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Harriet Jones als Clara Johnson und Merlin Wagner als Fabrizio Naccarelli tanzen sich frei
Foto: Björn Hickmann

Eine Schwäche für die Liebe

10. März 2026

Premiere des Musicals „Das Licht auf der Piazza“ von Adam Guettel im Opernhaus – Bühne 03/26

Die Thematik ist wohl zeitlos: Es gibt Mütter, die wie eine Glucke auf ihren Töchtern sitzen und sie andauernd behüten und beschützen wollen. Sie haben große Schwierigkeiten loszulassen, wenn die Sprösslinge das Nest verlassen wollen. Umso mehr wird der Nachwuchs fest umklammert, wenn sie geistig oder körperlich eingeschränkt sind. Darum geht es in der 1960 erschienenen Novelle „The Light in the Piazza“ (Das Licht auf der Piazza) von Elizabeth Spencer. Adam Guettel, Sohn des legendären US-amerikanischen Komponisten Richard Rodgers, machte daraus ein gleichnamiges Musical, das nach der Uraufführung anno 2003 zwei Jahre später zum Broadway kam, dort rund 500 mal gespielt wurde und sechs Tony Awards erhielt. In dieser Geschichte macht die 26jährige Clara Johnson, die sich mit zwölf Jahren durch einen Pferdetritt ein Schädelhirntraume zuzog und seitdem geistig auf diesem Stand des Alters geblieben ist, mit ihrer Mutter Margaret 1953 auf einer Italienreise in Florenz Station und verliebt sich in Fabrizio Naccarelli. Die Mutter versucht, die sich anbahnende Beziehung zu verhindern. Fabrizios Familie ist anfangs für eine Heirat der beiden, dann aber dagegen, als sie Claras Schwäche mitbekommt. Doch letztlich ist alles gut: Margaret und Signor Naccarelli, Fabrizios Vater, lassen endlich los. Schlussendlich liegt sich das Liebespaar in den Armen. In Koproduktion mit dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, dort am 2. November letzten Jahres zuerst auf die Bühne gehoben, ist dieses Werk in der deutschen Fassung von Roman Hinze nun im Wuppertaler Opernhaus zu erleben.

Quirliges Wechselspiel 

Carsten Kirchmeier hat das Stück als nuanciertes Kammerspiel inszeniert. Der Fokus ist ganz auf die geschickt wie sensibel geführten Hauptpersonen gerichtet, wobei zudem Mitglieder der Statisterie der Wuppertaler Bühnen etwa als Passanten oder Händler auf der Piazza daherkommen. Erstklassig werden die Charaktere dargestellt. Die Schwäche der verliebten Clara mit ihren Gefühlsschwankungen von himmelhochjauchzend bis hin zu einer Panikattacke und einem Wutausbruch ist nur gelegentlich merkbar, um sie wohl als trotzdem normale Person auf Augenhöhe gleichberechtigte Person ins Licht zu setzen. Genau so geht auch Fabrizio mit ihr um. Margarete ist eine besorgt-beschützende wie dominante Mutter, wie sie im Buche steht. Und Fabrizios Angehörige sind mit Leib und Seele eine quirlige italienische Familie. Auf der von Juli Schnittger geschaffenen Bühne wechseln schnell die Orte in der italienischen Stadt: eine Piazza, die Uffizien, Laden und Wohnzimmer der Familie oder ein Hotelzimmer von Mutter und Tochter. Und die schicken Kostüme von Hedi Mohr spiegeln ganz den Zeitgeist der 1950er Jahre wider.

Ausdruckstarker Gesang

Auch bieten die durch Mikroports erstklassig verstärkten Darsteller niveauvolle, dem Musical-Genre entsprechende, Gesänge. Harriet Jones schlüpft mit ihrem glasklaren und beweglichen Sopran authentisch in die Rolle von Clara. Merlin Wagners jugendlich-sicherer Tenor passt zum impulsiv-liebenden Fabrizio. Dank ihres beweglichen Mezzosoprans gestaltet  Stefanie Smailes glaubwürdig Margaret, die zwischen Bemutterung und Loslassen hin- und hergerissen ist. Oliver Weidingers variabler Bassbariton füllt den elegant-charmanten Signor Naccarelli mit Leben. Auch die kleineren Partien - Giuseppe (Agostino Subacchi), Franca (Elena Sverdiolaitè) und Signora Naccarelli (Banu Schult) – kommen ausdrucksstark über die Bühne. Die Nebenrollen - Oliver Picker als Claras Vater Roy und Marco Agostini als Priester – überzeugen ebenfalls.

Reich an Klangfarben 

Dazu spielt das Sinfonieorchester Wuppertal unter dem versierten, umsichtigen und mitatmenden Dirigat von Yorgos Ziavaras, Erster Kapellmeister der Wuppertaler Bühnen, ausgewogen wie klangfarbenreich auf. Nuanciert bringen die kleine Streicherbsetzung, Holzbläser, Harfe, Mandoline, Gitarre, Klavier und Schlagwerk die vielschichtige, eingängige Musik mit ihrem filmischen Flair, ihren Anlehnungen an die neoromantische Klassik und Oper wie kunstfertigen harmonischen Wendungen und gefühlvollen Melodien zu Gehör.

Das Premierenpublikum zeigt sich begeistert, applaudiert nach jedem Song und spendet schließlich lang anhaltende Standing Ovations.

Das Licht auf der Piazza | 14.3, 12.4., 9.,15.5., 5., 18.7. | Opernhaus Wuppertal | 0202 563 7666

Hartmut Sassenhausen

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