Hinter den rund 350 Anfragen, die im vergangenen Jahr bei der Suchtberatung der Caritas Wuppertal/Solingen eingegangen sind, stecken immer wieder Menschen, die von PC- oder Onlinesucht betroffen sind. Laut Christiane Krause, Sozialpädagogin in der Suchtberatung, haben sich 2016 sechs Angehörige und fünf persönlich betroffene Menschen gemeldet. Die Beratung der Caritas hilft Menschen über 18 Jahren, bei den Angehörigen sind also auch Eltern von mutmaßlich PC-süchtigen Kindern vorstellig geworden.
Dabei sei es schwierig, von Online- oder PC-Sucht zu sprechen, weil es noch keine einheitliche Diagnose gebe. Zu neu ist diese Form der Sucht. „In der Regel spricht man von Medienabhängigkeit. Die Betroffenen kompensieren etwas, das ihnen im Alltag fehlt, zum Beispiel Erfolgserlebnisse oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe“, sagt Christiane Krause. Oft seien sie Außenseiter, die sich zum Beispiel in Online-Rollenspielen Selbstbewusstsein holten und soziale Kontakte bekämen – bis das Spielen durch entsprechende Belohnungen wichtiger als das reale Leben werde. „In der Anonymität des Internets kann man in eine andere Rolle schlüpfen und sich durch gutes Spielen schnell Anerkennung holen“, sagt die Suchtberaterin. Dann sei es wichtig, den Betroffenen zu zeigen, dass sie auch im „echten Leben“ Bestätigung bekommen können. „Oft haben diese Menschen tolle Fähigkeiten. Wer gut in manchen Spielen ist, ist oft teamfähig, hat eine gute Auffassungsgabe oder kann schnell und strategisch denken“, sagt Christiane Krause.
Eine Sucht ist erkennbar, wenn der Leidensdruck steigt: Weil immer mehr Zeit vor dem Bildschirm verbracht wird, bleiben andere Dinge liegen. Rechnungen werden nicht bezahlt, Termine nicht wahrgenommen, soziale Kontakte schrumpfen auf ein Mindestmaß. Irgendwann leiden Körperhygiene und Nahrungsaufnahme. Kopf- oder Rückenschmerzen oder Sehnenscheidenentzündungen von der Computermaus gehen häufig einher. „Solche Probleme werden von den Betroffenen oft gar nicht als so schlimm erachtet“, sagt Christiane Krause. Weil das Internet nicht abgeschaltet werden könne, weil es im Therapieverlauf wichtige Funktionen einnehmen kann – zum Beispiel bei Bewerbungen – verfährt die Caritas nach einem Ampelmodell. Problematische Faktoren sollten „rot markiert“ und aufgehört werden, „grüne“ könnten weiterlaufen. Ein Entzug mache keinen Sinn.
Im Zuge der Beratung vermittelt die Caritas in Therapien. Verschiedene Kliniken bieten an, PC-Süchtigen zu helfen. Betroffene oder Angehörige können sich in der offenen Sprechstundedonnerstags von 17 bis 18 Uhr beider Caritas melden, gerne aber auch einen Termin mit der Suchtberatung unter der Telefonnummer 0202 389 03 40 10 ausmachen. Am 8. März richtet die Caritas einen Fachtag zum Thema „Gelingendes Leben in der Mediengesellschaft“ aus. Die Veranstaltung geht von 9.30 bis 17 Uhr im Katholischen Stadthaus, Laurentiusstraße 7.
Lesen Sie weitere Artikel
zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und choices.de/thema
Aktiv im Thema
www.caritas.erzbistum-koeln.de/wuppertal-solingen | Die Suchtberatung des Caritasverbands Wuppertal/Solingen informiert und berät Betroffene und deren Angehörige zu Suchtkrankheiten
www.bundesgesundheitsministerium.de | Hinweise des Bundesgesundheitsministeriums für Gesundheit zum Thema Sucht
www.sucht.de | Der Fachverband Sucht e.V. ist ein bundesweit tätiger Verband von Einrichtungen, die sich der Behandlung, Versorgung und Beratung von Suchtkranken widmen
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