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Steffen Grimberg ist ein anerkannter Medienkritiker
Foto: privat

„Digitale Strategien ins Analoge überführen“

09. April 2019

Medienkritiker Steffen Grimberg über die Zukunft des (Print-)Journalismus – Nachgefragt 04/19

Er schreibt über den „Stellenwert des Journalismus“, über die Mediengruppe DuMont als „Verlag im letzten Akt“ und über die Funke Mediengruppe, die u.a. die WAZ und NRZ herausgibt unter dem Titel: „Wie sie den Journalismus abschaffen“. Im Interview sprach Joachim Grimberg über die Fehler, die die großen Verlage im Zeitalter der Digitalisierung (bisher) gemacht haben – und über (mögliche) Auswege aus der Krise.

engels: Herr Grimberg, die gute alte Zeitung, was ist nur aus ihr geworden? Die Auflagen purzeln ins Bodenlose, doch was haben die großen Medienhäuser bloß falsch gemacht?
Steffen Grimberg: Ein Vorwurf, den man den Verlegern sicher machen kann, ist, dass sie nicht begriffen haben, dass vor allem das klassische Anzeigengeschäft (Mietgesuche, Mietangebote, Gebrauchtwagen und Jobs) ohne große Not abgewandert ist, weil sie nicht früh genug gehandelt haben. Die Verlage haben dieses für sie altbekannte Geschäft nicht rechtzeitig in entsprechende eigene Onlineplattformen überführt, sondern den Markt anderen überlassen. Sie haben – was noch schlimmer ist – dabei zugesehen, wie das Geschäft abwandert. Außerdem haben sie durch das Verschenken ihrer journalistischen Inhalte, teilweise bis heute, zu einem großen Teil dazu beigetragen, dass die gedruckte Zeitung im wahrsten Sinne des Wortes entwertet wurde. Dazu kommen auf der Seite die völlig veränderten Medien-Nutzungsgewohnheiten der Menschen im Zeitalter der Digitalisierung. Man schaut heute aufs Smartphone und nicht mehr in die Lokalzeitung, so wie früher. besonders schlimm ist auch, dass die Verlage junge Leserinnen und Leser stiefmütterlich vernachlässigt haben. Sie sind den Zeitungen schon viel früher, Ende der 1970er und 1980er Jahre, flöten gegangen; da gab es das World-Wide-Web noch gar nicht. Doch gestört hat es die Verlage nicht. Sie haben einfach weitergemacht, so wie immer. Diese Faktoren haben alle dazu beigetragen, dass der gedruckten Zeitung in den vergangenen zwanzig Jahren keine allzu glorreiche Entwicklung beschieden war.

Steffen Grimberg
Foto: privat
Zur Person:
Steffen Grimberg
hat in seinem journalistischen Leben bereits mehrfach Halt gemacht: als langjähriger Medienjournalist der taz und von Zapp, als Sprecher der ARD, beim MDR-Medienportal Medien360G und DWDL.de. Heute arbeitet Grimberg als freier Medienjournalist – und hält der Branche gerne den Spiegel vor.
Steffen Grimberg ist ein anerkannter Medienkritiker.

Das geht jetzt aber nicht mehr. Immer mehr Zeitungshäuser stecken in der Krise. Bei DuMont in Köln wird gar ein Komplettverkauf der Zeitungssparte diskutiert, während man sich bei Funke in Essen „nur“ von einem großen Teil der Belegschaft trennt.
Ich glaube die Verlage müssen sich zuerst einmal damit abfinden, dass die alten Zeiten für sie vorbei sind – und dass sie nicht mehr, so wie früher, zwei Drittel ihrer Einnahmen aus dem Anzeigenmarkt generieren können. Um am Markt weiter bestehen zu können, müssen die Zeitungen digitale Strategien ins Analoge überführen. Sie müssen mit einer ganz gezielten Ansprache ihrer Leserinnen und Leser eine Community aufbauen. Diese lässt sich auch in den digitalen Markt mitnehmen, sodass Verlage dort für ein digitales Angebot kassieren können. Communitys tolerieren sogenannte Paywalls oder zahlen gar freiwillig Geld für Inhalte, die sie nutzen. Das ist aber nur ein Weg, wie die Verlage die Probleme der Zeit angehen können. In anderen Ländern sind sie bereits dazu übergegangen, statt sechsmal in der Woche nur noch zwei- oder dreimal zu erscheinen – doch mit einer magazinigeren, viel moderneren Optik und mit reichlich Hintergrundinformationen. So fällt das Druckwerk opulenter aus. Das Aktuelle kann parallel digital, sprich online, an die Leserinnen und Leser verabreicht werden. Doch derartige Entwicklungen nehme ich bei den deutschen Regionalzeitungen leider noch nicht wahr, vor allem nicht im Ruhrgebiet. Man könnte fast die kühne These äußern, da wird gerade eine Entwicklung zum zweiten Mal verschlafen.

Aktuell wird wieder einmal diskutiert, Journalismus im Sinne der Abgabenordnung als gemeinnütziges Gut zu bewerten. Wie bewerten Sie diese Entwicklung für den Medienmarkt?
Journalismus als gemeinnützig anzuerkennen, das ist eine Veränderung, die unabdingbar ist. Wenn ein liberaler Markt wie der in den USA so etwas bereits angestrengt hat und uns damit um einige Jahre voraus ist, sollte man sich das sehr genau anschauen. Denn von den positiven Erfahrungen, die die Amerikaner in den vergangenen Jahren gemacht haben, können wir lernen. Für redaktionelle Inhalte im Lokalen und Regionalen könnte die Änderung der Abgabenordnung in diese Richtung ein neuer Motor sein, der Journalismus hier weiterhin bestehen und seine gesellschaftliche Rolle einnehmen lässt.

Interview: Pascal Hesse

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