Wuppertal ist doof. Zu diesem Schluss zumindest muss man kommen, wenn man die handelsüblichen Lernstandserhebungen PISA und IGLU liest. Zwar ist unsere Stadt nicht gesondert aufgeführt als Dumpfbacke der Welt, aber Wuppertal ist ein Teil von Deutschland und – schlimmer noch – ein Teil von Nordrhein-Westfalen. Während das Deutschland der Dichter und Denker bei PISA immer im hinteren Mittelfeld der Industrienationen platziert ist, dümpelt NRW immer im hinteren Mittelfeld im Ranking der Bundesländer. Manche Skeptiker kritisieren, dass mit den wissenschaftlichen Untersuchungen des nationalen und internationalen Bildungssystems nur politische Statistiken angefertigt wurden. Äpfel würden mit Birnen verglichen. Tatsächlich geht es der Jugend des PISA-Meisters Finnland gar nicht so gut wie vermutet. Die Jugendarbeitslosigkeit ist dort weit höher als bei uns. Und ohne Zweifel wurde PISA bei uns benutzt, um Politik zu machen. Und zwar die, die in den Parteiprogrammen der Regierenden stand. Vor fünf Jahren, als das erste Mal seit 1966 das Schulministerium von der CDU besetzt wurde, boten sich mit Hilfe von PISA mehrere Veränderungen an. Weil deutsche Abiturienten und StudentInnen im internationalen Vergleich zu alt sind, wurde auch hierzulande die 13. Klasse des Gymnasiums gestrichen. Hält dieses Konzept, was die damalige Schulministerin Barbara Sommer versprach?
Die Aufhebung der Schulbezirke stieß auf wenig Verständnis bei vielen Bildungsexperten. Schulanfänger mussten nun nicht mehr ortsnah eingeschult werden, sondern konnten dort zur Schule gehen, wo die Eltern sie anmeldeten. Neoliberal gedacht sollte diese Maßnahme zu mehr Konkurrenz zwischen den Schulen führen. In der Realität förderte sie die Ghettobildung. Angehörige bildungsferner Schichten fahren ihre Kinder morgens um acht nicht gern quer durch die Stadt. Beim von der schwarz-gelben Regierung eingeführten Zentralabitur ist die Ministerin zweimal selbst durchgefallen. Die von ihr gestellten Aufgaben waren wahlweise unverständlich oder unlösbar.
„Und es war Sommer“, sang im Jahr 1976 Peter Maffay. Natürlich ist es leicht, alle Miseren der NRW-Schullandschaft der sitzengebliebenen CDU-FDP-Regierung in die Schuhe zu schieben. Ob die neue rot-grüne Minderheitsregierung es besser machen kann, bleibt abzuwarten. Politisch sucht sie Mehrheiten, indem sie Abgeordnete der CDU mit starker lokalpolitischer Bindung auf ihre Seite ziehen möchte. Denn in den Kommunen wird ein Problem besonders sichtbar. Das dreigliedrige Schulsystem ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Hauptschule ist bei den Eltern unbeliebt. Wer kann, meldet sein Kind bei einer anderen Schule an. Stark sinkende Schülerzahlen bewirken, dass diese Schulform für die Städte und Gemeinden sehr teuer wird, teurer noch als das Gymnasium. Insofern klingt das Angebot der Landesregierung, den Kommunen mehr Gestaltungsmöglichkeiten zu überlassen, für manchen Bürgermeister verlockend.
Zuhören statt anordnen
In Wuppertal wird zu Beginn dieses Schuljahres die Gemeinschaftshauptschule Elberfeld-Mitte keine neuen Schülerinnen und Schüler aufnehmen. In sechs Jahren ist sie Geschichte. Auch die Anmeldezahlen für das kommende Schuljahr im ganzen Stadtgebiet sprechen eine deutliche Sprache. Von den 3.000 Kindern, die nun in die 5. Klasse gehen, besuchen 36 Prozent das Gymnasium, 27 Prozent die Gesamtschule, 24 Prozent die Realschule, aber nur 13 Prozent die Hauptschule. Die Quote der Hauptschüler entspricht dabei dem Landesmittel von NRW. Die der Gesamtschule ist in Wuppertal allerdings knapp 10 Prozent höher. Im Vergleich zu anderen Kommunen also ist Wuppertal auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule schon weit vorangeschritten. Wahrscheinlich wird das Bergische Land von der neuen Schulministerin auch mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht werden. Sylvia Löhrmann kommt schließlich aus Solingen. Und anders als ihre Vorgängerin – Barbara Sommer war früher einmal Grundschulrektorin – kennt die neue Ministerin das eingliedrige Schulsystem in der Sekundarstufe. Über zehn Jahre unterrichtete sie an der Städtischen Gesamtschule Solingen. Wahrscheinlich hat sie die vielen Bevormundungen der Schulverwaltung noch in guter Erinnerung, wenn sie nun in Interviews davon spricht, den Kommunen und den Schulen mehr Freiheiten gewähren zu wollen. Eine neue, große, alles Bisherige in Frage stellende Schulreform wird es in der laufenden Legislaturperiode nicht geben. Und das ist auch gut so. Denn eine Schule ist nicht automatisch dann gut, wenn sie in einem guten Schulsystem eingebettet ist, sondern erst dann, wenn gute und motivierte Lehrerinnen und Lehrer unterrichten? Zuhören statt anordnen ist für eine Ministerin also kein schlechter Vorsatz. Ein anderer Faktor ist natürlich auch entscheidend: Geld. Jede Landesregierung hat vor Wahlen versprochen, mehr Lehrer auszubilden und einzustellen. Nach der Wahl wurden oft nur die Zahlen geschönt. Eine Umverteilung von Mitteln aus anderen Ressorts hat bislang niemand gewagt. Dabei klingt die Vision doch so verlockend: Was wäre, wenn wir uns für alle unsere Kinder das Gymnasium leisten könnten – fördern und fordern also in allen Jahrgängen für alle.
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