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Let´s play master and servant. Die beiden Zofen Claire (Lena Vogt) und Solange (Philippine Pachl)
Foto: Uwe Schinkel

Monotones Leid bis in den Untergang

30. November 2017

Jakob Fedler inszeniert Genets „Die Zofen“ – Auftritt 12/17

Eigentlich haben nur Marionettenfäden gefehlt, dann wäre ein perfekter Abend möglich gewesen: In Wuppertal inszeniert Jakob Fedler Jean Genets „Die Zofen" im kleinen Theater am Engelsgarten. Dabei lässt das Drama wie immer nur zwei Ebenen zu: die da oben und wir – äh – die da unten – in den Wolken der Begehrlichkeiten schwebt man fast im Himmel, die schlecht bezahlten helfenden Hände befinden sich dafür permanent auf der sichtbaren schiefen Bahn. Und genauso sieht auch die Bühne von Dorien Thomsen aus. Ein imaginärer Nichtraum, quasi die unbeschriebene Matrix mit einer Wolke aus Kleidern, Requisiten wurde einfach noch nicht generiert, aber die Sucht nach oben, in die vermeintliche Melange aus Luxus und Macht, diese Sucht ist das Betriebsprogramm auf der Platine der zwei scheinbar harmlosen Monster, die ihren stillen Tanz ums goldene Kalb und den damit auch verbundenen Weg in die Freiheit nicht einmal selbst choreografieren. Doch das lähmende Jetzt wird die Bühne nie verlassen. Die Monotonie verstärkt Gunda Gottschalk mit einer leise, aber dauerhaft singenden Glas-Perkussion die, anfangs neu und melodiös, aber immer fordernder quälend wird.

Am Anfang im Nichts stehen die beiden Zofen Claire (Lena Vogt) und Solange (Philippine Pachl) regungslos an jeweils einer Seite der Bühne. Noch sprachlos, nur mit Gesten halten sie sich auf Distanz, bis eine scheinbar gewürgt die lautlose Szenerie durchbricht. Noch bleibt die Starre. Doch sobald eine sich in Bewegung setzt, folgt Reaktion auf Reaktion, spielen sie den einzigen Weg durch, den sie kennen: Mit Gewalt ausbrechen aus dem Gefängnis ihres Lebens und ihrer Gedanken. Anfangs versuchen sie noch, die göttliche Wolke zu erreichen, doch mechanisch geht das nicht: Vergeblich rammen sie gegen die steile Wand. Genets Reigen beginnt im Seriellen zwischen Erniedrigung und Lust, zwischen Verzweiflung und Gier nach Freiheit. Ihre Kostüme sind dabei eine farblose Mischung aus Zeitlosigkeit und Rückenorthese, bei Madame (Julia Reznik mit knallroten Haaren) geht es da bunter und etwas retro-barocker zu. Obwohl, viel sehen kann der Zuschauer davon nur etwas, wenn Madame aus dem Himmel zu fallen droht, und das ist eher selten der Fall, denn sie hat auch nur wenig Raum in ihrer Welt.

Jakob Fedler
Foto: privat
Zur Person:
Jakob Fedler, geboren 1978 in Köln, aufgewachsen in Wuppertal, studierte Theaterregie an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich. Er arbeitet als freier Regisseur u.a. in Wuppertal und war 2009 nominiert als Nachwuchsregisseur des Jahres. An der Folkwang Universität der Künste lehrt er Schauspielregie.


Fedler benutzt die Dialoge Genets, um daraus ein Spiegelbild der Befindlichkeit der zwei Möchtegern-Damen zu machen, er verzichtet dafür auf den immanenten pseudorevolutionären Geist, der in diesem Stück herumgeistert, er verzichtet aber auch auf die melodramatischen Akte des Widerstands gegen die Obrigkeit. Madame ist zwar vorhanden, aber irgendwie nicht mehr im Zielfernrohr zu sehen, die Spannung um den vergifteten Tee ist zwischen den Kleiderwolken aufgelöst, der Dialogschauer darüber allerdings auch. Die Kommunikation zwischen Madame und ihren Zofen scheint gestört. Sie redet, wie man es so macht, eine gekünstelte Mischung aus Französisch und vorsätzlich akzentgestörtem Deutsch, die beiden handeln und reagieren nach Jahren des Dienstes eingeübt.

Philippine Pachl und Lena Vogt agieren, als seien sie wie Wladimir und Estragon im Nichts gefangen. Das macht die Szenerie außergewöhnlich, die Figuren prägnanter. Die Regie hat schon zu Beginn auf das Spiel im Spiel um Mord und Aufstieg verzichtet, er verzichtet auch fast gänzlich auf die Option des möglichen Reichtums, von Kleidung als sinnstiftender Hülle. Claire und Solange wollen in Wuppertal nur eins: heraus aus dem (Bühnen-)Gefängnis und weg mit der angeketteten Soziologie ihrer Zwangs-Zweierbeziehung. Doch ihre einzige Option bleibt das Spiel, die manifestierte Fantasielandschaft, in der sich etwas ändert. „Wir können uns nicht lieben.“ Dieser Satz schwebt unsichtbar über allen Fluchten und doch sind sie bemüht, für die jeweils andere einen Ausweg zu finden. Fedler hat zwar das giftige Getränk auf der Bühne, doch ob die Flüssigkeit tatsächlich zum Tode führt oder doch in eine noch schrecklichere Realität – das lässt er geschickt offen.

„Die Zofen“ | R: Jakob Fedler | So 3.12. 18 Uhr, Sa 9.12., Mi 17.1. 19.30 Uhr | Theater am Engelsgarten | www.schauspiel-wuppertal.de

PETER ORTMANN

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