nur um der Musik willen gesungen wird. Uns wird bei der Einstudierung der Stücke wichtig sein, dass wir eher sagen, es kann schmutziger und rascher gesungen werden, damit die Haltung im Stück klar ist. Weil das natürlich extrem verführerisch ist, bei bestimmten Songs nicht mitzubekommen, dass der Inhalt und die Musik aus Gründen so zusammengelegt wurden. Sie haben mit Kurt Weill eine Musik komponiert, die so eingängig ist, damit sie dann mitgesungen werden kann – und worum es eigentlich geht, merkt man erst beim fünften Mal Singen. Das ist wirklichals Strategie genutzt worden.
Das Schlimmste wäre natürlich ein Klatschmarsch?
Ja. Aber wir haben ja noch ein bisschen Zeit bis zur Premiere.
Wird der reitende Bote der Krone am Ende benötigt?
Brecht erlaubt mir gar nicht, was Anderes vorzuschlagen, sondern er sagt ja zusammen mit Weill: Vergesst nicht, dass nicht immer ein reitender Bote kommt. Deswegen brauchen wir denreitenden Boten und kriegen dann gleichzeitig noch die Antwort von Brecht. Auch um uns daran zu erinnern, dass wir für unser Glück selbst verantwortlich sind und auch für unsere Demokratie, weil es keine „Deus ex Machina“ (Ereignis aus dem Nichts, d. Red.) gibt oder jemand vom Himmel fällt und es für dich löst.
Genügend Übeltäter regieren uns jetzt schon, aber langsam strebt in Deutschland auch die braune Brut wieder an die Macht. Ob auch denen die „Dreigroschenoper“ gefällt?
Kurze Antwort: Wahrscheinlich eher nicht.
Die Dreigroschenoper | 4. (P), 5., 6., 7.6., 16., 17., 18.10. | Kokerei Hansa (Salzlager), Dortmund | 0231 502 72 22
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