Die Stückentwicklung befasst sich mit familiär geprägten Mustern, Formen des Zusammenlebens und der Frage nach der eigenen Identität.
engels: Frau Frauenrath, ich bin ganz ehrlich, wenn ich „Home Sweet Home“ höre, ahne ich immer irgendetwas Unangenehmes. In ihrer Inszenierung ist das nicht so?
Hannah Frauenrath: Weshalb wir den Titel gewählt haben und auch benutzen, resultiert auch daraus, dass er immer auch eine gewisse Ambivalenz besitzt. Sie hören da den Schrecken heraus, für eine andere Person bedeutet das aber Sicherheit und Ankommen. Gerade dieser Ambivalenz von solchen ja eigentlich oft genutzten Sprüchen über Heimat und Bildern von Zuhause und Familie widmen wir uns in dem Stück.
Es scheint auch um die Abkehr von familiär geprägten Mustern zu gehen. Das hat heute immer so einen finanziellen Beigeschmack und scheint die Erbengeneration kaum zu tangieren?
Die Muster, die damit gemeint werden, sind eher Beziehungsmuster und Verhaltensweisen, die sich durch Generationen hindurchziehen und da vielleicht den Alltag immer wieder beeinflussen. Das sind also andere familiär geprägte Muster, die bei der Erbengeneration greifen und es sind Muster, die immer erst aus einer Not heraus hinterfragt werden; wobei bei Menschen, die sehr viel erben, die Not nicht so gegeben ist, das alles zu hinterfragen.
„Home sweet Home“ ist eine Stückentwicklung. Premiere 10. April. Wie weit sind sie schon?
Wir sind jetzt in der Wochezwei (Stand 10.3., d. Red.). Wir haben in der ersten Woche sehr viel gelesen. Das ist mir immer sehr wichtig bei Stückentwicklungen, weil es in der Struktur des Theaters ja oft so ist, dass ich mehr Zeit habe, mich vorzubereiten und deshalb einen Wissensvorsprung habe. Mit dem gemeinsamen Lesen bringen wir uns auf einen einheitlichen Wissensstand. Dann wird viel geredet und aus den Gesprächen beginne ich dann, Texte zu schreiben. Jetzt haben wir schon die ersten szenischen Ideen und Texte zusammen und konnten uns darauf einigen, worum es eigentlich gehen soll. Also guter Stand der Entwicklung, aber noch etwas zu tun
Es gibt ein Zitat in der Ankündigung der Stückentwicklung vom Theater: „Wenn ich daran denke, dass ich den Rest meines Lebens mit mir verbringen muss, wird mir schwindelig“. Wie passt das hinein?
Das ist schon vor langer Zeit entstanden und bezieht sich auf einen Text, den ich damals schon geschrieben hatte, und darin spiegelt sich für mich die Not wider, dass man sein Leben lang mit sich selber verbunden sein sollte und zufrieden sein muss. Und damit verbunden die Frage: Was gibt mir überhaupt diese Sicherheit und was gibt mir die notwendige Verbundenheit und bin ich immer zufrieden damit, wie ich mich der Welt gegenüber stelle? Und wenn das nicht klappt, muss die Frage gestellt werden: Was sind die Ursachen und was muss ich im Idealfall verändern, dass mir nicht mehr schwindelig wird bei dem Gedanken?
Mäandert man alleine oder im Team durch das selbst gewählte Thema oder legt man vorher einen roten Faden fest?
Den roten Faden, den gibt es schon. Mir ist wichtig, dass es um das Zuhause geht und um eine Sehnsucht, dort anzukommen und was dann dieses Ankommen bedeutet für die verschiedensten Menschen und auch für das Team. Das finden wir dann während der Stückentwicklung heraus und auch, weil wir ein recht diverses Ensemble sind und deshalb auch die verschiedensten Perspektiven auf diesen Themenkomplex haben. Deshalb werden sich diese verschiedenen Perspektiven auch im Stück dann wiederfinden, aber das Grundthema, das ist von Anfang an klar und dem stellen wir uns dann.
Wie bezieht man das Grundthema in eine Handlung ein? Gibt es schon eine Personenkonstellation oder entwickelt sich die auch erst?
Das wird sich auch entwickeln. Wobei, das Ganze wird in erster Linie eine Art Collage werden, das ist auch für so einen multiperspektivischen Abend immer praktisch, weil man da durchwechseln und verschiedene Schlaglichter zu einem großen Themenkomplex vereinen kann. Es wird also auch unterschiedliche Figuren und verschiedene Rollen geben, die dann unter den Schauspieler:innen durchwechseln.
Ab wann spielt bei der Entwicklung der Faktor Zeit eine Rolle, ab wann wird die Regie nervös?
Im Idealfall gar nicht. Aber natürlich hat man die Zeit immer im Hinterkopf, aber ich glaube, dass auch da die Kraft darin liegt, nicht zu viel über die Zeit nachzudenken. Man muss sich eben im Team die Zeit nehmen, über das Thema gründlich nachzudenken.
Gibt es einen Punkt, an dem man glaubt zu scheitern? Gehört das dazu?
Gehört das nicht zu jedem künstlerischen Prozess dazu?
Ja, natürlich. Stanze. (wir lachen) Aber ab wann wird es besonders schwierig in einer Stückentwicklung?
Die Schwierigkeiten gehören natürlich dazu. Gerade in unserer Konstellation geht es natürlich auch viel um persönliche Erfahrungen aller Teammitglieder. Persönliche Perspektiven, auch die persönlichen Utopien, wollen wir nicht vergessen. Und ich glaube, da ist es normal, an Punkte zu kommen, wo man nicht mehr weiter weiß, weil wir des Rätsels Lösung natürlich auch noch nicht gefunden haben, wie wir in Zukunft in einer Gemeinschaft leben wollen. Gerade in einer immer bedrohlicher werdenden Welt gibt es immer Punkte, wo man nicht weiter weiß. Aber vielleicht findet man dann, wenn man als Team zusammenkommt, einen Weg, den man gehen kann.
Wie viele Versionen von „zu Hause“ habt ihr schon gefunden?
Jede Person hat natürlich eine andere Version von zuhause und ich glaube auch, dass es mehrere Möglichkeiten, Definitionen und auch Gefühle darüber gibt. Ja, ich denke, es ist eher ein Gefühl von sich und von dem Außen und von Anderen. Wir haben uns jetzt schon vom Zuhause als Ort verabschiedet, sehen das eher als gefühlten Raum, den man sich mit anderen schafft.
Das hat auch nichts mit Heimat zu tun?
Für mich nicht.
Home Sweet Home | Fr. 10.4. 19.30 Uhr (UA) | Theater am Engelsgarten | 0202 563 76 66
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