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Foto: Bettina Stöß

Odyssee dank Pferd

03. Juni 2026

Premiere: „Der Florentiner Hut“ am Opernhaus – Bühne 06/26

Jeder Cineast kennt Nino Rota, schrieb er doch rund 150 großartige Filmmusiken. Er arbeitete mit legendären Regisseuren wie Federico Fellini, Luchino Visconti oder Francis Ford Coppola zusammen. Für seine Musik zum Streifen „Der Pate – Teil II“ bekam er 1975 sogar den Oscar. Viel weniger bekannt ist, dass er sich Zeit seines Lebens als klassischer Komponist verstand. Davon zeugen je drei Sinfonien, Klavier- und Cellokonzerte, je ein Kontrabass- Posaunen-, Fagott- und Harfenkonzert, Konzerte für Streicher, Kammer- und Klaviermusik sowie Chorwerke. Hinzu kommen 23 Ballett- und Bühnenmusiken. Mit dabei sind ferner zehn Opern, darunter „Il cappello di paglia di Firenze“ („Der Florentiner Hut“), eine „Farsa musicale in quattro atti e cinque quadri“ („Musikalische Farce in vier Akten und fünf Szenen“). Dieses Opus ist nun im Wuppertaler Opernhaus zu erleben.

Legendäre Filmmusiken

Diese komische Oper fußt auf der 1851 entstandenen französischen Boulevardkomödie „Un chapeau de paille d'Italie“ von Eugène Marin Labiche und Marc-Antoine Amédée Michel, die nach wie vor ein Dauerbrenner an vielen Bühnen ist. Es geht um Monsieur Fadinard, der am Tag seiner Hochzeit steht. Bei der Fahrt zur Trauung frisst sein Pferd den seltenen Strohhut von Anaide, die sich gerade im Gebüsch mit ihrem Liebhaber Emilio vergnügt. Da sie ohne diese Kopfbedeckung nicht zu ihrem eifersüchtigen Ehemann zurückkehren kann, zwingt sie Fadinard, einen exakt identischen Ersatz zu beschaffen. Es beginnt eine absurde Odyssee durch ganz Paris, bei der Fadinard die gesamte Hochzeitsgesellschaft im Schlepptau hat.

Umgekehrte Dimensionen

Diese turbulente, kuriose Geschichte mit all ihren Verwicklungen bis hin zum Happy End lässt Regisseurin Laura Attridge im frühen letzten Jahrhundert stattfinden. Der verworrenen Handlung setzt Bühnenbildner Markus Meyer noch eins drauf, der auch für die geschmackvollen Kostüme dieser Zeit verantwortlich zeichnet. Wände und der Vorhang sind mit bunten, abstrakten Mustern ausstaffiert. Dimensionen werden umgekehrt, wenn es im ersten Akt einen riesiger Turm an Geschenken gibt, danach in der guten Stube der Baronin von Champigny ein monumentaler Schwan fast die ganze Tafel einnimmt, anschließend der betrogene Ehemann Beaupertuis in seinem Liliputanerhäuschen sein Leid klagt und im Finale der Straßenzug auf dem Kopf steht.

Wunschlos übertrieben

In diesen skurrilen Schauplätzen geht es mit viel Slapstick lebhaft wie komisch-chaotisch zur Sache. So sorgen sämtliche Darsteller für eine unterhaltsame Aufführung dieser Farce. Fardinard, der den ganzen Wahnsinn an einem Tag erlebt, spielt und singt Zicong Han anfangs zwar etwas verhalten, ist aber im weiteren Verlauf wesentlicher agiler. Und sein geschmeidiger lyrischer Tenor passt zu seinem festen Willen, seine Hochzeit trotz aller Unkenrufe zu retten. Seine charmante Verlobte Elena verkörpert Francesca Chiejina, die mit einem in allen Stimmlagen leicht dunkel gefärbten, sicheren Sopran ihren ganzen Charme spielen lässt. Agostino Subacchi in persona ihr Vater Nonancourt stört immer wieder, um mit seinem seriösen sattelfesten Bass die Hochzeit wegen des seiner Meinung nach unzuverlässigen Bräutigams abzusagen und über seine zu engen Schuhe zu stöhnen. Elena Sverdiolaitė alias Anaide, verantwortlich für das ganze Drama, bringt ihren tragfähigen Sopran strahlend zur Geltung. Zachary Wilson kommt als ihr Liebhaber Emilio daher, der mit seinem durchsetzungsstarken Bariton so lange Bedrohung ausstrahlt, bis der Ersatzhut endlich da ist. Tadellos schlüpft Bassbariton Oliver Weidinger mit viel Komik in die Rolle von Beaupertuis. Seine Arie zu Beginn des dritten Akts über sein Schicksal als gehörnter Gatte und seine anschließende Wesensänderung als Rächer lassen keine Wünsche offen. Dieser hohen darstellerischen und gesanglichen Güte steht Mezzosopranistin Edith Grossman in nichts nach. Sie gibt sich exzellent hör- und sehbar übertrieben komisch in der Gestalt der Baronin de Champigny als extravagante Grande Dame. Auch die kleinen Rollen überzeugen: Onkel Vézinet (Mark Bowman-Hester), Fadinards Diener Felice (Merlin Wagner), Wachmann Achille di Rosalba (Chanil Kim Tenor), Korporal der Wache (David Jerusalem Schnitzler), Modistin (Marianna Ortugno), Geiger Minardi (Liviu Neagu-Gruber). Und der von Ulrich Zippelius einstudierte Opernchor der Wuppertaler Bühnen glänzt mit viel Spielwitz und stimmlich ausgewogen als Hochzeitsgäste, Modistinnen, Gäste der Baronin, Wachen und Hausbewohner.

Dazu macht das Sinfonieorchester Wuppertal unter dem umsichtigen Dirigat von Yorgos Ziavras dank eines stets differenzierten Klangs Nino Rota als großen Meister des Parodieverfahrens ganz deutlich. Denn wie er Zitate aus Werken etwa von Gioachino Rossini, Wolfgang Amadeus Mozart, Giacomo Puccini, Frédéric Chopin, Gustav Mahler und Georges Bizet verwendet sowie mit rasanten Tempi, gehetzten Rhythmen, pointierten Bläsersätzen und an Pariser Salonmusik gemahnenden schwelgenden melodischen Bögen alles zu einem großen Ganzen geformt hat, ist musikalischer Slapstick in Reinkultur. Diese Musik kommt stets äußerst kultiviert, kurzweilig und schwungvoll aus dem Graben. Zu Recht kommt die Inszenierung richtig gut an, wovon die begeisterten stehenden Ovationen zum Schluss zeugen.

Der Florentiner Hut | 4., 16., 19.7., 11., 18.10., 21.11., 31.12. | Opernhaus, Wuppertal |  0202 563 7666

Hartmut Sassenhausen

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