Der Nebel ist in der Kinematographie ein Synonym für das Grauen. Berühmt ist der Horror-Streifen „The Fog“ des US-amerikanischen Regisseurs John Carpenter aus dem Jahr 1980. Rund ein halbes Jahrhundert früher, im Jahr 1927, erschien der Stummfilmklassiker „The Lodger – A Story of the London Fog“ oder kurz: „The Lodger“, der erste Thriller von Alfred Hitchcock,. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman der englischen Schriftstellerin Marie Adelaide Belloc Lowndes. 1960 war es die britische Komponistin Phyllis Tate (1911-1987), die aus diesem Stoff eine Oper gleichen Namens schuf und noch im selben Jahr von Studenten der Royal Academy of Music uraufgeführt wurde. Vier Jahre später wurde das Stück von der BBC in Radio ausgestrahlt. Diese Sendung wurde aufgenommen und 2015 auf CD veröffentlicht. Die erste professionelle Aufführung fand 1965 beim St. Pancras Festival statt und wurde 1970 vom Royal Northern College of Music aufgeführt. 2018 schwappte das Stück über den Kanal ins Stadttheater Bremerhaven. Das war es in etwa an Vorstellungen. Jetzt wird das Opus vom Staub befreit und auf die Wuppertaler Opernbühne gehoben.
Der Ripper als Gast
Der Nebel wabert gleich zu Beginn über den Gaze-Vorhang und bisweilen im Verlauf des Psychokrimis auf der Bühne vor allem dann, wenn Unheil zu drohen scheint. 1888 ist nämlich in London der Jack the Ripper genannte Serienmörder unterwegs, der nie zur Strecke gebracht wird. Liegt das vielleicht an Emma Bunting? Sie und ihr Mann George sind arm wie Kirchenmäuse, nehmen nichts ahnend einen elegant gekleideten Mann als Untermieter auf und sind heilfroh, dass er für vier Monate im Voraus bezahlt - sie können so das Nötigste anschaffen. Sie sind sich aber bald sicher ist, dass es sich um den Killer handelt. Der Untermieter entpuppt sich nämlich als geistig gestört, da er wie besessen Verse aus der „Offenbarung“ zitiert. Auch hat er sich wohl selbst gegeißelt, wofür Striemen auf seinem Oberkörper sprechen. Dazu ist er nachts, wenn die Morde geschehen, außer Haus. Doch Emma lässt ihn, anstatt der Polizei auszuliefern, schlussendlich entkommen. Denn für sie ist er eine psychisch kranke Person, die geheilt werden könne. Längst ist amtlich überliefert, dass die Morde anschließend aufhörten.
Beklemmende Kulisse
Zu dieser Story hat Alyson Cummins ein beklemmendes Bühnenbild geschaffen, das die Zeit des späten 19. Jahrhunderts widerspiegelt. Detailreich sind die beiden Zimmer im Erdgeschoss und darüber ausstaffiert. Links und rechts an der düsteren Straße vor dem Haus befindet sich je eine schummrig beleuchtete Laterne. Auch die von Evelien Van Camp entworfenen Kostüme passen zur viktorianischen Zeit. Dazu gibt es als Vorspann, als Ankündigung der vier Kapitel des Zweiakters und als Epilog Einblendungen wie sie in Stummfilmen üblich sind, sowie als Verdeutlichung von Details projizierte Grafiken. Regisseur Greg Eldridge hält sich streng an die Romanvorlage und inszeniert das Geschehen bis auf die zwischendurch erscheinende Bevölkerung auf der Straße recht statisch. Man sitzt ruhig, geht gemächlich zur Haustür oder steigt ohne Hektik die Treppe empor zum Oberstübchen. Stattdessen betreibt er psychologische Persönlichkeitsstudien, die die Protagonisten mimisch und gesanglich glaubhaft umsetzen.
