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Helge Lindh wurde ausgeraubt – digital, doch mit erheblichen Folgen
Foto: Christoph Busse

Digital ausgespäht und ausgeraubt

27. Februar 2019

Nach dem großen Datenhack: die Ohnmacht des Helge Lindh – Nachgefragt 03/19

Opfer eines Einbruchs zu werden: das ist schlimm! Der oder die Täter erlangen tiefe Einblicke ins Privatleben, durchwühlen Wäsche, Schränke und Schubladen. Der Schock sitzt für Betroffene tief; sich davon zu erholen dauert. Und es bleibt die Sorge, in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher zu sein. Helge Lindh, Sozialdemokrat aus Wuppertal und Mitglied des Deutschen Bundestags, kennt das beklemmende Gefühl, die Ohnmacht, die mit einer solchen Tat verbunden ist. Bei ihm wurde eingebrochen – nicht zuhause oder im Büro, sondern digital: persönliche, vertrauliche und geheime Daten wurden massenweise entwendet. Insgesamt sind es 913 Megabyte, 1.666 Objekte, die Hacker öffentlich ins Netz gestellt haben: private wie berufliche Fotos, persönliche Briefe, Chats und Nachrichten, sein Adressbuch, eine Kopie seines Reisepasses, Protokolle, Tabellen, alles das, was ein Abgeordneter digital nutzt, speichert und versendet.

Zum Jahreswechsel wurde der Leak bekannt, als Hacker die Daten via Twitter verbreiteten. Mehrere tausend Mal wurden sie heruntergeladen – und jene von hunderten weiteren Politikern, Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens. Selbst die private Handynummer von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fand sich frei verfügbar im Netz. Wie gehen Politiker damit um, wenn sie digital ausgeraubt wurden? Können sie zur Tagesordnung zurückkehren? Und muss der Staat mehr tun, um seine Bürger vor digitalen Überfällen zu schützen? Mit etwas Abstand zur Tat: nachgefragt bei Helge Lindh, der im März 2018 schon einmal Opfer eines Hacks wurde.

Pascal Hesse
Foto: Stefanie Lawrenz
​Pascal Hesse, investigativer Journalist für trailer, engels, choices, FOCUS und [recherche|kollektiv].
Er ist im Vorstand DJV NRW.

'Nachgefragt: Der Weg des Geldes' ist seine Kolumne

„Es fühlt sich an wie ein Hauseinbruch: man ist nicht mehr Herr seiner eigenen Daten und muss mit den Folgeerscheinungen leben. So wurden infolge des Hacks im meinem Namen rassistische Posts abgesetzt und meine Kontodaten geleakt. Ich fühle mich ungeschützt, habe mir aber einen Schutzpanzer zugelegt“, so der Abgeordnete. Sonst, da sei er sich sicher, könne er nicht frei handeln. „Einmal im Netz, sind die Daten nicht zurückholbar. Es bringt nichts, nun paranoid und panisch zu werden und sich davon leiten zu lassen.“ Geflüchtete, die er betreut hat und dessen Daten illegal erbeutet wurden, stünden nun ebenso im Fokus wie seine Familie: jemand, der sich als Journalist ausgab rief sie an und fragte sie aus. „Das ist heftig und ein Fall für den Staatsschutz!“ Doxing,internetbasiertes Zusammentragen und veröffentlichen personenbezogener Daten mit bösartigen Absichten – diesen Begriff hatLindh in seinen Wortschatz aufgenommen.

Das Internet sei kein rechtsfreier Raum. Selbst Sicherheitsmaßnahmen umzusetzen, sei wichtig, so Lindh. Doch auch der Staat müsse handeln: an Schulen etwa, wo Kinder Opfer von Doxing werden – nicht selten mit der Gefahr des Suizids. Behörden müssen Daten besser austauschen und mehr über digitale Risiken aufklären. Anbieter digitaler Dienste gilt es zur Mehrfaktorauthentifizierung zu verpflichten. Und sie müssen schneller reagieren, wenn Opfer sich bei ihnen melden. Dass Hacker – wie im Fall von Lindh – wochenlang mit seinen Accounts Unfug treiben können, ist kein Zustand. „Die Regeln des Opferschutzes, die in der analogen Welt normal sind, müssen Anwendung in der digitalen Welt finden“, betont Lindh zurecht. Denn das Internet kann kein rechtsfreier Raum sein. Leider sind wir hier alle viel zu naiv.


Rückblick: Nachgehakt – das Pippilotta-Prinzip

Bei der Kommunalwahl kandidierten Bettina Lünsmann und Ralf Wegener für die „Alternative für Deutschland“ (AfD) und holten Mandate, bevor sie austraten. Aus der „AfD in Wuppertal“ wurde die „Allianz für Wuppertal“, jedenfalls im Stadtrat. Heute bilden sie mit Heribert Stenzel eine Fraktion – und stellen Anträge mit SPD, CDU, Grünen, Linken und FDP. Aktuell lautet die Resolution: Städtepartnerschaft mit Matagalpa (Nicaragua) stärken. Ob das dem gemeinen AfD-Wähler, der Lünsmann und Wegener in den Stadtrat gehievt hat, wohl passt? Es ist leicht, sein politisches Fähnchen in den Wind zu hängen. Ehrlich ist, Mandate zurückzugeben, wenn man nicht mehr für das steht, was man vor der Wahl versprochen hat – egal, ob man aus der SPD, der CDU oder der AfD austritt. Alles andere fördert Politik(er)verdrossenheit.

Pascal Hesse

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