Auf dem Theatervorplatz war mächtig Theater. Clowns, Hexen und Prinzessinnen demonstrierten für den Erhalt der Wuppertaler Bühnen. Mit Bussen angereiste Schauspieler aus ganz Nordrhein-Westfalen und zu Fuß gekommene, empörte Zuschauer dieser Stadt, die mit Kostümen und Schminke den Spieß umdrehten und diesmal selbst ihre Rollen spielten, bildeten ein buntes Menschenmeer. Insgesamt 2000 Demonstranten, für Wuppertal eine beeindruckende Menge, wärmten sich an den Blechfässern, in denen Holzfeuer loderten. Eine Frau Mahlzahn, die autoritäre Drachenlehrerin aus Michael Endes Heldenopus „Jim Knopf“, verteilte eifrig Flugblätter. Ein fingierter Rotarmist forderte auf seinem Plakat: „Ich will doch nur spielen!“ Nach kurzer Zeit waren die Anstecker mit der Aufschrift: „Rettet das Schauspiel“ restlos ausverkauft. Aber auch die fast baugleichen Exemplare zum Erhalt der Oper wurden gern genommen. Dazu die Verkäuferin: „Wenn das Schauspiel geschlossen ist, kann sich die Oper auch nicht mehr lange halten.“ Auf der eigens für die Demo errichteten Bühne trommelte und rockte es, bis die Kundgebung begann. Doch keine abgelesenen Kommunikees mussten ertragen werden. Auch vor dem Mikro herrschten Drama und Komödie. Ines Colsman von dem Aktionsbündnis „Wuppertal wehrt sich“ brandmarkte die Sparpläne der CDU-SPD-Mehrheit im Stadtrat: „Der Pleitegeier hat Hunger auf Schulen, auf Schwimmbäder und auf unser Schauspielhaus.“ Im Anschluss trat Mechthild Großmann ans Rednerpult. Die dem Wuppertaler Theater verbundene Tänzerin und Schauspielern, vielen bekannt in der Rolle der unbarmherzigen Staatsanwältin im Tatort Münster, erinnerte zunächst an die Eröffnung des Hauses vor 44 Jahren, die sie als junge Frau miterlebt hatte. Heinrich Böll habe damals seine vielbeachtete Rede „Die Freiheit der Kunst“ gehalten. Zynisch kommentierte die Schauspielerin die Aussage des für die Einhaltung der Haushaltsgesetze zuständigen Düsseldorfer Regierungspräsidenten Jürgen Büssow, der die Stadt wegen ihres Mutes, das Schauspielhaus zu schließen, beglückwünscht hatte. „Früher entschuldigten sich Politiker, wenn sie kulturelle Einrichtungen schlossen. Inzwischen wollen sie sogar dafür gefeiert werden“, erklärte Großmann.
"Wir wollen nicht immer vor dem Computer hocken, wir wollen ins Theater"
Viel Beifall erhielt eine Schülervertreterin, die die Bedeutung des Theaters für junge Menschen hervorhob. „Die Stücke, die wir für unsere Abiprüfung lesen müssen, werden hier mit Leben gefüllt.“ Gerade in der vergangenen Spielzeit hätten sich vermehrt Schulklassen und auch Jugendgruppen für das Schauspiel interessiert. „Wir wollen nicht immer vor dem Computer hocken. Wir wollen ins Theater!“, rief die Gymnasiastin in die begeisterte Menge.
Am 15. März wird der Rat der Stadt das erste Mal in diesem Jahr tagen und sich mit den Sparplänen der Verwaltung und des Bürgermeisters beschäftigen müssen. Eine endgültige Entscheidung ist nicht zu erwarten. Doch sollen, so die Vorgaben, die jährlichen Zuschüsse zu den Städtischen Bühnen um 2 Millionen Euro gekürzt werden. Das Schauspielhaus soll 2012 schließen und das Ensemble des Worttheaters aufgelöst werden. Manche Kritiker bezeichnen die Schließungspläne allerdings als bloße Kosmetik. Insgesamt betrug das Defizit im städtischen Haushalt im vergangenen Jahr rund 220 Millionen Euro. Das entspricht fast einer Verdopplung des Fehlbetrags innerhalb eines Jahres. Allein durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz der Bundesregierung wird mit Einnahmeausfällen von 7 Millionen Euro jährlich gerechnet, Tendenz steigend. Weitere Steuersenkungen werden von der Bundesregierung geplant. Insofern sind die Wirtschaftskrise und die Finanzpolitik der Bundesregierung hauptverantwortlich für die Misere der Stadt.
Doch der Verweis auf diesen Umstand hilft nicht, das Schauspiel zu erhalten. Neben den finanziellen Nöten gibt es auch strukturelle Probleme. Zwei große Häuser, Oper und Schauspiel, sind zu viel für Wuppertal, und kein Kleines Schauspielhaus ist zu wenig. So wäre die jetzige Situation eigentlich komfortabel, stünde nicht die Renovierung des Gebäudes an der Bundesallee an und das Haushaltssicherungskonzept vor der Verabschiedung. Der Charme der Kleinen Bühne als unterirdische Wirkungsstätte unter den verwaisten Sitzplätzen des einstigen Großen Hauses ist enorm. Eine andere Baustelle ist die freie Theaterszene. Auch sie wird in den nächsten Jahren um ihre Existenz kämpfen müssen. Subventionen sind freiwillige Leistungen und deshalb der Stadt künftig verboten. Wer keine schwarzen Zahlen schreibt, wird schließen müssen. In den nächsten Monaten ist also viel zu tun. Der Schulterschluss der Kulturschaffenden, Ende Januar so eindrucksvoll vor dem Schauspielhaus demonstriert, muss in die Einrichtung eines Runden Tisches münden. Wie können freie und städtische Theaterleute kooperieren? Wo kann weiter gespielt werden? Wie können Kindergarten, Schulen, Jugendclubs und die Universität einbezogen werden? Welche Geldquellen lassen sich finden? Die Hoffnung stirbt bekanntlich zum Schluss.
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