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Florian Deckers fragt, wie Graffitis zur Identität beitragen
Foto: Benjamin Trilling

Protest und Marketing

30. Mai 2023

Florian Deckers erforscht Graffiti im öffentlichen Raum – Teil 3: Lokale Initiativen

Zweimal führte Florian Deckers die Feldforschung bereits nach New York. Zuletzt besuchte er die Metropole im Juni 2022, um in den Stadtteilen Spanish Harlem und Bushwick (Brooklyn) öffentliche Wandkunst zu untersuchen. Denn sein Dissertationsprojekt „Raising Latinx Voices“ erforscht die „Counter Scripts“, ein Konzept, mit dem sich die lateinamerikanische Gemeinschaft den urbanen Raum aneignet. „Diese öffentliche Kunst trägt zur Identität der Nachbarschaften bei“, erklärt Deckers.

In diesem Zusammenhang widmet sich der wissenschaftliche Mitarbeiter im Graduiertenkolleg Scripts for Postindustrial Urban Futures der Universitätsallianz Ruhr einem Gegenstand, der an den Hochschulen wenig Berücksichtigung findet: das Graffiti. Dabei gehört diese urbane Praxis zum Erscheinungsbild von Ballungsräumen. „Es ist eine wichtige soziale Praxis der temporären Aneignung von sozialem Raum, sie ist allgegenwärtig im Stadtbild“, sagt Deckers, der über dieses Thema auch einen Beitrag im Blog des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen publizierte. „Die Idee ist ornamental, es geht um eine Verschönerung von grauen Räumen.“

Kreatives Dortmund

So waren es auch die tristen Ecken in New York oder Philadelphia, wo diese Kunstform in den 1970er-Jahren entstand. Und sich insbesondere in jungen Milieus der Arbeiterklasse oder der afroamerikanischen Gemeinschaft mit einer weiteren, frischen Strömung verband, die wiederum aus der Musik kam: dem Hiphop. Deckers spricht von einem „subkulturellen Gesamtpaket“, das schnell auch Deutschland, speziell das Ruhrgebiet erreichte. Kreativer Ausgangspunkt war Dortmund, wo Mitglieder der Gruppe The United Force eine vor allem männliche geprägte Subkulturszene jahrelang prägten.

Denn auch im Ruhrgebiet fanden die Writer, die Graffiti-Sprüher, eine passende Infrastruktur: eine funktionale Stadt aus Brücken, Tunneln und Wänden, errichtet in den Nachkriegsjahren – viel Beton, an dem die Künstler:innen erst ihre Spuren hinterlassen konnten, wie Deckers betont: „Graffiti ist daher eine Möglichkeit, damit kreativ umzugehen.“ Doch mittlerweile gibt es ebenso im Ruhrgebiet legale Freiflächen, an denen sich Writer austoben können. Das jüngste Beispiel für diesen Trend ist die „Hall of Fame“, eine 600 Meter lange Mauer am Dortmunder Hafen, die im April 2022 freigegeben wurde. Hinter diesem Projekt stehen die Wirtschaftsförderung Dortmund, das hiesige Quartiersmanagement sowie die Agentur More Than Word, die bereits unzählige Fassaden im Auftrag von Konzernen verschönerte.

Wandbilder gegen Polizeigewalt

Somit lässt sich anhand der Graffit-Kunst im öffentlichen Raum des Ruhrgebiets eine marketingstrategische Entwicklung beobachten, die ebenso an der US-Ostküste begann: die Aneignung einer urbanen Praxis, die aus der Arbeiterklasse stammt, wie Deckers anmerkt: „Es gibt eine starke Kommodifizierung dieser Ästhetik durch Firmen.“ Er ergänzt, das Graffiti bleibe zugleich wichtiger Ausdruck von Protest – etwa in der Black Lives Matter-Bewegung, die mit Wandbildern auf rassistische Polizeigewalt reagierte. Ein Motiv, das sich wiederum ebenso in Dortmund findet: ein Porträt des 16-jährigen Mouhamed Dramé, den ein Polizist im August 2022 erschossen hat.

 

MUNDWERK - Aktiv im Thema

ccc.de | Der zu Beginn der 80er Jahre gegeründete Chaos Computer Club ist als „größte europäische Hackervereinigung“ etabliert als Kritiker von Computersicherheit und Datenschutz.
upload-magazin.de/43774-smart-cities | Der Upload-Beitrag wägt anhand konkreter „Smart City“-Projekte ab, wie die Digitalisierung Datenschutz und Privatsphäre gefährdet und soziale Ungerechtigkeiten verstärken kann.
zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/article/view/455/718 | Suburban-Rezension zum von Sybille Bauriedl und Anke Strüver herausgegebenen Sammelband „Smart City. Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten“.

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Benjamin Trilling

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