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Thusnelda Mercy und Pascal Merighi (v.l.)
Fotos: Andreas Kling

„Eine Geschichte, die keinen Anfang und kein Ende hat“

30. April 2024

Die Choreograph:innen Thusnelda Mercy und Pascal Merighi über „Phaedra“ in Wuppertal – Premiere 05/24

Die Choreograph:innen Thusnelda Mercy und Pascal Merighi von der Tanz Station Barmer Bahnhof sprechen im Interview über ihre Bearbeitung von Senecas Tragödie „Phaedra“, die in einer freien Übersetzung von Wuppertals Schauspielintendant Thomas Braus am Theater am Engelsgarten zu sehen ist. 

engels: Frau Mercy, Herr Merighi, „Phaedra“ spielt im antiken Griechenland und damit in einer ziemlichen Machowelt. Wie frei nach Seneca wird es denn?

Thusnelda Mercy (TM):Thomas Braus hat unsere Fassung frei übersetzt. Wir haben seit vielen Jahren die Seneca-Übersetzungen in unseren Köpfen und in unseren kreativen Überlegungen, und haben das sozusagen als Ursprungs-Inspirationsquelle für neue Ideen. Vor allem die Übersetzung von Florence Dupont, die die Seneca-Version neu auf Französisch übersetzt hat, gehört dazu. Thomas Braus hat die vielen verschiedene Fassungen gelesen und dann im gemeinsamen Austausch mit uns die jetzige Fassung geschrieben.

Wieso braucht es ausgerechnet einen Clowns-Chor, um die Antike erlebbar zu machen?

TM: Wir haben uns sehr lange mit den Chören beschäftigt, haben auch immer wieder mit Thomas darüber diskutiert, was der Chor jetzt in der modernen Zeit sein könnte, wie er sein könnte. Und wie lässt er auch noch Interpretationsebenen offen, damit nicht nur das Traditionelle im Vordergrund steht, sondern es auch die Möglichkeit gibt, Sachen in Frage zu stellen, woraus dann Geschichten mit dem Chor herausgepickt werden können, wie man beispielweise heute von der Moral erzählt. Da kam uns die Figur des Clowns von Thomas entgegen. Clowns sind eben zeitlos. 

Wie passt denn der Naturaspekt in die Tragödie?

Pascal Merighi (PM):
Der Naturaspekt war uns sehr wichtig, als wir Seneca gelesen haben. Es war für uns klar, dass ein Teil des Texts in der Stadt, in der Urbanität spielt und der andere in der Natur. Phaedra hat entschieden, in der Natur zu leben, und deshalb spielt die bei uns auch eine wichtige Rolle. 

Eine Choreografie auf der kleinen Bühne im Theater am Engelsgarten ist gar nicht so einfach, hätte da nicht das Opernhaus besser gepasst?

TM:
Wir freuen uns, wieder im Theater im Engelsgarten zu sein, wir hatten dort schon unser Stück „Samuel“ gezeigt und haben die Bühne damals sehr genossen und einen sehr direkten Zugang zum Publikum gefunden. Wir haben auch die tolle Bühnenbildnerin Chloé Wasselin-Dandre, die mit uns auch sehr gut auf die Räumlichkeiten eingegangen ist, damit wir die kleine Bühne so groß wie möglich ins richtige Licht rücken können. 

Ist die Inszenierung mehr eine theatralische Performance oder performatives Theater?

TM:
Das muss das Publikum entscheiden.

Aber es wird kein Ballettabend?

TM: Nein, das wird definitiv kein Ballettabend. Das ist eine sehr körperliche und sprachlich sehr betonte Inszenierung, die die Kunstsparten gleichwertig verbindet. 

Spart man sich Text durch Visualisierung?

TM:
Von Sparen würde ich hier nicht sprechen, auch nicht in dem Sinne, dass es nicht notwendig ist. Aber es werden auf jeden Fall mehrere visuelle Dimensionen angeboten. 

Ich zitiere aus Ihrer Ankündigung: Das Ensemble soll im Stück „mit starken physischen wie sprachlichen Bildern die Konsequenzen unserer Taten“ hinterfragen. Macht das heute nicht eine KI besser?

TM:
Da machen Sie jetzt ein ganz großes Fass auf. Wir haben in unseren Sparten, in denen wir arbeiten, noch keine Berührungspunkte mit KI, und wir haben auch noch nicht mit digitaler Technik experimentiert. Das müssten wir erst ausprobieren. Vielleicht machen wir in drei Jahren „Phaedra“ mit einer KI zusammen. 

Wäre nicht Sarah Kanes böse Version „Phaedra‘s Love“ interessanter gewesen?

PM:
Das ist eine typische Frage. Ich sage nein. Für uns war der Beginn dieses Abenteuers die Übersetzung von Florence Dupont, die für das Theater, für die Schauspieler verfasst wurde. Ihre Übersetzung macht den Stoff sehr verständlich – ohne zu einfach zu sein. Man kann gut folgen. Wenige Menschen kennen sich heute mit der Antike aus. Sarah Kanes Text ist sehr modern, aber wir wählen trotzdem die ältere Geschichte, weil sie mit dem Naturbezug auch über den Klimawandel und die Ausbeutung der Natur erzählt, was den alten Text somit hochaktuell macht. Zusätzlich ist unser Text dazu sehr aktuell, was die feministische Frage angeht. Ich finde den Text von Sarah Kane auch sehr schön. Aber für uns war Senecas Version adäquater. 

Weil in Ihrer Inszenierung Phaedra selbst im Vordergrund steht?

PM:
Ja. Sie und Hippolyte. Das ist ein Text, der Dynamik und Spannung transportiert. Es ist ja kein Monolog über eine starke Frau, die sich emanzipieren will. Es ist ein Text, der über Beziehung spricht und über eine Frau, die glaubt, ihren Stiefsohn zu lieben, und er erzählt über das Spannungsverhältnis von Natur und Stadt, in dem Phaedra verfangen ist. Alles kommt von der Erde und alles geht zur Erde. Auch als Frage. Das ist eine alte Geschichte, die sich immer wiederholt, die keinen Anfang und kein Ende hat.

Phaedra | 2., 31.5., 1., 16.6., 5.7. | Theater am Engelsgarten, Wuppertal | 0202 563 76 66

Interview: Peter Ortmann

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