Im Foyer des altehrwürdigen Rex-Theaters stehen hinter der weinroten Absperrkordel zwei Zementkübel, eine Schubkarre und eine Rührmaschine. Ein paar Meter weiter sitzen Andreas Köhler und Wolf Birgden in ihrem „Baustellencafe“. Um die Öffentlichkeit über den Stand ihrer Umbaumaßnahmen zu informieren, entschlossen sich die beiden neuen Betreiber des Traditionshauses, zumindest den Vorraum der Allgemeinheit zugänglich zu machen und notfalls Rede und Antwort stehen zu können. Nun, bei Kaffee und Brühwürstchen, versuchen sie, ihre Pläne ins rechte Licht zu rücken. „Nein, wir wollen keine Disco hier eröffnen“, muss Andreas Köhler mantraartig immer wieder beteuern. Der Betreiber des Tanzlokals und Raucherclubs „Charisma“ wehrt sich gegen die Gerüchte, die in der Stadt kursieren. Sein Kompagnon und er setzen eher auf Kontinuität. Wer allerdings die Videos sieht, die Köhler auf dem Internetportal YouTube zeigen, kann vielleicht doch daran zweifeln, dass das Rex so bleibt, wie es war. „Komm, hol das Lasso raus, wir spielen Cowboy und Indianer“, sang der bekennende Schlagerfan beim Festival „Barmen live“ 2009. Auch ist den beiden Mietern des Rex noch nicht viel über die neue Programmstruktur zu entlocken. Wenn es um Sprinkleranlagen und Brandschutztüren geht, können Birgden und Köhler differenzierter Auskunft geben. Das mag man den beiden auch nicht verübeln, schließlich sind sie von Haus aus Handwerker.
Bekannte Gruppen machten hier ihre ersten Gehversuche und blieben dem Rex treu
Von Haus aus Kulturveranstalterin hingegen ist die ehemalige Leiterin des Rex Martina Steimer. Ihre Lebensgeschichte ist in vielen Teilen deckungsgleich mit der Entwicklung der alternativen Kulturszene von Wuppertal. Als vor über 35 Jahren die Börse ihre Pforten öffnete, gab es neben dem Club Voltaire in Tübingen kein vergleichbares Objekt. Martina Steimer machte in der Börse ihre ersten beruflichen Erfahrungen. Das Zentrum war viele Jahre einzige Adresse für die aufkommende Kleinkunst, aber auch für Jazz und heimische Kulturschaffende. Als ihr in den 1980er Jahren die Börse zu punkig wurde, zog Martina Steimer mit Freunden im Dachgeschoss einer anthroposophischen Behinderteneinrichtung ihren eigenen Laden auf. Alles musste selbst gebaut und gezimmert werden. Es gab anfangs nur eine Toilette. Wenn Konzerte stattfanden, hielten die Drucker ein Stockwerk darunter ihre Maschinen an. Der Laden platzte mit zunehmendem Erfolg aus allen Nähten. Lange suchte man nach neuen Räumen. Etwas ärgerlich klingt ihre Stimme schon, wenn Martina Steimer über jene Zeit berichtet. Die damalige Kulturverwaltung überließ anderen eine ihr bereits fest zugesagte Immobilie. Doch Glück im Unglück, durch den Ringtausch verschiedener Veranstaltungsräume erhielt schließlich Martina Steimer die Möglichkeit, im gerade geschlossenen Kino Rex ihre Bühne zu etablieren. Das Gebäude war 1998 in einem schrecklichen Zustand, erinnert sich die Kulturmanagerin. Die Drogenszene der Stadt hatte die Räume für ihre Zwecke genutzt. Überall lagen Spritzen herum. Es gab nur einen Wasseranschluss, und die Elektrik war nur rudimentär vorhanden. Mit vielen Freunden und Weggefährten etablierte sie in den folgenden Jahren die bedeutendste freie Bühne im Tal. Inzwischen überaus bekannte Gruppen wie das Vollplaybacktheater und das TalTonTheater machten hier ihre ersten Gehversuche und blieben dem Rex treu. Doch die Substanz des Gebäudes ließ einen Weiterbetrieb ohne sichere öffentliche Mittel oder ohne das hohe Risiko des Bankrotts nicht zu.
Die Geschichte vom Phönix, der sich aus seiner eigenen Asche erhebt, trifft auch auf die agile Veranstalterin zu
Martina Steimer entschloss sich, das Rex zu schließen. Doch die Geschichte vom Phönix, der sich aus seiner eigenen Asche erhebt, scheint auch auf die agile Veranstalterin zuzutreffen. In diesem Monat öffnet der Barmer Bahnhof unter der Ägide von Martina Steimer. Das bereits veröffentliche Programm erinnert stark an das des alten Rex-Theaters, angereichert mit weiteren hochkarätigen Leckerbissen. Die Finanzierung des Projektes, so berichten Insider, ist durch den Besitzer des Gebäudes, den international bekannten Opernsänger Kurt Rydl und seine Ehefrau Christiane, gesichert. Die Tagespresse scherzte bereits, dass im Bahnhof Barmen nun also zwei Diven residieren, Martina Steimer und Kurt Rydl. Der Freien Kulturszene ist ein repräsentativer Standort durchaus zu gönnen. Wenn zudem der Liveclub Barmen bald in neuem Glanz erstrahlt und durch eine neue Finanz- und Kulturpolitik des Landes der Erhalt des Schauspielhauses auf einmal vielleicht doch wieder möglich erscheint, kann das kulturelle Leben in der Stadt eine Renaissance erfahren. Aber was bleibt dem Rex mit seinen neuen Besitzern? Vielleicht sollten Andreas Köhler und Wolf Birgden aus ihren Herzen keine Mördergrube machen und ihrem eigenen Geschmack vertrauen. Einen Veranstaltungssaal für die etwas leichtere Muse kann Wuppertal durchaus gebrauchen. Es muss ja nicht unbedingt eine Disco sein.
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