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Oliver Uschmann
Foto: Sylvia Witt

„Gute Nachrichten scannen“

25. Oktober 2018

Entdecker Oliver Uschmann über die Guten Nachrichten – Gute Nachrichten 11/18

engels: Herr Uschmann, Sie entdecken und sammeln für engels gute Nachrichten. Wieso machen Sie das?
Kennen Sie die Plakate mit Menschen, die tödlich verunglückt sind, weil sie auf ihr Handy geschaut haben?

Sie meinen die Kampagne für Verkehrssicherheit auf den Autobahnen?
Die Kampagne heißt „TippTippTot“. Vielfahrer kennen mittlerweile alle „Marie (38)“ oder „Jens (26)“, beide „abgelenkt durch eine SMS“. Aus dem Leben geschieden, die Kinder und Partner allein und verzweifelt auf der Welt zurückgelassen. So glaubt man in Deutschland, könne man für langsameres Fahren sorgen. Indem man ständig den Tod ins Gedächtnis ruft. Es gab früher sogar ein Plakat, auf dem sinngemäß stand: „Hinter der nächsten Kurve wartet der Tod.“ Das ist gut gemeint als Warnung, aber es baut zugleich die Idee auf, man müsse bald sterben. Es richtet die Aufmerksamkeit auf das, was man vermeiden will – das ist kontraproduktiv. Genauso, wie einem Kind beim Sportfest zuzurufen: „Fall nicht hin!“ In dem Moment denkt das Kind ans Hinfallen.

Was für Schilder würden Sie aufstellen? 
Schildkröten auf malerischen chinesischen Teichsteinen. Faultiere mit gutmütigem Blick an einem Ast. Großväter, die ihren Enkeln in Ruhe etwas vorlesen. Darunter als Slogan: „Es geht auch langsam.“ Oder: „Langsam kommt immer an.“ Was wir geistig zu uns nehmen, das erzeugen wir auch. Das gilt genauso für Nachrichten.

Eine alte Journalistenweisheit lautet allerdings: „Only bad news is good news“. Warum sollten sich die Leserinnen und Leser wieder mehr für gute Nachrichten interessieren?
Weil sie aufbauend wirken, ohne dabei heucheln zu müssen. Aus dem reichhaltigen Pool der auffindbaren guten Nachrichten suche ich nur die heraus, die konkret und handfest sind und mit echten Aktionen oder Fortschritten zu tun haben. Keine bloßen Absichtserklärungen. Keine rein ideologischen Symbolhandlungen.

Oliver Uschmann
Foto: Sylvia Witt
Zur Person:

Oliver Uschmann ist Schriftsteller, Journalist und Dozent für professionelles Storytelling an der Ruhr-Universität sowie diversen literarischen Instituten. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia Witt schreibt er Jugendromane, Belletristik und Sachbücher.

Das heißt, gute Nachrichten haben das Potenzial zu mehr Sachlichkeit als schlechte Nachrichten?
Definitiv, ich finde das faszinierend. Eine gute Nachricht mit Substanz beinhaltet meistens tieferes Wissen über Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, aber nicht im Sinne der personellen Seifenoper. Es hat ja meistens jemand ein Problem gelöst oder kommt der Lösung nahe. Folglich gilt es, Lösung wie Problem überhaupt erstmal zu begreifen. Das ist bei Bad News gar nicht nötig. Da reichen Effekt, Behauptung, eitle Attitüde und Feindbilderzeugung.

Hängt das auch mit fehlender Anerkennung von Leistungen zusammen – in den Medien, aber auch in der Gesellschaft allgemein?
Leistungen und Lösungen sieht man in Deutschland nicht gern. Wie groß waren damals die Meldungen, dass das Ozonloch wieder geschlossen ist und der Wald doch nicht gestorben? Im Vergleich zu den Aufmachern davor? Viele der guten Nachrichten heute beziehen sich auf die Ökologie, verstehen sie mich richtig. Umweltschutz ist elementar. Aber die deutsche Mentalität ist die eines Menschen, der Rückenschmerzen hat und dem sie nichts Schlimmeres antun können, als ihm einen Gutschein für die Physiotherapie zu schenken.

