Freiheit hat für Claudia Ries viele Facetten. Mitarbeiter des Hospizdienstes fühlen sich manchmal befreit, wenn sie nach einem anstrengenden Arbeitseinsatz nach Hause gehen können. Sterbende wiederum empfänden die Zeit im Krankenzimmer als Freiheit, lebten sie ganz bewusst, sagt die Ehrenamtlerin: „Sie können sich Angehörigen und Betreuern gegenüber ungeschminkt zeigen. Sie wissen: Die, die übrig geblieben sind, ertragen mich so, wie ich bin.“ Die Patienten könnten also – mitunter erstmals in ihrem Leben – sie selbst sein.
Er hat es geschafft
Freiheit ist Ries zufolge auch Loslösung. Kranke werfen mit Eintritt ihres Todes alte körperliche und seelische Belastungen ab. Betreuer und Angehörige sind mitunter erleichtert: Der Gegangene ist erlöst, frei von der Last seines Körpers, seiner Krankheit. Ries formuliert: „Er hat es geschafft.“ Oft keime dann gerade in Ehepartnern das Gefühl, plötzlich nach eigenem Ermessen handeln zu können. „Sie fühlen sich frei mit Blick auf die neu gewonnene Zeit.“ Diese Empfindung würde vor allem kurz nach dem Tod des geliebten Menschen erlebt, bevor die Trauer einsetzt.
Oft bedarf es statt Gedanken aber klarer Worte, wie Ries hervorhebt. „Dinge auszusprechen, macht frei.“ Sterbende könnten oft nicht gehen, da Angehörige sie halten. Sie fühlten sich den Lebenden gegenüber noch verantwortlich. Dann passiere es, dass der Tod eintrete, sobald der Angehörige kurz das Zimmer verlasse. Für den Ehepartner, den Sohn oder die Tochter, die oft jahrelang den Patienten pflegten, sei dies oft eine Enttäuschung, sich nicht mehr verabschieden zu können. „Deshalb ist es wichtig zu sagen: Du darfst gehen. Es ist okay.“
Aus diesen Erfahrungen zieht Claudia Ries ihr persönliches Resümee: „Freiheit bedeutet, meine Wünsche zu leben und die Dinge zu akzeptieren, die sich nicht ändern lassen.“
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