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Lieber General!

29. Mai 2019

engelszungen 06/19

Berlin W., den 6. Juni 1895

[…]

Die Umsturzvorlage sind wir also glücklich los. Es kam so, wie ich in meinem letzten Brief an Dich schrieb. Mit ein wenig mehr Witz und Geschick hätte die Regierung eine Vorlage bekommen, wie sie schöner sich keine wünschen konnte. Das kompromissüchtige Element im Zentrum hatte die Oberhand, man hatte sich von dieser Seite so engagiert, dass ein Zurück kaum möglich war. Da kommt das tölpelhafte Dreinfahren der verschiedenen Minister, von denen einer ungeschickter als der andere war, und so ging der Kompromisstopf in die Brüche.

Es gab nie eine schönere Gelegenheit, das Zentrum zu sprengen und sich von der Rücksichtnahme auf es zu befreien, für die Regierung als diesmal. Im Zentrum war die Spannung eine hochgradige; ein grosser Teil der süddeutschen und der rheinischen Elemente wollte von der Umsturzvorlage nichts wissen und wäre doch gezwungen worden, für die entscheidenden Teile zu stimmen; da kam das Verhalten der Regierungsvertreter als eine Erlösung. Niemals zuvor war das Zentrum in einer grösseren Verlegenheit wie diesmal, in die man weiter hineingeraten war, als man anfangs selbst glaubte.

Ich kann heute sagen, ich gab bis zum letzten Tage der Verhandlungen keinen Dreier dafür, dass uns nicht dennoch der für uns schlimmste Teil der Vorlage auf den Hals kam. Erst als der Kriegsminister zu seiner Erklärung sich entschloss, die ihrem Inhalte nach, wie auch wohl tatsächlich – trotz späterer Ableugnung – nicht mit den Erklärungen des Reichskanzlers und seinen Ansichten im Einklang stand, konnte man sagen: nun ist’s aus, wir haben gewonnen. […] In den späteren Verhandlungen liessen die Herren wie die bepissten Pudel die Köpfe hängen.

[…]

Dein August

August Bebel, der Führer der SPD, berichtet über die als Umsturzvorlage bezeichnete Gesetzesnovelle. Sie sah eine Verschärfung der Strafen für politische Delikte vor und richtete sich in erster Linie gegen die Sozialdemokratie. Wegen des dilettantischen Verhaltens der Regierung und der Uneinigkeit der bürgerlichen Parteien – Bebel erwähnt hier die katholische Zentrumspartei – scheiterte die Vorlage.

August Bebels Briefwechsel mit Friedrich Engels, hg. von Werner Blumenberg, London, The Hague, Paris 1965, S. 800-803.

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