Der Ort des Geschehens ist keine Küstenstadt auf Zypern Ende des 15. Jahrhunderts, sondern eine Militärbasis auf Diego Garcia, dem größten Atoll des Chagos-Archipels im indischen Ozean im indischen Ozean im Hier und Jetzt. Es geht nicht um einen schwarzen Feldherren der venezianischen Flotte und Statthalter besagter Insel, sondern um einen weißen Aufsteiger in einer dominanten Männergesellschaft. Seine weiße Gattin ist keine treue, unschuldige Frau, sondern eine schwarze Außenseiterin. Sie steht im Mittelpunkt und wird detailliert durchleuchtet. In dieser neuen Sichtweise hebt Regisseurin Katharina Kastening Giuseppe Verdis Oper „Otello“ auf die Bühne des Wuppertaler Opernhauses.
Neue Konstellationen
Matthias Kronfuss hat dazu eine Bühne geschaffen, die Teile des von der Außenwelt abgeschnittenen Stützpunkts in Szene setzen. Der erste Akt spielt vor einer Häuserfassade mit einer Plattform vor der ersten Etage. Nach dem stürmischen Beginn mutiert der Platz davor zu einer Grillparty mit viel Alkohol. Im zweiten Akt offenbart sich das Lager bis in den letzten Winkel streng überwacht. Die überall installierten Kameras werfen ihre Bilder auf zig Monitore im Kontrollzentrum, explizit Desdemonas Aufenthaltsorte und die sie umgebende Personen. In einer heruntergekommenen Sporthalle erreichen anschließend die Intrigenspiele ihren Höhepunkt. Das Finale findet zunächst draußen vor der Wohnung des Paars statt. Danach hebt sich die Außenwand. Gewahr wird eine Kammer gleich eines Ferienzimmers mit kleiner Küchenzeile und einem Doppelbett, wo Otello erst Desdemona und dann sich selbst zur Strecke bringt. Die Kostüme im aktuellen Militärlook und zeitgemäße Alltagskleidung hat Devi Saha entworfen.
Intrigen dienstlich und privat
Kastenings Inszenierung überzeugt mit einer konventionellen Personenführung. Sie richtet ihren Blick primär auf die Protagonistin. Sie bringt ihren empathischen und psychisch-bewegenden Charakter detailliert zur Geltung und zeigt auf, wie diese sensible Frau ganz allmählich zermürbt wird. Nur ist es hin und wieder des Guten ein wenig zu viel, wenn Desdemona auf der Bühne eine zentrale Rolle auf der Bühne spielt und sie zusätzlich in Videosequenzen von Frouke ten Velden vor und hinter die Szene gebeamt wird. Sinn macht es dagegen, wenn während der Umbaupausen zwischen den Akten von Texte über Desdemona von William Shakespeare aus den Lautsprechern kommen. Nur der dazu an den Vorhang gebeamte grüne Wald ist unergründbar. Außerdem wird klar der vollkommen abgeschottete Bezirk dargestellt. Dieser Zustand führt dazu, dass Karrieregeilheit und Intrigen im Dienst auch im Privatleben Einzug halten. Gerade in der Turnhalle mit ihren geschlossenen vier Wänden geschehen die fatalsten Dinge. Und Otello wird vollends zu Jagos Spielball.
Höchste Qualitäten
Verdi verlangt den Darstellern höchste gesangliche Qualitäten ab. Diesen hohen Anforderungen wird die nigerianisch-amerikanische Sopranistin Francesca Chiejina als Desdemona in allen Belangen voll gerecht. In allen Lagen bringt sie mit strahlenden, beweglichen Klangfärbungen, locker selbst im Pianissimo in hohen Tongefilden sämtliche Seelenzustände absolut glaubwürdig über die Bühne. Gerade ihr finales „Ave Maria“ geht zu Herzen. Die Partie des Otello zählt mit zu den anspruchsvollsten im gesamten Tenorfach. Wenngleich die geforderten martialischen Ausbrüche manchmal zu forciert, gepresst-schrill daherkommen, überzeugt Charne Rochford in der Titelrolle mit sattelfesten, kraftvollen Gesängen. Auch hätte er den zarten, verzweifelten Schluss noch ein wenig feinfühliger zu Gehör bringen können. Jago, dem durchtriebenen Strippenzieher, der Otello und Desdemona mit seinen Intrigen richtig fertig macht, hat der Komponist eine ganz große dramatische Baritonrolle verliehen. Dieser Partie wird Byung Jun Ko mit seiner tief klingenden, durchsetzungsstarken Stimme gerecht, wobei manchmal etwas mehr Härte im Ausdruck nicht geschadet hätte. Die fünf weiteren Solorollen gestalten Edith Grossman (Emilia), GroMilan de Korte (Cassio), Sergio Augusto (Roderigo), Oliver Weidinger (Lodovico) und Bart Driessen (Montano) ausgezeichnet. Hinzu gesellen sich die von Eva Caspari blendend vorbereiteten Opern-Clubs (Kinder- und Jugendchöre) mit schönen, anmutigen Gesängen. Auch Opernchor und Extrachor der Wuppertaler Bühnen(Einstudierung: Ulrich Zippelius) glänzen agil mit ausdrucksstarken Vorträgen.
Verdi vor Ort
Aus dem Orchestergraben kommt schattierungsreich fein durchstrukturierte Musik. Denn unter der umsichtigen Leitung von Yorgos Ziavras sorgt das Sinfonieorchester Wuppertal für einen großen musikdramatischen Fluss und eine psychologisch nuancierte Klangsprache.
Nachdem die letzten Premieren nicht gut besucht waren, ist das Haus nun restlos ausverkauft. Denn endlich hat Wuppertal, salopp ausgedrückt, wieder einen Verdi vor Ort. Und es zeigt sich dieses Mal, dass die Zahl der Opernfreunde hier nach wie vor sehr hoch ist. Sie kommen alle, wenn ihren Wünschen Rechnung getragen wird. Das Premierenpublikum zeigt sich hocherfreut, wofür der begeisterte, lang anhaltende Schlussapplaus spricht.
Otello | 7.11., 11. und 27.12., 29.1., 21.2. | Oper Wuppertal | Info
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