Vor dem geöffneten Fenster des Schulkiosks an der Wuppertaler Hauptschule Elberfeld-Mitte versammeln sich in den Pausen bis zu 50 Schüler. Lautstark werden Bestellungen aufgegeben. Der Schulkiosk hat sich zu einem regelrechten Magneten entwickelt, denn die belegten Brötchen, Sandwiches und Getränke sind günstig, und die MitarbeiterInnen arbeiten freundlich und schnell. „Verkaufen macht Spaß“, meint Dilek Tani aus der 6. Klasse. Auch Siebtklässlerin Sonia Rhouzali kann sich vorstellen, später einmal im Verkauf zu arbeiten – zum Beispiel in einer Bäckerei. Der Schulkiosk ist eine Schülerfirma. Wer hier arbeiten möchte, muss sich schriftlich bewerben und erhält nach erfolgreichem Vorstellungsgespräch einen Einstellungsvertrag – wie in einem realen Betrieb. Fast 30 MitarbeiterInnen arbeiten mittlerweile für das Projekt, das im letzten Jahr mit dem Wuppertaler Schulpreis ausgezeichnet wurde, und sammeln erste Erfahrungen in der Berufswelt.
ELTERN WÜNSCHEN SICH FÜR IHRE KINDER EINEN MÖGLICHST HOHEN ABSCHLUSS
„Die Zielsetzung von Hauptschule ist es, die Schüler in eine Ausbildung zu bringen“, erklärt Schulleiterin Dorothea Thoböll. Über 30 Lehrkräfte und SozialpädagogInnen engagieren sich für die 280 SchülerInnen. Mehrwöchige Praktika und Langzeitpraktika, Bewerbertrainings in Zusammenarbeit mit Firmen und das Schreiben von Lebensläufen und Bewerbungen stehen auf dem Stundenplan. Die Schule ist beteiligt am „Wuppertaler Hauptschulmodell“, dessen Ziel es ist, durch den Aufbau eines Netzwerkes zwischen Wirtschaftsbetrieben und den Hauptschulen bessere Möglichkeiten zur beruflichen Orientierung und Kontakte zur Arbeitswelt zu schaffen. „Der einfachste Zugang in einen Beruf ist für die Schüler das Praktikum“, weiß Thoböll aus Erfahrung. Doch ein Ausbildungsplatz bleibt Hauptschülern oft verwehrt. Die Ansprüche der Ausbildungsbetriebe sind hoch, zudem haftet an Hauptschülern ein negatives Image. Berührungsängste auf Seiten der Betriebe gibt es zu Unrecht, wie Thoböll findet: „Da sind tolle Schüler dabei. Wir verschenken Kapital.“ Ungeachtet ihrer engagierten und auf die oftmals schwierigen Lernvoraussetzungen der Schüler zugeschnittenen Angebote lässt die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz die Hauptschulen zu einem Auslaufmodell werden. „Eltern wünschen sich für ihre Kinder einen möglichst hohen Abschluss“, berichtet Thoböll. Daher sind die Anmeldezahlen rückläufig, während die Nachfrage nach Gesamtschulplätzen steigt. Allein in Wuppertal ist bis 2014 die Schließung zweier Hauptschulen geplant. Bleibt zu hoffen, dass bei zukünftigen Veränderungen im Schulsystem nicht diejenigen auf der Strecke bleiben, die am meisten der Unterstützung und verbesserter Bildungschancen bedürfen. Denn Schülerinnen wie Dilek oder Sonia sollten auch weiterhin davon träumen können, in Zukunft nicht nur kleine Brötchen backen zu dürfen.
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