Beim Stichwort Ökologie stellt sich die Frage, was eine gute Nachricht definiert. Des einen saubere Luft ist des anderen Diesel-Fahrverbot. Hat nicht jede gute Nachricht auch ihre Kehrseite?
Natürlich beziehen wir implizit Stellung. Gut ist, was den praktischen Umweltschutz voranbringt. Betonung auf praktisch. Gut ist, was Frieden fördert und Kriegstreiberei unterbindet. Gut ist, was den Erkenntnisstand der Menschheit erhöht. Um nur drei Kriterien zu nennen. Sicher können sie häufig einwenden: „Aber das kostet doch Arbeitsplätze.“ Aber wenn sie ausschließlich so argumentieren, kann man nur sagen: Die wirksamste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ist der Wiederaufbau nach einem Krieg. Dennoch wäre ein Krieg offensichtlich keine gute Nachricht.

Das ist jetzt Rhetorik.
Dann weniger überspitzt: Sollte eine gute Nachricht Diskussionsstoff dafür bieten, ob sie überhaupt eine ist – umso besser! Wir meinen es sehr ernst, dass diese Rubrik ein Gegengift gegen Demokratieverdrossenheit und Unlust an Engagement sein soll. Denn das ständige Negative erzeugt diese Effekte. Eine Diskussion auf Basis einer schlechten Nachricht führt zur Spaltung. Eine Diskussion auf Basis einer guten Nachricht führt zu Lösungen.

Was macht es mit Journalisten, die ihr Leben lang Hiobsbotschaften verbreiten?
Sie füllen ihr Konto und leeren ihre Seele. Das klingt pathetisch, aber in Ansätzen habe ich das selber bereits gespürt. Weniger als Journalist, da ich mich als solcher schon immer lieber entweder um reine Kulturthemen oder um lösungsorientierte Ansätze gekümmert habe. Aber als Mensch. Als Medienkonsument. Vor allem bei YouTube und im Netz allgemein. Dort bin ich überhaupt nicht davor gefeit, die schlechten Nachrichten anzuklicken. Oder Videos, die aus jedem Thema den kommenden Weltuntergang machen. Ich bin ein typisches Opfer von Clickbaits, ein pawlowscher Nutzer. Das ist wie eine Sucht. Gibt man ihr zu häufig nach, ändert sich sogar das Gehirn. Es ist ja ständig im Wandel, wie die Neurowissenschaft uns lehrt. Es stärkt oft genutzte Verbindungen und lässt wenig genutzte sich auflösen. Wer sich nur auf die schlechten Nachrichten fokussiert, wird geistig im besten Fall zum Groschenheft-Autor und im schlechtesten Fall zum zynischen Giftzwerg.

Die guten Nachrichten sind somit ein praktisches Training zur Rettung von Gehirn und Seele?
Das kann man so sagen. Sie ändern das Weltbild, im wörtlichen Sinne. Ein Beispiel: Ich bin aufgewachsen in einem Haushalt, der war katholisch und grün zugleich. Das bedeutet, der Mensch, vor allem der westliche, war für mich untilgbar schuldig an allem. Lösungslos verloren. Und die Afrikaner waren grundsätzlich Opfer. Hungrige Posterkinder der Kollekte. Das ist positiver Rassismus. Recherchiert man gute Nachrichten, finden sich zahllose Beispiele echter, hausgemachter Fortschritte auf dem afrikanischen Kontinent sowie riesige individuelle Unterschiede zwischen den dortigen Regionen, die wir seit der Kindheit alle über einen Kamm scheren.

Wieso passiert das so wenig in den großen Nachrichtenmedien? Also nicht nur der Fokus auf das Schlechte, sondern auch auf Absichtserklärungen, Kommentare und Spekulationen statt auf faktenbasierte Meldungen echter Handlungen?
Weil es schneller geht und einfacher ist. Denken Sie sich die Welt als Dorf und die Medien als Gespräch am Gartenzaun. Was will der eine Nachbar über den anderen scheinbar eher hören? Ausführliche, differenzierte und auch noch positive Berichte darüber, was dem guten Mann oder der guten Frau alles gelungen ist? Oder doch lieber nur einen verschwörerisch gehauchten Einzeiler über eine etwaige Verfehlung? Am besten begleitet von einem Handwedeln und einem „Uiuiui, der Schwerenöter.“ Obwohl niemand was Genaues weiß. engels ist anders, weswegen ich hier mit den Guten Nachrichten einen wunderbaren Platz gefunden habe.

Interview: Hendrik Heisterberg

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