Im Stück nach Erich Kästners gleichnamigem Roman nimmt der reiche Geheimrat Tobler unter einem Decknamen an einem Preisausschreiben seines eigenen Unternehmens teil. Er gewinnt einen Aufenthalt in einem Luxushotel in den Alpen. Dort gibt er sich als armer Mann aus, um herauszufinden, wie die Oberschicht mit mittellosen Menschen umgeht. Als seine Tochter ihn an das Hotel verraten will, löst sie eine folgenreiche Verwechslung aus.
engels: Herr Riebeling, in der Verfilmung von 1955 heißt der Geheimrat Schlüter, warum nennen Sie ihn wieder Tobler?
Roland Riebeling: Das ist eine sehr gute Frage. Eigentlich müssten Sie da noch einmal mit Erich Kästner sprechen. Ich denke, es gab und gibt damals wie heute Film- und Fernsehredakteur:innen, die sich gedacht haben: „Nee, das hört sich vielleicht zu distinguiert an.“ Das Stück ist ja älter als der Film, das gab es schon – was man ihm nicht so anmerkt – in den 1930er-Jahren und man wollte der Filmfigur dann so einen markigeren Firmennamen geben, der besser in die Wirtschaftswunderzeit passt. Schlüter hört sich vielleicht etwas dynamischer an als Geheimrat Tobler, so würde ich mir das erklären. Vielleicht geht es aber auch um altes Geld und neues Geld.
Wie passt das fast schon antike Stück in die heutige KI-Zeit?
Das hab ich mich auch gefragt, da ging es mir wie Ihnen. Ich hab erstmal mit Feuer und Flamme zugesagt, weil ich auch diesen Film so schön und herzerwärmend fand. Und dann liest man natürlich das Stück durch und denkt über gesellschaftliche Relevanz nach. Im Kern bleibt aber, dass man einfach ins Theater gehen kann und sich auch beim Stück „Drei Männer im Schnee“ wärmt, und wo man eine fast märchenhafte Geschichte erzählt bekommt, wo aber auch eine große Sehnsucht nach Leben und Verbesserung drin ist. Und da fängt es wieder an, aktuell zu werden und passt in die Zeit. Abe viele trauen sich ja an solche komödiantischen Stücke nicht heran, deshalb klingelt bei mir ständig das Telefon, denn ich bleibe ja so eine Unterhaltungspositionsnudel. Ich sage immer: Es gibt politisches Theater und es gibtTheater politisch machen. Dieses Stück wird nie und nimmer ein politischer Abend werden – aber in einer Zeit, wo sich die Gesellschaft entzweit, schaffen wir es vielleicht wenigstens, für ein gemeinsames Amüsement zu sorgen.
Dennoch inszeniert als amüsanter Klassenkampf fürs Boulevard, mit Demut und Unterwürfigkeit als Jobchance?
Nee. Nein. Da habe ich überhaupt nicht reingebissen. Mich interessiert in erster Linie, dass sich der Tobler in all seinem Reichtum verloren fühlt. Das ist ja auch eine Nachricht, die Kästner uns in ganz vielen seiner Werke mitgeben wollte: Was ist der Mensch, was macht den Menschen aus und was macht ihn glücklich? Und er kommt dahinter, dass es ist nicht der Status, nicht die Bildung und vor allem nicht das Geld ist.
Aber der Abend ist nicht nur etwas für die Silberhaar-Lobby?
Nein. Es wird sogar zum ersten Mal Videoinstallation geben. Wir machen eine kleine Zeitreise. Es gibt ja die Figur Hilde, Tochter von Geheimrat Tobler. Die spielt im Stück eine nicht so große Rolle, im Film ist die etwas größer und die nehme ich jetzt als Aufhänger des Ganzen. Denn Hilde, wenn man mal nachrechnen würde, wäre jetzt eine Frau so zwischen 80 und 90 Jahren. Und die sitzt bei uns im Heim und beginnt, sich zu erinnern. Mit ihr erleben wir diese Zeitreise und sehen sie als junge Frau. Komme ich zur Frage, ob das auch etwas für Jugendliche ist – und da erinnere ich an meinen Erstgeborenen, der mal sagte, dass es komisch sei, dass er Oma Uschi, also meine Mutter, gar nicht als junge Frau kennen würde und deshalb fehle ihm richtig was. Das Gefühl „Wie waren die Personen wohl früher?“ kennen sicher viele und das Thema werden wir während der Zeitreise auch berühren. Da gibt es dann einen Wiedererkennungswert auch für junges Publikum und es soll ja auch – ich will nicht zu viel verraten, die Proben fangen ja erst an – viel Musik geben und möglichst auch Livemusik, die uns in diese Zeit führt. Und das wird ein Wiedererkennungswert jenseits der Leute, die mit Stolz das silberne Haar tragen. Die vergangene Zeit merkt man ja auch an der Sprache, die ist ja auch schon ein Stück weit verschwunden. Wenn man das Stück liest, dann merkt man, dass es stimmt, dass die Großeltern mit diesem telegrafisch gestelzten Sprachstil ja wirklich gesprochen haben. Das ist mittlerweile weg, aber viele haben das noch im Ohr.
Ist das Theater am Engelsgarten nicht ein wenig zu eng für Skiabfahrt, Hotellobby und -suite?
Das wird Lydia Merkel, unsere hervorragende Bühnenbildnerin, sehr, sehr schön lösen. Da bin ich mir sicher, denn das Theater wird größer wirken und da wir ja eine Erinnerungsreise machen, können wir es uns ja auch erlauben, weg vom Realismus zu gehen. Es wird sehr viel das Element Schnee vorkommen, auf Bergen, im Nebel und als Schneegestöber. Und deshalb kann man denken, dass diese Hotellobby eher in einer Phantasiewelt liegt und ist in Eis gehauen. Esmorphtund wird nicht Eins-zu-eins-Realismus sein. Und das Bühnenbild kann viel, wir werden sogar eine kleine Drehbühne haben.
Eine Verwechslungskomödie mit ein wenig Slapstick ist nicht einfach, aber die Schauspieler:innen in Wuppertal können das locker, oder?
Klar, wir sind ja schon ein eingespieltes Team. Ich habe ja wieder meine lieben Leute aus „Arsen und Spitzenhäubchen“ dabei. Klipp, klapp, Türen auf, bumm, platsch, rauf- und runterkommen. Das geht so weit,dass die Schauspieler:innen sagen: „Oh Gott, da kommt der Dompteur wieder.“ (wir lachen) Wobei man das natürlich wahnsinnig üben muss, denn das wird schon ein temporeiches Stück und das muss es auch sein.
Wie sehr beeinflusst der Film von 1955 mit Paul Dahlke, Klaus Biederstedt und Günther Lüders eine Inszenierung? Schaut man sich den vorher an?
Auf jeden Fall. Ich habe ja erst einmal für mich gearbeitet und als ich für die Inszenierung wusste, was ich für mich möchte, dann hab ich mir den Film nochmal angeschaut. Damit man dem Film auch nicht hinterherrennt. Ich hatte ja schon die Idee mit der Zeitreise und einem eher melancholischen Setting, denn die entdeckt man in diesem Stück sehr oft und das liegt auch an dem Element Schnee. Denn alles, was irgendwie schlecht, schmutzig oder unangenehm war, verschwindet unter dieser weißen glänzenden Decke und das macht uns auch alle wieder zum Kind. Und das ist ein ganz wichtiges Element in dieser Inszenierung.
Drei Männer im Schnee | Theater am Engelsgarten | 20. (P), 21., 26.6., 2., 4., 19.7. u.w.T. | 0202 563 76 66
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