Ausgezeichnete Besetzung
Edith Grossman bringt mit ihrem beweglichen, ausgewogenen Mezzosopran in der Hauptrolle Emmas vielschichtiges Psychogramm (Angst, Fürsorge, Verständnis) hochdramatisch klar zum Ausdruck. Andrew Nolen ist ihr Gatte George. Sein sattelfester, seriöser Bass lässt dessen Charakter nur ein wenig farblos erscheinen, wenn er zu gelassen bleibt, als zum Beispiel seine Hand voll Blut ist, nachdem er den Mantel des Untermieters berührt hat. Der Bariton von Zachary Wilson lässt den wahnsinnigen, fanatischen, sich bisweilen galant zurückhaltenden in allen Facetten Untermieter packend erstrahlen. Hinzu gesellen sich Sopranistin Marianna Ortugno mit sicherem Gesang in der Höhe und lyrischen musikalischen Linien als anständige Tochter Daisy und Merlin Wagner, dessen Tenor zu ihrem Verlobten, dem ehrgeizigen Polizisten Joe Chandler, passt. Die fünf kleinen Rollen – Ekaterina Zhuravskaya (Zeitungsjunge), Agostino Subacchi (Polizist) sowie David Jerusalem Schnitzler, Katharina Greiß und Oliver Picker als Cockneys – sind ebenfalls stimmlich wie darstellerisch ausgezeichnet besetzt.
Der von Ulrich Zippelius glänzend einstudierte Opernchor der Wuppertaler Bühnen bringt zwischendurch richtig turbulente Action auf die Bühne, wenn er bierselig draußen vor dem Haus als Bürger Londons unterhaltsam schmettert und sich etwa sensationshungrig vom Zeitungsboten das Neueste über Jack the Ripper holt. Ein Erzähler wie der bei der Premiere bestens disponierte Schauspieler Alexander Wulke ist in der Urfassung nicht vorgesehen. Bei der BBC-Radioübertragung machte er durchaus Sinn, wenn er über das, was kommt, informiert. Aber bei Bühnenaufführungen erübrigt sich diese Rolle, da die Augen des Publikums alles mitbekommen. Stumm wird er auch noch wie ein Alter Ego des Untermieters eingesetzt.
Problematische Akustik
Akustisch gibt es Probleme, womit sich ein Teil des Publikums in der Pause auseinandersetzt. Denn bis auf den durch Mikroport verstärkten Erzähler sind sämtliche Sänger gegenüber der Musik über weite Strecken zu leise. Einerseits dürfte die vollgepackte Bühne viel Schall schlucken. Auch kann er sich wenig ausbreiten, wenn in den beiden Zimmern mit ihren niedrigen Decken gesungen wird. Auch der stimmgewaltige Chor könnte besser zum Tragen kommen. Das mag auch mit daran liegen, dass die Komponistin bei der Orchesterbesetzung und Orchestrierung auch bei leisen Stellen die gesanglichen Dynamiken wenig beachtet hat, etwa wenn etwa die große Percussion-Abteilung trotz behutsamen Umgangs mit schlagenden Tönen den Bühnensound übertönt.
Jedenfalls spielt das Sinfonieorchester Wuppertal unter der umsichtigen, mitatmenden wie dynamisch nuancierten Leitung von Yorgos Ziavaras differenziert auf und bringt den stimmungsvollen wie emotionalen Gehalt der eingängigen Musik mustergültig zum Erklingen. Sie erinnert an den Soundtrack zu Filmen, insbesondere wie an eine Stummfilmbegleitung. Kompositorisch handelt es sich hier um eine spezielle Form der Leitmotivtechnik, die wiederkehrende Themen für Charaktere, Gefühle oder Gegenstände nutzt. Auch der Stummfilm-Umgang anhand der Mood-Technik (Untermalungen von Stimmungen) und des Mickey-Mousing (musikalische Nachahmung von Bewegungen) sind heraushörbar. Sie muten anachronistisch an, waren doch solche zur Zeit der Entstehung des Werks längst passé. Hinzu kommt ein bunter Mix aus Walzern, Polkas und Musical-Schwung.
Zum Teil stehende Ovationen
Das Publikum im nicht ausverkauften Auditorium applaudiert schließlich herzlich. Bravo-Rufe und stehende Ovationen gibt es wie immer nach Opernpremieren von den hinteren Reihen des Parketts.
Ob dieses Stück, das eigentlich einem mit Soundtrack unterlegten Kammerspiel nahe kommt, demnächst auch in anderen Häusern zu erleben sein wird und somit Einzug ins Opernrepertoire hält, wird die Zukunft zeigen.
The Lodger | 24., 26.4., 3.5, 13.6., 12. 7. | Opernhaus Wuppertal
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