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Beate Eickhoff
Foto (Ausschnitt): Antje Zeis-Loi

„Abstrakte Kunst ist keine Reproduktion der Wirklichkeit“

22. Dezember 2023

Kuratorin Beate Eickhoff über „Nicht viel zu sehen“ im VdH-Museum – Interview 01/24

engels: Frau Eickhoff, ihre neue Ausstellung zeigt abstrakte und ungegenständliche Kunst. Wo liegt da der Unterschied?

Beate Eickhoff: Abstrakte Kunst ist immer die Loslösung von etwas, vom Gegenstand. Also keine Reproduktion der Wirklichkeit, sie steht aber noch mit ihr in Verbindung. Gegenstandslose Kunst kann aber auch wie etwa die konkrete Kunst völlig ohne den Bezug zur Wirklichkeit auskommen, also etwas ganz Eigenes schaffen.

Wenn sich alle Motive in der Kunst auflösen, was bleibt denn da noch?

Nicht viel zu sehen! – So heißt zwar die Ausstellung. Aber: Farbe, Linie, Leinwand bleiben definitiv die malerischen und gestalterischen Mittel, mit denen ungeheuer viel experimentiert wurde und wird und Neues geschaffen wird.

Was ist denn in der Ausstellung überhaupt zu sehen?

In der Ausstellung sind Werke aus der Sammlung des Von der Heydt-Museums zu sehen. Das ist ja unser Ansinnen: Eine Bestandsaufnahme, zeigen, was wir noch alles haben. Die Ausstellung heißt „Nicht viel zu sehen“, aber im Untertitel „Wege der Abstraktion 1920 bis heute“, das heißt sie beginnt mit der Zeit Wassily Kandinskys und Paul Klees, mit deren frühen nicht-gegenständlichen, abstrahierenden Werken. Weiter geht es dann über Surrealismus und Art Brut, wobei ich die geläufigen Stilbezeichnungen mit Zurückhaltung nenne. Denn historische Arbeiten werden in der Ausstellung mehrfach aktuellen Positionen der Kunst gegenübergestellt, weil es auch darum geht zu zeigen, dass kreative, schöpferische Impulse aus den 1920er, 30er Jahren durchaus in der heutigen Zeit ein Fortleben haben. Konkrete Kunst wird gezeigt, es wird aber auch einiges Figurative zu sehen sein, da ja die figurative Malerei durch die Lehren des Abstrahierens gegangen ist und sich auch mit Konkreter Kunst auseinandergesetzt hat. Man kann heute kaum mehr so realistisch malen wie es etwa noch vor dem 2. Weltkrieg der Fall war. In der Ausstellung gibt es zudem Arbeiten, auf denen auch Objekte zu sehen sind. Man kennt doch das Phänomen, vereinfacht gesagt: Wenn ich lange auf eine Tasse schaue, dann verschwindet die zweckgebundene Bedeutung dieses Objekts und man sieht nur noch Farbe, Form.

Gibt es in der Ausstellung Werke, die besondere Highlights darstellen?

Das ist sicherlich ein persönliches Empfinden. Eine Idee der Ausstellung war, unsere jüngsten Neuerwerbungen zu präsentieren. Darunter sind natürlich Werke, die uns aktuell besonders am Herzen liegen. Highlights wird es weiter insofern geben, als viele der zeitgenössischen Großformate zu sehen sein werden, die schon aus Platzgründen seltener ausgestellt sind. Zudem gibt es noch das ein oder andere frühe Werk aus dem Depot, das lange nicht gezeigt wurde und mancher wird sich freuen, sozusagen auf alte Bekannte zu treffen.

Viele Ideen in der abstrakten oder ungegenständlichen Kunst kann man nur einmal umsetzen. Ich denke an Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat oder Lucio Fontanas aufgeschlitzte Leinwand. Wenn man es einmal gesehen hat, braucht man es nicht noch einmal sehen. Oder?

Weder Malewitsch noch Fontana sind in der Ausstellung. Aber ich glaube Variationen sind notwendig. Malewitsch hat ja noch viele andere Bilder gemalt, Fontana hat mit seinen typischen Schlitzen Leinwände in verschiedenen Farben oder auch verschiedene Materialien bearbeitet. Da gibt es große Variationen, die den Blick für Feinheiten und für das, was der Künstler eigentlich bezweckte, schärfen.

Wie viel theoretischen Hintergrund braucht der Besucher?

Vorkenntnisse soll er gar nicht brauchen müssen. Es gibt diesen Gedanken, dass ein gegenstandsloses Bild ohne sprachlich ausformulierte Theorie nicht verstanden werden kann und folglich nichts wert ist, aber darüber sind wir hinaus. Die Betrachter und Betrachterinnen heute sind emanzipiert. Schauen ist wichtig, sich drüber hinwegsetzen über diesen Ausstellungstitel „Nicht viel zu sehen“, der ja von einem Bildtitel des Künstlers Jean Fautrier übernommen wurde. Die Ausstellung ist sehr umfangreich – und man muss nicht mit allen Werken etwas anfangen können – aber jeder Besuchende wird eine ganze Reihe von Bildern finden, an denen er hängenbleiben wird und mit denen sich eine Beschäftigung lohnt.

Der Zeitgenosse Pius Fox experimentiert mit der Wirklichkeit durch Form und Inhalt. Welche Wechselwirkung gibt es denn da beispielsweise zu Max Ernst?

Max Ernst, der Surrealismus, das ist mehr eine Haltung als ein Stil. Max Ernst arbeitet mit inneren Bildern und bringt eine sehr subjektive Form der Kunst hervor. Die Formen, die Inhalte, die beide Künstler anbieten, spielen auf Bekanntes an, eröffnen aber ein weites Feld für eigene subjektive Assoziationen.

Die Meisterin der visualisierten Abstraktion der Welt müsste eigentlich irgendwann eine körper- und seelenlose KI werden, oder?

Die konkrete Kunst musste sich manchmal den Vorwurf gefallen lassen, kalte Kunst zu sein, da sie vielfach auf mathematischem Denken basiert. Wie viel Seele und wie viel Körper in jeder Art von Kunst ist, die von der Wirklichkeit abstrahiert oder Neues erfindet, zeigt gerade diese Ausstellung. Kunst muss Körper und Seele haben, sonst bleibt sie reiner künstlicher Effekt.

Nicht viel zu sehen. Wege der Abstraktion 1920 bis heute | 18.2. - 1.9. | Von der Heydt-Museum Wuppertal | 0202 563 62 31

Interview: Peter Ortmann

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